Schweifende Streifen: Only God Forgives

Copyright des Originals: Ahmed Hashim - flickr.com und ahhfoto.com, Nutzung unter Verwendung der Creative-Commons-Lizenz
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Ryan Gosling. Dieser Dackelblick, dieser über’s Sixpack gespannte V-Ausschnitt, dieser charmante Bruch in der Augenbraue, der ihm etwas Gefährliches verleiht – und dieses ständige Schweigen. Ja, das macht sie heutzutage aus, die Helden. Alle drücken „Gefällt mir“, Ryan nicht. Er macht einfach… nichts. Wie tiefgründig und mysteriös. Mit „Only God Forgives“ wurde ihm ein filmisches Denkmal gesetzt, dass genauso langweilig ist wie er selbst. Gerade mal 90 Minuten lang, fordert er ab der zweiten Minute schon höchste Konzentration, sonst nickt man weg. Eigentlich passt das wehleidige Gehabe in „Only God Forgives“ perfekt nach Berlin.

Da Regisseur Nicolas Winding Refn gerne möglichst wenig Licht am Set hat, drehen wir im Berghain. Wie in der Vorlage reist die Filmmami gen Berlin, nachdem der große Filmbruder von Ryan an einer Überdosis Selbstjustiz gestorben ist. Selber Schuld. Hätte er mal keinen Stress mit dem Türsteher angefangen. Ryan ist verwirrt. Ist er doch trotz dämlicher Gangstergeste reingekommen.

Aber es ist Samstagnacht, er endlich aus der Warteschlange raus und hat besseres zu tun, als sich um den Bruder zu sorgen. Lieber schaut er einer jungen Frau beim Masturbieren zu. So scheinen Stunden zu vergehen. Masturbation, durch neonbeleuchtete Gänge laufen, Masturbation. Dazwischen ein wenig Hundetanz – tja, hier ist eben alles erlaubt!

Trauriger Blick. Danach wartet das Abendessen mit Mutti im schicken Mitte um Klarheit in die filmische Struktur zu bringen. Seine Prostituiertenfreundin soll sich ein schönes Kleid anziehen, damit Mutti nicht meckert. Da ist er echt rigoros und kann selbst mit seinem sonnenbrillengeschützen Blick noch töten!

Hilft alles nix: Laut Mami ist Ryan ein Weichei und sein Bruder wäre sowieso viel besser gewesen, weil… sein Penis größer war. Da ich mit zwei Brüdern aufgewachsen bin, kenne ich solche völlig normalen Diskussionen beim Abendessen natürlich. Im hedonistischen Freizeitsektor Berlins mag dieses Argument sogar wichtig sein, Ryan bebt förmlich nach dieser verbalen Attacke. Ich habe Angst – bekommt er da etwa Emotionen?

Er stiefelt zum Berghain und will den Türsteher zur Rede stellen. Nun ja, das ist nett formuliert. „Wanna fight?“ sind seine Worte. Es spricht! Sven Marquardt schaut ihn so gleichgültig an wie ein Nacktmull. Die Tanzfläche wird gerade eh geräumt, es ist mittlerweile Sonntag Abend. Alle sind Tatort schauen statt am Tatort zu sein. Ein typischer Moment in der Eventgroßstadt. Ryan gibt sein Bestes, z.B. sein Designersakko, brav an der Garderobe ab, bevor er sich… verprügeln lässt. Puh, von meinem ersten Boxkampf im Berghain hatte ich mir mehr erwartet, sogar etwas Befriedigung einfachster Gefühle wie Neid. Nichts da. Ich gähne, Ryan liegt am Boden, das Auge blau und die Lippe rot.

Sven geht mit stoischer Gelassenheit zurück zur Tür. Ihm wird das nun zu bunt hier. All diese besoffenen Teenies mit ihren Weltproblemen – wo sind die Erziehungsberechtigten?! Das Jugendamt gibt aufgrund von Personalnot nur zu gerne Auskunft und lässt Sven gewähren. Ryan sitzt derweil wieder traurig herum, wie eben jeder traurig dasitzen würde, nachdem der eigene Penis gedisst wurde. Der Film endet mit Sven im verlassenen Berghain. Um ihn herum werden die Scherben der vergangenen Nächte weggekehrt – er singt gelassen ein Lied. Etwas, wovon Ryan nur träumen kann.

Aber vielleicht war dies alles auch nur ein Traum? Das wäe wünschenswert – für alle Beteiligten. Denn dieser sogenannte Gott mag ja viel vergeben, aber diesen Film… ne, das wird nix mehr.

Enrico Seligmann Verfasst von:

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