Auf Schnitzeljagd

Es läuft einem kalt den Rücken runter. (Erwin Wurm: One Minute Sculptures, 1997. Courtesy: Centre Georges Pompidou, Paris; FRAC Limousin, Limoges, © Studio Wurm/VG Bild-Kunst, Bonn 2014)
Es läuft einem kalt den Rücken runter. (Erwin Wurm: One Minute Sculptures, 1997. Courtesy: Centre Georges Pompidou, Paris; FRAC Limousin, Limoges, © Studio Wurm/VG Bild-Kunst, Bonn 2014)

Undichso: „Ein Ticket für die Erwin-Wurm-Ausstellung, bitte.“ Unddiefrauanderkasseso: „Erwin Wurm ist im gesamten Haus verteilt. In allen Sammlungen, und im Garten auch. Sie müssen ihn suchen.“ Und dann lacht sie.

Undichso: Hä, aber, na gut, dann eben Schnitzeljagd. Wobei, so schwierig ist es nicht, die Arbeiten des erfolgreichsten zeitgenössischen Künstlers Österreichs im Frankfurter Städel zu entdecken. Man kann davon ausgehen: Sobald in einem Raum voller Alter Meister ein Podest steht, und auf diesem Podest liegen Putzlappen, Tennisbälle, Gummibänder, dann ist das wohl kein schlecht aufgeräumter Ausstellungssaal, dann ist das Erwin Wurm. Eine One-Minute-Sculpture: Man bekommt ein paar Requisiten, man bekommt eine comichafte Handlungsanweisung, und dann macht man sich eine Minute lang zum Affen. Man quetscht zwei Tennisbälle zwischen Podest und Stirn (oder man lässt sie eben ungeschickt durch den Raum donnern). Man legt sich auf eine wenige Zentimeter breite Holzschiene (oder man fällt eben mit lautem Getöse zu Boden). Man klemmt eine Reihe Putzutensilien zwischen sich und seinen Partner (oder man bekommt dieses Spiel zwischen Nähe und Distanz eben nicht auf die Reihe und lässt sie zu Boden stürzen).

Wurms One Minute Sculptures machen Spaß, sie sind geprägt von einem fiesen Humor, sie sind auf eine eigenartig einleuchtende Weise hochkommerziell: Spätestens seit die Mainstreamrocker Red Hot Chilly Peppers ihr Video „Can’t stop“ als überlange One Minute Sculpture anlegten, ist klar, wie weit sich Wurm von einem kunsttheoretisch erweiterten Skulpturbegriff entfernt und wie sehr er sich den Konventionen der Pop Art angenähert hat. Einerseits. Andererseits: Das sieht alles nur leicht konsumierbar aus, in Wahrheit existiert bei Wurm immer eine zweite Ebene. Eine Ebene, die Gewalt beinhaltet: Eine One Minute Sculpture besteht darin, dass sich die Betrachterin auf den Boden legt und das Bein eines Bürostuhls auf ihr geschlossenes Auge stellt, es läuft einem kalt den Rücken runter, wenn man sich nur die fotografische Dokumentation anschaut. Oder Sexualität: Vor dem Städel hängt ein Hundehalsband, der Betrachter wird aufgefordert, es sich anzulegen und kurzzeitig zum Tier zu werden. Ich jedenfalls traue mich nicht, die Skulptur zu vervollständigen, zu nahe geht mir dieses Spiel mit Dominanz und Submission.

Wobei „Be a dog for one minute“ natürlich mehr ist als nur ein sinistrer Angriff auf die eigene Sexualität. Es ist auch ein Spiel mit der Kunstgeschichte, ein direktes Zitat von Valie Exports „Aus der Mappe der Hundigkeit“. Was 1968 noch ein feministisches, machtkritisches Statement war, ist heute nur noch ein Spiel, wenn auch: ein kluges Spiel. Er ist ziemlich raffiniert, der Wurm, ziemlich böse auch.

Was dann allerdings wirklich toll ist, was die Schau in Frankurt auch über andere Wurm-Ausstellungen hinaushebt, ist dann aber die Präsentation. Die Tatsache, dass sich einzelne One Minute Sculptures tatsächlich in allen Abteilungen verstecken, Abteilungen dieses Riesenmuseums, die man noch überhaupt nie richtig wahrgenommen hat. Adriaen Brouwer. Dirck van Baburen. Stefan Lochner. Sieht man plötzlich vor der Folie: Erwin Wurm. Sieht man neu. Stellt man in Bezug zu der One Minute Sculpture, die da im Saal entsteht. Und man sieht die Sammlung zum ersten Mal: wirklich.

Erwin Wurm: One Minute Scupltures. Bis 13. Juli, Städel Museum, Frankfurt

Falk Schreiber Verfasst von:

Falk arbeitet als Redakteur und Theaterkritiker in Hamburg.

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