Leverkühn drängelt sich in den Kitschgenieroman

Ängstlicher Blick zur Decke: Ich hab' doch keine Ahnung. (Foto: Falk Schreiber)
Ängstlicher Blick zur Decke: Ich hab‘ doch keine Ahnung. (Foto: Falk Schreiber)

„Wie hieß das Musikgenie in Robert Schneiders ,Schlafes Bruder’?“ Ich weiß es, ich weiß es, hoch die Kelle, geschafft! „Adrian Leverkühn!“ Kichern, spöttischer Blick, in diesem Moment wird mir klar, dass Leverkühn eine Figur von Thomas Mann ist, ein Komponist zwar auch, aber leider aus „Doktor Faustus“, und das ist dann doch eine andere Hausnummer als „Schlafes Bruder“. Ich habe mich lächerlich gemacht, ach!

Davon abgesehen ist das Literaturquiz im Hamburger Literaturhaus natürlich eine ganz großartige Veranstaltung. 99 Fragen zur Literatur, wild wird Zeitgenössisches mit Klassikern gemixt, Hochkultur mit Trivialem, es werden Filmschnipsel eingespielt („Welcher Roman wurde hier verfilmt?“), man sieht absolut unleserliche Unterschriften („Wer hat sich hier im Gästebuch des Literaturhauses verewigt?“), man hört Tonbeispiele („Welche Autorin spricht hier?“), und all das nicht als besserwisserischer Einzelkämpfer, sondern als Teil eines Teams. Nur dass der Teamgeist im Gehetze ein wenig untergeht. Will sagen: Zu Beginn spricht sich das Team noch ab, ob es Antworten auf die teils pippifaxigen, teils wirklich schweren Fragen wirklich weiß, aber das bringt wenig, denn während Team „Rosa“ noch diskutiert, hat Team „Blau“ schon mittels erhobener Kelle angezeigt, dass es die Antwort hat. Also wird die Kelle schon direkt nach der Frage nach oben gerissen, irgendjemand wird schon was wissen. „Team Rosa!“ „Öh.“ Suchender Blick zum Team. „Habt ihr eine Ahnung?“ Und so drängelt sich Thomas Manns Leverkühn in Robert Schneiders Kitschgenieroman. Ein großer Spaß.

Der allerdings, das sollte sich das Literaturhaus zu Herzen nehmen, in der Mitte des Abends ausgebremst wird. Ein schriftlicher Teil, in dem mehrere Übersetzungen eines Textes in die korrekte zeitliche Abfolge gebracht werden müssen: Das ist schlimmer als langweilig, das ist eine Klassenarbeit, bei der am Ende Lehrerinnen durch die Reihen gehen, „Herrschaften! Abgeben!“, nein, es sind keine Lehrerinnen, es sind sympathisch unprofessionelle Literaturhaus-Mitarbeiterinnen, aber dennoch, es ist öde.

Der Abend erholt sich nicht mehr von diesem Downer. Es wird durch den übrigen Fragenkatalog gehetzt, wir bekommen die 99 nicht mehr voll, egal. Team Rosa ist weit abgeschlagen, uns fehlt jetzt ein wenig die Motivation, lieber trinken wir ein leckeres aber, sorry: mit 4,90 Euro für ein zur Hälfte schaumgefülltes Glas deutlich überteuertes, Craft Beer, das geht ein bisschen in den Schädel, wir machen uns lächerlich, wir haben Spaß, andere sind deutlich ambitionierter und nehmen ein Goodiebag des Literaturhauses mit nach Hause. Wir nehmen dafür mit: die Erinnerung an einen schönen Abend. Hat auch was.

Edit: Ich wurde darauf hingewiesen, dass der Abend nicht von Mitarbeiterinnen organisiert worden sei, sondern von Studentinnen. Sympathisch unprofessionell war es trotzdem. Mit Betonung auf „sympathisch“.

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Falk Schreiber Verfasst von:

Falk arbeitet als Redakteur und Theaterkritiker in Hamburg.

Ein Kommentar

  1. 26. Februar 2015
    Reply

    Noch ein kleiner Hinweis von den Organisatorinnen: Es waren im mündlichen Teil sogar 160 Fragen, von denen ca. 140 geschafft wurden – in immerhin fast 3 Stunden. Und, ja, der schriftliche Teil war zu lang. Nach der Lynchstimmung, die beim Quiz im Juli 2014 herrschte, waren wir der Meinung, wir brauchen eine lange Grübelphase, um die Gemüter zu beruhigen. Und es soll ein drittes Quiz geben, aber erst 2016 – so lange brauchen wir, um uns zu erholen und NOCH PROFESSIONELLER zu werden.

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