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Zum Theatertreffen lädt eine Kritikerjury die zehn „bemerkenswertesten Inszenierungen“ der letzten Saison nach Berlin ein. (Bild: Berliner Festspiele)

Folgt man den perspektivisch verzerrten Linien der Wände, müsste es einen Fluchtpunkt geben. Irgendwo da draußen. Er liegt hinter dem Fenster, außerhalb des ausgeblichenen grauen Kastens. Die Grenzen der Bühne sind die Wände dieser Zelle. Sie ist leer. Plötzlich Dunkel. Bässe. Licht. Menschen. Aus dem nichts tauchen sie auf. Da steht ein Mann im schwarzen Anzug, daneben zwei Frauen in kurzen Kleidchen, eine von ihnen schwanger.

Sie erheben die Stimmen, ohne zu sprechen. Ihre Worte kommen vom Tonband. Das Vollplayback verleiht den Figuren einen merkwürdig artifiziellen Charakter, der ihre Stimmen ortlos erscheinen lässt. Den Verfremdeten bleibt nichts anderes übrig, als wie ferngesteuert die Lippen zu bewegen, ohne sich frei artikulieren zu können. Frei ist nichts in dieser Welt, die Susanne Kennedy für die Münchner Kammerspiele inszeniert hat. Frei ist weder Olga, die Schülerin, die ungewollt schwanger wird, noch der von der Gesellschaft verachtete Roelle. Die Figuren entstammen Marieluise Fleißers Erstlingswerk „Fegefeuer in Ingolstadt“. Kennedy zerlegt die ursprünglichen sechs Bilder des Stückes in Fragmente, die teilweise nur als Phantom für Sekundenbruchteile aufleuchten. „Sie haben gesagt, ich stinke“ klagt Roelle, dem Christian Löber seinen Körper leiht. Er trägt ein Netzhemd, seine schmierigen Haare schmiegen sich an seinen Schädel, er raucht und schwitzt. Die Inszenierung nimmt sich kurz Zeit für diesen Moment, wie Roelle dort steht und raucht. Und dann wieder zurück in die Dunkelheit, zum Dröhnen und Rauschen. Vor den Augen der Zuschauer bleibt noch für eine Millisekunde das weiße Antlitz seiner Person stehen. Die Charaktere, die im Nichts auf- und abtauchen sind statische Gebilde, puppengleiche Statuen, die von Spießürgerlichkeit und religiöser Engstirnigkeit zeugen. Verkrampft stehen sie da. Jede Bewegung ist ein Akzent, ein kurzes Lösen aus ihrer Starre. Sie reden nur von Bewegung und von Trieben. Wie Olga, gespielt von Çiğdem Teke, die sich von Protasius (Marc Benjamin) bedrängt fühlt. Dabei steht dieser einige Meter weit weg. Dazwischen schwirrt Spannung und Unbehagen. Er mahnt: „Sei still, ich mach dir einen Buben.“ Es folgt die Dunkelheit. So bleibt das Grauen ungesehen, und doch, auch ohne es vorführen zu müssen, ist diese Inszenierung wahnsinnig grausam.

Kennedy schafft es trotz Statik und Stillstand, die Spannung aufrecht zu erhalten. Jede Dunkelheit erschrickt von Neuem, löscht Gegenstände aus und lässt Personen verschwinden. Die von Lena Müller eingebaute Tür wird kein einziges Mal benutzt. Kennedys Ästhetik der Schockstarre löst Unwohlsein aus, so auch an diesem Abend im Hebbel-Theater in Berlin. Im Anschluss an die Aufführung im Rahmen des Theatertreffens bekommt Kennedy den 3Sat-Preis verliehen. Schon 2013 wurde die 36-Jährige in Theater heute zur Nachwuchsregisseurin des Jahres gekürt. Was oft als installationsartig beschrieben wird, erinnert in Ansätzen an Michael Hanekes Film „Das weiße Band“. Das Aushalten der Stille und der Schrecken dessen, was den Blicken entzogen bleibt, verbindet beide. Doch Kennedy lässt Momente der Komik und der Skurrilität einfließen, zeigt kurze Episoden, wie die der betenden Großmutter, die flehend ihre Fürbitten murmelt, während sie sich gierig Suppe in den Mund schaufelt, oder Clementine wie sie im Minikleidchen Staub saugt. Im Hintergrund droht immer die Hölle. Deshalb versucht Olga abzutreiben, scheitert jedoch. Die Flucht in den Selbstmord misslingt ihr, da Roelle sie im letzten Moment rettet. Roelle selbst ist im Laufe der Geschichte zu einem weichlichen, gekrümmten Mann geworden. Seine Knie Zittern, seine Schultern sind schützend nach oben gezogen. Von der Gesellschaft verstoßen legt er stotternd die Beichte ab. Er ist am Boden. Auch die anderen steigen in der letzten Szene in ein Gebet ein. Doch das Glaubensbekenntnis ist zu einer sinnleeren Phrase geworden. In nicht enden wollender Wiederholung spulen sie den immergleichen Text ab, immer höher, immer verzweifelter, bis ihre Stimmen beinahe brechen. Die Suche nach Erlösung scheitert.

Es mag einen Fluchtpunkt geben auf dieser Bühne, aber es gibt keine Flucht aus dieser Welt. Da ist zwar eine Tür, aber kein Ausweg.

Die Münchner Kammerspiele zeigen „Fegefeuer in Ingolstadt“ das nächste Mal am 20. Juni.

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