You really have to throw these rocks out of your mind, boy.
But don’t stumble over them if you have finished the job.
– Malcolm Yermo
Ich bin ein Fenstersammler. Ich sammle leere Fenster ein, die über eine Wiese verstreut liegen. Ich benutze einen der Wagen dafür, wie man sie von Flughäfen kennt; ein Rad klemmt, und es hinterlässt Furchen in der Erde. Ich frage mich, ob es Musik ist, was ich da höre. Die Fensterrahmen haben keine Farbe. Ich weiß nicht, was mit den Scheiben passiert ist, aber niemand stellt ernsthaft Fragen deswegen.
Weil es also solche Dinge waren, die ich fortwährend träumte (meist dann, wenn sich die Dunkelheit schon wie eine Assel vor dem aufziehenden Morgen einrollte), beschloss ich mir eine Nachtschnecke zu besorgen, um die Lage besser einschätzen zu können. Es gab da ein Geschäft in Galgenhof, ich hatte es letztens im Vorbeigehen gesehen, als ich mit einem Sack schmutziger Klamotten auf dem Rücken zur Wäscherei lief und bemerkte, dass die Ampel gerade rot wurde. Auf dem Schaufenster stand in wolkigen Lettern Oudh – Quelle für neues Bewusstsein, und dahinter ein geschnitztes Bild aus Holz, das Frauen in sackartigen Roben zeigte, wie sie ihre Haare in einem Fluss wuschen.
Ein helles Geklimper ertönte, als ich eintrat. Die Luft war schwer von Räucherstäbchen, obwohl es eher roch, als würde einer dieser bunten Duftbäume, die in Autos unter dem Innenspiegel baumeln, in einer Schale vor sich hin kokeln. Der ganze Raum war bis unter die Decke mit Utensilien gefüllt, ein zwangloses Miteinander der Weltreligionen und ihrer verrufenen Halbgeschwister vor violett tapezierten Wänden. Ich inspizierte dicke Buddhastatuen aus Bronze, mattsilberne Kruzifixe und Holzfiguren mit langgezogenen Körpern und Köpfen, dann wühlte ich ein wenig in einer Kiste voll bunter Steine, die merkwürdig warm waren. In den Bücheregalen waren sorgfältig Werke über Ufologie, Zahlenmystik und Astrologie einsortiert, nur eines der Regale war mit einem faltigen Tuch voller Runen verhangen. Ich blätterte gerade in einem Buch über die verlorene Stadt Shambhala, als eine sehr dünne, ausgemergelte Frau hinter einem Vorhang aus Perlschnüren hervortrat.
„Schantih, Bruder“, grüßte sie, als sie mich da stehen sah. „Hallo“, sagte ich und wandte ich mich wieder dem Buch zu, ich wollte einen souveränen Eindruck machen, das war mir durchaus wichtig. Ich überflog schnell noch einmal den Klappentext, legte es ins Regal zurück und begab mich zum Tresen. Der Teppichboden federte meine Schritte, alles wirkte weich und gedämpft, kein Laut drang von außen herein. „Ja?“, fragte die Frau. Sie trug weite Pluderbatikhosen und Ketten mit hölzernen Anhängern, und aus irgendeinem Grund kam mir plötzlich der Strand in Goa in den Sinn, an dem man in den späten Sechzigern einige Hippies tot aufgefunden hatte, deren nackte Körper eine Art Sonne gebildet hatten; ich glaubte, bei einestages darüber gelesen zu haben. Der Frau sagte ich rasch, dass ich gerne eine Nachtschnecke erwerben mochte.
Zu meiner Erleichterung nickte sie nur und bat mich dann zu warten, während sie durch den Perlschnurvorhang verschwand, hinter dem sich eine Kammer verbarg, die wohl Büro und Lagerraum zugleich war. Ich beobachtete, wie sie (von den Schnüren in zitternde, gleichmäßige Streifen zerschnitten) ein Terrarium aus der untersten Schublade eines Regals hervorzog, das mit einem schwarzen Tuch bedeckt war. Schließlich kehrte sie mit einer Dose in der Hand zurück, in der früher einmal Caro-Kaffee gewesen war und stellte sie auf den Tresen.
„Sie wissen Bescheid?“, fragte sie.
Ich nickte.
„Nehmen Sie die Schnecke nur bei gedimmtem Licht heraus, und warten Sie, bis sie sich wirklich festgesaugt hat. Legen Sie sich so hin, dass Sie sich während der Nacht nicht herumdrehen können.“
„Okay“, sagte ich.
Die Frau deutete auf einen Stapel kleiner Büchlein, die neben der Kasse lagen. „Wenn sie möchten, können Sie das hier gerne mitnehmen, darin sind die Bedeutungen aller Farbtöne detailliert beschrieben. Es ist dann ganz leicht, die Spuren richtig zu lesen.“
„Nein, vielen Dank.“ Ich hatte das Preisschild bemerkt und war mir sicher, so etwas ähnliches auch im Internet zu finden. Sie schaute kurz zu mir auf, ohne dass sich unter ihrer wächsernen Gesichtshaut eine Bewegung abzeichnete.
„Wenn Sie die Schnecke nach Gebrauch nicht behalten wollen, können Sie sie gerne wieder hierher zurück bringen. Setzen Sie sie auf gar keinen Fall in der freien Natur aus.“
„Gibt es eine preisliche Vergünstigung im Falle einer Rückgabe?“, erkundigte ich mich.
Die Frau schüttelte den Kopf und musterte mich noch einmal, ehe sie den Betrag in die Kasse tippte.
Auf dem Rückweg kaufte ich bei T€DI einen großen Zeichenblock für 99,- Cent, weil das Schneckenpapier der Frau in den Pluderbatikhosen ein Vielfaches davon gekostet hätte, obwohl es sich, wie ich vermutete, lediglich um einen gewöhnlichen Zeichenblock handelte, auf dem vorne die üblichen New-Age-Symbole abgedruckt waren. Die Dose mit der Schnecke stellte ich zuhause unter meinen Schreibtisch, lud mir nach längerem Suchen ein Farbtabelle für Nachtschneckenspuren herunter und druckte sie aus. Später schaute ich mit meinem Mitbewohner einen Film von Godard an, in dem Autos an den Straßenrändern vor sich hin brannten.
Gegen ein Uhr, nachdem ich die Zähne geputzt hatte, holte ich die Dose wieder hervor. In meinem Zimmer verbreitete nun nur noch die Lavalampe ihr schmutzrotes, schummriges Licht. Ich nahm die Schnecke vorsichtig mit zwei Fingern an ihrem Gehäuse heraus, legte meinen Kopf auf das Kissen, strich die Haare zurück und setzte sie an die Schläfe, wo sie sich erstaunlich schnell festsaugte. Sie fühlte sich kalt und feucht an wie eine aufgeschnittene Essiggurke, aber ich fand es nicht unangenehm, es kitzelte höchstens sachte. Mit der Hand langte ich blind nach der Lampe und knipste sie aus.
Meine Träume waren instabil in dieser Nacht; als ich aufwachte konnte ich mich nur noch an vage Bildfetzen erinnern, die einen Arm zeigten, auf dessen Rücken kleine, verkohlte Baumstümpfe wuchsen. Ich tastete nach meiner Schläfe. Die Schnecke ließ sich problemlos entfernen, sie kam mir größer und auch schwerer vor, aber das konnte auch meiner Einbildung geschuldet sein. In einer fließenden Bewegung setzte ich sie auf den Zeichenblock, den ich neben dem Bett bereitgelegt hatte, stand auf und stellte mich erst einmal unter die Dusche. Danach machte ich mir Kaffee. Ein wenig später betrachtete ich das Ergebnis: Unter der Schnecke hatte sich ein feuchter Kreis ausgebreitet; sie hatte sich, wie mir schien, gar nicht erst in Bewegung gesetzt. Keine Linien, keine Spuren. Der Farbton der Schleimlache glich nicht im Entferntesten denjenigen, die in der Tabelle abgedruckt waren, es fiel mir überhaupt schwer, eine Farbe darin zu erkennen (eher musste ich an den Druck denken, der beim Tauchen unter Wasser herrscht, oder eine knackende Frequenz). Ich setzte mich aufs Bett und wartete.
Als eine gute Viertelstunde verstrichen war, stellte ich die Kaffeetasse beiseite und tippte die Nachtschnecke an, ohne bei ihr irgendeine Art von Reaktion hervorzurufen; diesen Vorgang wiederholte ich mehrere Male, bis ich zu dem Entschluss kam, dass die Schnecke ganz offensichtlich hinüber war. Ein scharfer Geruch stieg von dem Zeichenblock auf, der ein bisschen an Benzin erinnerte. Eine Weile blieb ich weiter unschlüssig auf der Bettkante sitzen.
Schließlich trennte ich das Blatt vorsichtig ab und lauschte an der Tür, um zu überprüfen, ob meine beiden Mitbewohner noch schliefen; dann schloss ich die Wohnungstür leise hinter mir und ging barfuß durch den Keller in den Innenhof hinaus. Draußen war es noch kühl und klar. Es kostete mich einige Mühe, die Schnecke von dem Blatt zu lösen, und als ich sie entfernt hatte, hinterließ sie ein kreisrundes Loch im Papier. Ich hob den braunen Deckel und schmiss die sterblichen Überreste in die Biotonne. Das Papier hielt ich nach oben ins Licht.
Das Loch darin umrahmte die noch schwache Morgensonne wie eine Schablone.




