Wir werden als einen der ersten Schritte mehr Gerechtigkeit schaffen.
– Angela Merkel
In einer Kneipe auf der Insel, also vor einigen Wochen, machte ich – leidlich betrunken zwar – , eine interessante Bekanntschaft. Sie, eine Studentin, erzählte von Gegenwart und Zukunft: Dem ruinösen Bankensektor. Der von Massenkonsum und multimedialem Dauerbeschuss narkotisierten Bevölkerung. Platons Philosophenherrschaft. Recycelbarem Atommüll. Grünem Ökototalitarismus. Der vollständigen Industrialisierung Afrikas. Dem Aufbau einer eurasischen Landbrücke. Dem Abbau von Helium-3 auf dem Mond. Der Besiedelung des Weltalls mittels Kernfusionsantrieben. Dem bevorstehenden Ausbruch des Dritten Weltkriegs.
Ich fand sie zweifellos unterhaltsam, diese ausgeprägte Paranoia mit rechtslastigem Hang zu verschwörungstheoretischem Labyrinthismus. Vielleicht, weil Gespräche wie diese insgeheim eine merkwürdige Selbstsicherheit erzeugen, ein Gefühl der Erleichterung, dass im Grunde genommen doch alles in Ordnung ist. Wenn man eben noch gesagt bekommen hat, dass der imperiale globale Ökofaschismus unmittelbar bevorsteht, neigt man womöglich dazu, alles gar nicht mehr so deprimierend (oder, je nach Sichtweise: ekelhaft) zu finden, was den Zustand der parlamentarischen Demokratie (oder, je nach Sichtweise: Postdemokratie) überhaupt und Wahlen im Speziellen angeht, nämlich:
Überall verschiedenfarbig angemalte Automatenmenschen ertragen zu müssen, die in Phrasen sprechen, in je nach Bedarf verschieden kombinierbaren Worthülsen. Die unerträgliche Albernheit der medial inszenierten Scheingefechte. Das jämmerliche Gezank über Koalitionsoptionen, als ob es im Hinblick auf die Zukunftsvorstellungen dieser Gesellschaft tatsächlich ernsthafte Unterschiede zwischen den etablierten Parteien geben würde.
Die Protagonisten: Eine Kanzlerin, deren Aussagen das Äquivalent zu farb- und geschmacksneutralem Wackelpudding darstellen. Und ein Kandidat, der irgendwo zwischen seinen Überzeugungen, die denen der Amtsinhaberin nicht unähnlich sind, und jenen, die seine Partei ihm zu vertreten aufgezwungen hat, irrlichtert, und diesen Widerspruch mit Lautstärke und Ironie zu kaschieren versucht. John Jackson und Jack Johnson.
Dazu die Vierte Gewalt, die sich entweder nicht entblödet, die immer gleichen, dämlichen Fragen zu stellen („Können Sie eine Koalition mit der Linkspartei definitiv ausschließen?) oder, wie ein einflussreiches Magazin jüngst, den Kandidaten als unbeherrscht und aggressiv diffamiert, bei dem guter Schlaf in der Krise nicht gewährleistet sei. Ein ausgestreckter Mittelfinger und erholsame Nachtruhe als Wahlkriterium: Man dankt für den Hinweis.
Nun ist das alles – das Blendwerk und die Kulissenhaftigkeit des politischen Betriebs –, so altbekannt wie die Abneigung dagegen ein Klischee ist. Das nagende Gefühl, das es immer schlimmer wird, übrigens auch. Ein Wahlkampf, so wird nach außen suggeriert, ist doch eigentlich nur die x-te Wiederholung des immer gleichen. Das Getöse sei ebenso mit einem besonnenen Augenzwinkern zu betrachten, wie die Blumen, die in Form absurder Wahlversprechen gereicht werden, oder die Rhetorik, die besagt, das wahlweise alles sehr gut oder sehr schlecht laufe, in diesem Land. Wir kennen solche toilettären Argumente, nach denen etwas zwar schmutzig, aber notwendig sei, zu Genüge.
Nur, dass wir heute das Jahr 2013 schreiben und nicht 1965, und alles Gerede von die Zukunft ist wie jetzt, nur besser (ein Satz, der in letzter Konsequenz übrigens von allen relevanten Parteien geteilt wird) bloß noch eine leere Aneinanderreihung von Wörtern, und keine Verheißung mehr darstellt. Und so getan wird, als seien wir kollektiv und munter aus der Geschichte gefallen, und würden auf ewig eine sonnendurchflutete Welt aus Wachstum und steigendem Wohlstand konservieren können.
Die Frage, wie ein Gesellschaftssystem in die Zukunft gerettet werden soll, das sich ökologisch, sozial und psychisch mehr und mehr selbst kannibalisiert, überhaupt, wie gesellschaftliches Zusammenleben eigentlich aussehen soll, in zehn, zwanzig, dreißig Jahren, wird auf diffuse Art als etwas angesehen, das außerhalb der politischen Arena anzusiedeln ist. Als ob die vielzitierte mangelnde Visions- und Utopiefähigkeit nichts mit Politik zu tun hätte – was angesichts des Umstands, eigentlich nicht zu wissen, wer überhaupt noch Gestaltungsmacht hat (multinationale Konzerne? Geheimdienste? Nicht demokratisch legitimierte Troikas? Die Märkte? ), und wer hier wen vor seiner Nase tanzen lässt, nicht gerade förderlich für das Vertrauen in das politische System ist.
Es gibt also keinen Grund, erleichtert zu sein, und in Ordnung ist im Grunde genommen auch nichts (was nichts daran ändert, dass die Thesen der eingangs erwähnten Paranoikerin dennoch überwiegend grober Unfug sind). Die logische Konsequenz aus dem unangenehmen Gefühl, dass hier eigentlich überhaupt nichts zur Wahl steht, ist mir ebenfalls bewusst. Ich werde mich am Sonntag trotzdem in der Wahlkabine einfinden.
Ich weiß nur wieder ein kleines bisschen weniger, warum.
Dabei kommt mir das Schaufenster, an dem ich zuletzt vorbei gelaufen bin in den Sinn, es handelte sich um eine Apotheke. Ein Pappindianer stand darin, umgeben von Pappbäumen, abgebrochenen Ästen und einigen Eicheln. Er warb für irgendeine pharmazeutische Salbe.
Ja genau, dachte ich.




