Als das Artville noch Kunstcamp hieß: 2013. (Foto: Pablo Heimplatz)

Als das Artville noch Kunstcamp hieß: 2013. (Foto: Pablo Heimplatz)

Enno, Das Kunstcamp heißt ab sofort MS Artville. Weswegen diese Umbenennung?

Der Beweggrund war die Feststellung darüber, dass sich mit dem Verlassen der bisherigen künstlerischen Leitung ein neues Kapitel für die Kunst eröffnen würde.

Wurde bislang die Verbindung zwischen Kunstcamp und Dockville nicht ausreichend gewürdigt?

Das Kunstcamp hat sich aus dem Kunstanspruch des MS Dockville Festivals entwickelt. Die Kunst war immer ein übergeordnetes Herzblut-Thema und das wird auch immer so bleiben. Die Namensänderung betont hier nur noch mal, wie sehr Beides miteinander verbunden ist und auch, wie wichtig dieser Verbund ist.

Nicht nur der Name ist neu, auch das Kuratorenteam hat gewechselt. Eigentlich heißt es ja „Never change a winning team“, weshalb denn jetzt die Neukonzeption?

Unsere ehemalige Kuratorin hat uns Anfang letzten Jahres darüber informiert, dass sie nach dem Dockville 2013 neue, eigene Wege gehen wolle. Die Zusammenarbeit war über viele Jahre großartig und wir wünschen ihr alles Gute für die Zukunft. Auch wenn sich unsere Wege jetzt getrennt haben, lässt sich festhalten, dass in der Zusammenarbeit etwas Einmaliges entstanden ist.

Dockville-Mitbegründer und Artville-Kurator Enno Arndt. (Foto: Stefan Malzkorn)

Dockville-Mitbegründer und Artville-Kurator Enno Arndt. (Foto: Stefan Malzkorn)

Sind nur Name und Team neu, oder gibt es auch eine inhaltliche Neupositionierung? 

Das Team ist insofern nicht wirklich neu, als dass wir zu einem Großteil intern umgekrempelt haben statt neu zu besetzen. Sehr froh bin ich, dass Personen, die früher bereits für die bauliche Umsetzung der Projekte verantwortlich waren, jetzt auf sehr schöne Weise in konzeptionelle Rollen schlüpfen konnten. Was die inhaltliche Neupositionierung anbelangt, so wird das Prozessuale auf andere Weise als bisher hervorgehoben. Anstatt der Unterteilung in internes und externes Kunstcamp, wächst die Kunst zukünftig über den Zeitraum des Artville von Woche zu Woche, und die BesucherInnen können an den Wochenenden, den Eckpunkten ständig neues entdecken und so den Prozess miterleben.

Ihr verzichtet beim MS Artville auf ein Thema. Weswegen?

Kein Thema war das Thema. Wir haben dieses Thema bewusst für das erste MS Artville gewählt, um zu gucken, wohin uns die Reise führt. Das Thema wurde damit automatisch die Suche. Von der Methode her war es in etwa so, dass wir auf einige KünstlerInnen gezielt mit Ideen zugegangen sind. Diese Ideen waren meist schon inspiriert von den Werken der KünstlerInnen. Im Dialog wurden die Ideen so lange neu codiert, bis etwas Neues, Gemeinsames entstanden ist. Bei der späteren Ausschreibung war der Prozess mit getauschten Rollen ein ähnliches Codierungs-Pingpong. In diesem Prozess kristallisierte sich dann mit der Zeit doch immer mehr ein Thema heraus, was anfänglich noch gar nicht richtig greifbar war. Im Spätfrühling hatte ich ein längeres Gespräch mit einer Künstlerin über die Idee, eine Art Kunst-Straßenkreuzung zu bauen. Das Projekt müssen wir aus zeitlichen Gründen auf 2015 verschieben, aber da hat es geklickt. Der Gedanke war letztlich extrem naheliegend und simpel, dass das Artville selbst das Thema ist.  Dahinter steht die Auseinandersetzung mit dem Ort an dem wir leben, was wir dort lieben, was wir dort hassen und was wir wie verändern können.  In diesem Jahr stecken wir also irgendwo zwischen dem Nicht-Thema und Artville, und nächstes Jahr ist es dann bewusst Artville und damit Kunst und Stadt, Kunststadt und all die Facetten, die das Thema so mit sich bringt. Letztlich sind das natürlich alles Dinge, die auf bestimmter Ebene immer Thema bleiben werden, weil sie einfach permanent beschäftigen und herausfordern.

Ich mochte am Kunstcamp immer, dass es viel mehr war als nur eine Ausstellung, sondern ein Erleben der Kunst im Rahmen von kleinen Festivals, Events, Prozessen. Dieses Jahr habe ich aber den Eindruck, dass das MS Artville ausschließlich aus diesem „Mehr“ besteht: Die Homepage spricht von unzähligen Veranstaltungen, Sonnenfeste, Vogelball, Butterland – aber um Kunst im Sinne von Bildender Kunst scheint es nicht mehr zu gehen. Oder?

Dass dieser Eindruck entsteht, ist meines Erachtens schlicht dem Umstand geschuldet, dass wir die Kunst sehr viel später bekanntgegeben haben, weil wir mit dem Veranstaltungsprogramm einfach früher fertig geworden sind. Mittlerweile ist das künstlerische Programm komplett, und wir sind hochzufrieden. Der Findungsprozess war, wie du vielleicht an der vorherigen Frage merkst, einfach etwas langwieriger, dafür aber umso fruchtbarer. Bei sämtlichen Formaten spielt die Verknüpfung mit Kunst eine große Rolle, beziehungsweise kann man schon sagen, dass sich Formate und Kunst oft bedingen.

Vielleicht sollte man grundsätzlich einmal die Frage stellen, was für eine Kunstdefinition das MS Artville anlegt?

Es handelt sich eher um eine nonlineare Definition, im Wesen auf der stetigen Suche nach neuen Bedeutungsebenen, im Kern der Subversion behaftet. Thema ist die Sichtbarwerdung künstlerischer Prozesse – von der Schöpfung, dem Entstehungsweg bis hin zur Fertigstellung. Themen sind die Auseinandersetzung mit urbanem Raum und die Auseinandersetzung mit Publikum. Thema ist die Gestaltung einer Umgebung, in der sich alle auf Augenhöhe begegnen. Thema ist die Liebe zur Kunst und ebenfalls der Zorn darum. Thema ist letztlich der Spaß daran, Impulse zu geben, etwas auslösen, zu irritieren.

Wenn ihr auf die Kunstcamps der vergangenen Jahre zurückschaut: Wurden Fehler gemacht? Was für welche?

Das ist eine komische Frage. Mit dem Kunstcamp wurde ohne vorhandene Blaupause durch viele Menschen ein neues, sehr komplexes Projekt aus dem Boden gestampft. Natürlich wurden hier Fehler gemacht. Wer denkt, er sei fehlerfrei, schwebt wahrscheinlich auf einer Wolke und merkt ansonsten nicht mehr viel.

Als das Dockville vor acht Jahren startete, war die Einheit aus Musikfestival und Kunst neu. Mittlerweile ist sowas eigentlich Standard, selbst Rock am Ring hat ein Kunstzelt, auch wenn das qualitativ in keiner Weise mit dem vergleichbar ist, was ihr macht. Versucht ihr, euch von sowas abzugrenzen?

Ja, das ist sehr auffällig. Ich hatte die Idee für das Dockville schon zwei, drei Jahre vorher im Kopf. Für mich waren die Liebe zur Kunst und die zur Musik einfach überhaupt der Beweggrund, das Festival auf die Beine stellen. Es war absolut keine strategische Entscheidung, eher im Gegenteil. In Bezug darauf, dass sich heutzutage eigentlich jedes Festival Kunst nennt, welches drei Kunstposter aufhängt, möchte ich mich eigentlich nicht mehr dazu äußern als dass ich es mit diesem Satz vielleicht bereits tue.

Gab es einmal die Idee, das gesamte Jahr über noch präsenter in der Stadt zu werden? Beispielsweise durch eine Ausweitung der Spielzeit – man könnte ja theoretisch das MS Dockville im August lassen, mit dem MS Artville in den Herbst gehen, den Vogelball um den Jahrenswechsel veranstalten?

Nein.

Noch eine persönliche Frage zum Abschluss: Jedes Jahr ärgere ich mich von neuem, dass das MS Dockville parallel zum Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel läuft. Könnte man das nicht besser koordinieren? Die Zielgruppen dürften doch fast zu 100 Prozent dieselben sein?

Dadurch, dass die Kunst bei uns räumlich und zeitlich ans Festival angedockt ist und dass auch so bleiben soll, haben wir kaum Spielraum was das Datum anbelangt. Auch Kampnagel hat ja mit den zahlreichen anderen Formaten bestimmt eine zeitliche Eingrenzung. Wir freuen uns eher über den Wonnemonat August, kulturell gesehen.

MS Artville, 19. 7.–9. 8., Reiherstieg, Hamburg-Wilhelmsburg, unter anderem mit Vogelball (2. 8.), Butterland Open Air (3. 8.), Manifest (9. 8.).

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