
Auf rostrotem Teppich wuseln flinke Füße, fleißige Hände decken den Tisch und tragen reichlich Essen auf. Familientreffen laufen auch immer gleich ab. Mutter hat zu viel gekocht, jeder füllt sich den Magen bis zum Erbrechen und noch ein bisschen weiter. Es gilt, stundenlange Geschichten von früher zu ertragen und politischen Themen aus dem Weg zu gehen. An diesem Abend findet der Zuschauer die absonderlich liebenswürdigen Eigenheiten seiner eigenen Familie auf der Bühne wieder. Er selbst nimmt Platz, ist zum Essen bei der Apple Family im beschaulichen Rhinebeck im US-Bundesstaat New York geladen. Im Rahmen des Festivals Internationale Neue Dramatik an der Schaubühne gastierte die Familie jetzt in Berlin. Erdacht hat sich das Konstrukt aus Familienaltlasten und amerikanischer Mittelklassenkultur der Dramatiker, Regisseur und Librettist Richard Nelson.
Wir sind übersättigt mit Meinungen, lassen Journalisten, Politiker und Organisationen für uns sprechen, ohne der Stimme des Einzelnen Platz einzuräumen. Von diesem Standpunkt aus wendet sich Nelson in „The Apple Family Plays“ der Familie zu, sucht dafür, nach Eigenaussage, die komplexesten Charaktere, um sie in den Mittelpunkt zu stellen. Zu Beginn wirken seine Sprachrohre jedoch ein wenig stereotyp: Lehrerin Barabara ist die personifizierte Fürsorglichkeit, ihr Bruder Richard mit grauem Haar und Karohemd kämpft mit seinem anstrengenden Job als Anwalt und seiner einnehmenden Ehefrau, Jane ist die jüngste der Geschwister, versucht sich als Autorin und stellt an diesem Abend ihren Freund Tim vor, einen gescheiterten Schauspieler. Und dann ist da noch ihr Onkel Benjamin, der seit einem Herzinfakt an Amnesie leidet und es bevorzugt, das zu sagen, was die anderen von ihm hören wollen. Oft lächelt er nur warmherzig, nickt und schweigt.
Nelson gelingt es, den Charakteren mit jedem Themenwechsel des Tischgesprächs mehr Tiefe zu geben. Das Stück profitiert dabei von seiner seriellen Anlage. Über die vier Abende hinweg zeichnen sich Charakterentwicklungen ab, und Handlungsstränge werden weitergeführt. Besonders nah geht die Entwicklung von Marian, der dritten Schwester im Bunde. Zu Beginn ist sie eine vor Selbstbewusstsein und Zynismus strotzende Frau, im zweiten Teil ein emotional gezeichnetes Wrack, das sich die Schuld für den Selbstmord ihrer Tochter gibt.

Im Reigen der Konversation schwanken die Szenen zwischen Stammeln, Freude, Melancholie, Missverständnissen, verletzten Gefühlen und Peinlichkeiten. Nelson serviert eine illustre Mischung aus Truthahn, Witzen und Kuchen zum Nachtisch und fordert dabei unsere Sehgewohnheiten heraus. Denn das naturalistische Schauspiel glänzt durch Schlichtheit. Gleichzeitig ist es eine enorme Anstrengung, den erzählten Geschichten konzentriert zu folgen. Kein Knalleffekt, keine ästhetisch ansprechende Visualisierung des Gesagten, kein Bruch desselbigen. Es ist ein statisches Stück Theater, das Nelson dort kreiert. Die einzige Bewegung findet zwischen den Stühlen statt. Wir sind solches Theater nicht mehr gewohnt, glauben, dies längst überwunden zu haben, doch in den Gesprächen liegt so viel Intimität und amerikanische Eigenheit, dass dieser Rückschritt sich in einen Fortschritt umwandelt.
Die vier Abende, in denen die Familie Apple zusammenkommt, sind an bedeutenden Tagen in der amerikanischen Geschichte platziert, wie einem Wahlabend oder dem zehnten Jahrestag des 11. Septembers. Natürlich wird da über Politik diskutiert, über die Frage nach dem richtigen Erinnern, über Wahlentscheidungen, über Krieg, Obama und Sarah Palin. Die Ansichten sind dabei so tief in der amerikanischen Kultur verwurzelt, dass sie dem Zuschauer eine neue Sicht eröffnen. So pathetisch das klingt, der Einzelne erklärt dem Zuhörer die Welt, ohne Umschweife – wir sind ja schließlich im Kreis der Familie.
Die Natürlichkeit der Szene trügt dagegen die gewollte Konversation auf Metaebenen. Immer wieder lenkt Nelson das Thema auf Schauspiel, Bühne und Theater, bis es schließlich in einer Ausführung Janes gipfelt, die sich über die Verhaltensweisen der Amerikanern auslässt, wie sie beispielweise am Tisch sitzen und essen. Barabara kommentiert sarkastisch: „ Oh, I am so self-conscious now!“ Diesem selbstreflexiven Diskurs hätte ein Durchbrechen der vierten Wand tatsächlich gut getan, doch hier bleibt Nelson in den Grenzen seines naturalistischen Theaters zurück. Trotzdem, ein Besuch bei einer fremden Familie, in Echtzeit, der trotz gesetzter Grenzen vor Intimität nur so strotzt.


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