Alltag du Sau (11): Helene Fischer

Sie kommen! Helene-Fuscher-Fans in Hamburg. (Foto: Falk Schreiber)
Sie kommen! Helene-Fischer-Fans in Hamburg. (Foto: Falk Schreiber)

Ein beruflicher Termin lockt mich in ein Refugee-Erstaufnahmelager, zwischen süßlich stinkender Müllverbrennungsanlage, Autobahn und dem Fußballstadion des schon wieder nicht abgestiegenen HSV, in dem heute Helene Fischer das ausverkaufte zweite ihrer Hamburger Konzerte spielt. Helene Fischer, die mich überhaupt nicht interessiert, zu der ich kein Verhältnis habe. Unzählige Fischer-Fans wandern mit mir durchs Gewerbegebiet, ich auf der Suche nach der euphemistisch „Durchreiselager“ genannten Einrichtung, die Fans auf der Suche nach dem Stadion. Es sind Menschen aller Altersstufen, trutschig daherkommende Frauen mit gottergebenen Männern an der Hand, klar, das hatten wir erwartet. Aber parallel auch Jungsgruppen. Einzelne Frauen. Halbwegs coole Mütter mit halbwegs coolen Töchtern. Aufgebrezelte Frauen, viele High Heels, viele Tattoos, man kann nicht sagen, dass das hier vor allem Muttchenästhetik ist. Die Mehrzahl des Publikums wirkt deutsch, aber immer mal wieder hört man fremde Sprachen, bisschen russisch, bisschen türkisch. Das ist hier nicht so homogen, wie ich es erwartet habe.

Im Tunnel unter der S-Bahn verteilen zwei Mitglieder der Helene-Fischer-Ultras Flyer, Einladungen zur „Großen Schlagerparty“. Die meisten Fans nehmen einen und werfen ihn praktisch mit derselben Handbewegung wieder weg: Der Tunnelboden ist bedeckt von einer Flyer-Papiermatsch-Schicht. Später ist der Weg gesäumt von Buden, es gibt Schwenkgrills mit verbrannten Steaks, es gibt Dosenbier, es gibt unzählige Boxen, aus denen ohne Unterlass Helene Fischer dröhnt, Atemlos durch die Nacht.

Weswegen lassen sich diese Menschen darauf ein? Weswegen lassen sie sich abspeisen mit Billigfutter, Billigalk, Billigmusik, weswegen zahlen sie ab 70 Euro für ein Konzert, wo sie für deutlich weniger Geld viel bessere Musik bekämen? Die Menschen hier wirken vielleicht nicht alle wie Nobelpreisträger, aber sie wirken auch nicht doof, die müssen doch kapieren, wie sie hier abgezockt werden?

Aber sie holen sich noch ein Bier, sie grölen noch einmal mit, atemlos, atemlos. Sie kapieren schon, was mit ihnen gemacht wird, aber sie freuen sich, weil sie meinen angewiderten Blick sehen. Sie haben alle Texte gelesen, in denen das Feuilleton sich über Helene Fischer ausgelassen hat, sie wissen um die Analysen, nach denen das schlechtes, irrsinnig schlechtes Entertainment ist, und sie zahlen trotzdem dafür. Weil sie das Feuilleton hassen, und wenn das Feuilleton schreibt, dass etwas schlecht sei, dann finden sie es extra gut. Wir sind gescheitert, wir hätten das ganz anders angehen müssen, wir hätten schreiben müssen „Helene Fischer, ganz großartig!“, dann hätte es vielleicht funktioniert, und die Leute hätten den Kram nicht mehr gehört, aber, naja, so wichtig war es uns dann auch nicht. Selbst schuld, Feuilleton. Ich biege nach links ab, zum Camp, die Masse zieht weiter zum Stadion, sie singen, sie grölen.

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Falk Schreiber Verfasst von:

Falk arbeitet als Redakteur und Theaterkritiker in Hamburg.

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