Unverblümtes Unrecht

Gay Marriage

Guter Rat ist teuer, schlechter noch teurer. Besonders am Sonntag, im Westfalen-Blatt. Im Zweifel kostet er einen nämlich eine schöne Beziehung zu seinem eigenen Bruder. Zum Beispiel, wenn man sich sorgenvoll an die Ratgeberredaktion wendet, weil man Angst hat, seine beiden Töchter auf eine Hochzeit von zwei Männern mitzunehmen und dort Blumen streuen zu lassen.

Man bekommt dann Recht und Bestätigung, wo man lieber ein bisschen verbal geschüttelt werden sollte. Aber ja, meint stattdessen die Redakteurin, es stimme: Die beiden Grundschulkinder könnten verwirrt werden, wenn so etwas Ernsthaftes wie die Ehe für Homosexuelle gelten soll. Da sollen sie dem Treiben lieber ganz fern bleiben. Auch wenn es sich um ihren lieben Onkel handelt, der mit seinem Freund den Rest seines Lebens verbringen möchte.

Weil ich ganz anderer Meinung bin, übernehme ich mal das verbale Schütteln an Stelle der Redaktion:

Lieber Bernhard,

es ist für Homosexuelle tatsächlich schwierig, eine gelungene Hochzeitsfeier zu planen. Vor allem, weil sie nach deutschem Recht immer noch nicht eine Ehe eingehen dürfen wie alle anderen auch, sondern nur eine “eingetragene Lebenspartnerschaft” mit weniger Rechten. Blumen streuen, Reis werfen – alles Rituale einer typischen Hochzeitsfeier – das ist leider auch irgendwie mit einem negativen Beigeschmack behaftet: Normalerweise Zeichen für die erhoffte Fruchtbarkeit und einen reichen Kindersegen in kommenden Jahren, wird auch dabei die rechtliche Diskriminierung von gleichgeschlechtlichen Paaren deutlich. Wenn sie nicht über gewisse Ressourcen verfügen und Schleichwege beschreiten, können zwei Männer, die gerne Väter sein wollen, nämlich immer noch nicht eine Familie gründen. Da Sie, wie Sie sagen, ihren Bruder und seinen Freund für wunderbare Menschen halten, muss ihnen dieser Umstand ziemlich leid für die beiden tun. Verdrängen ist aber keine Lösung, drum gehen sie hin und feiern sie auf der Hochzeit, dass wir immerhin schon so weit gekommen sind.

Seien sie aber unbesorgt: Von all dem Unrecht kriegen ihre Töchter nichts mit, dazu sind sie noch zu klein. Ihre Töchter sehen nur, dass ihr toller Onkel einen tollen Mann gefunden hat, den er liebt und mit dem er für immer zusammensein möchte. Dass daran etwas komisch sein könnte, würde denen gar nicht einfallen. Stattdessen würden sie stolz Rosen streuen und anschließend so viel Torte und Marzipandekor essen, bis ihnen die Bäuche wehtun.

Was sie vermutlich aber im Kopf niemals zusammenkriegen würden: Warum sie bei diesem schönen und wichtigen Tag im Leben ihres Onkels nicht dabei sein dürfen. Und warum der Onkel mit dem Papa nicht mehr reden mag. Darum versuchen sie, das Leben ihres Bruders nicht mit veralteten, gesellschaftlichen Scheuklappen zu sehen. Sehen sie diese Liebe mit neuen Augen. Mit denen ihrer Kinder.

Auch meine beiden Söhne werden bald ihre ersten schicken Anzüge kaufen und das erste Mal bei einer Hochzeit Blumen streuen. Onkel Flo und Onkel Sebastian, ich hoffe, ihr habt genügend Torte bestellt!

Dieser Beitrag von Gastautorin Rebecca Sandbichler erschien zuerst hier

(Foto: Flickr / Purple Sherbet Photography)

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2 Kommentare

  1. 19. Mai 2015
    Antworten

    Ich freu mich, dass Rebecca Sandbichler so schöne Worte gefunden hat. Ich selbst bin immer noch sprachlos und weiß gar nicht, worüber ich mich am meisten aufregen soll.

  2. 20. Mai 2015
    Antworten

    […] unbegreiflich, was daran so schwer sein soll. Anlass für meine aktuelle Fassungslosigkeit ist dieses Fundstück hier, das seit gestern durch die Medien geistert, wo ein Mann sich an die Beratungstante einer Zeitung […]

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