Schweifende Streifen: 500 Days of Summer

Copyright des Originals: Ahmed Hashim - flickr.com, Nutzung unter Verwendung der Creative-Commons-Lizent
Copyright des Originals: Ahmed Hashim – flickr.com, Nutzung unter Verwendung der Creative-Commons-Lizenz

Vor ein paar Wochen fuhr ich mit dem Bus von Hamburg nach Berlin. Von meinem ursprünglichen Plan etwas Zeitung zu lesen nahm ich schnell Abstand, als es hieß, die Mediathek würde funktionieren. Zur Entschuldigung: Ich bin ein schlechter Zeitungwiederzusammenfalter. Kurz durchgescrollt, aha, aha, Avatar, nee, zu lang, ahja, 500 Days of Summer. Den fanden doch alle so gut…

Tja, hätte ich mal nicht auf „alle“ gehört. Bis auf das Ende war der Film nämlich ein grandioses Klischee, das fing bei der Musikauswahl mit „The Smiths“ an und endete bei Zooey Deschanel als (mal wieder) Manic Pixie Dream Girl noch lange nicht. All diese hippen Elementen, der hätte durchaus auch in Berlin spielen können.

Aus der Postkartengestaltungsagentur, in der sich Mann und Frau das erste Mal treffen, machen wir eine der hippen Werbeagenturen in Berlin-Mitte. Statt am Kopierer trifft man sich natürlich am Kaffeevollautomaten. Bis die richtige Mischung ausgewählt und zusammengerührt ist, bleibt viel Zeit für Smalltalk. Ein kleiner Zettel wird ‚rübergereicht: „Willst du mit mir gehen? – Ja – Nein – Vielleicht“ Das ist Berlin, man redet ungern um den heißen Werbebrei herum. Naja, manchmal… sie wählt „Vielleicht“. Reicht für erste Glücksgefühle im Körper von Joseph Gordon-Levitt. Zur Feier des Tages lässt er sich mit einem Kumpel im Späti um die Ecke günstig aber effektiv zulaufen. Romantisch.

Beim Firmenkaraoke an der Warschauer Brücke wird laut gesungen und leise geschwärmt. Wäre da nicht der immer noch besoffene Freund, der sich verplappert und – OH MEIN GOTT! – die Geschichte endlich mal in Fahrt bringt. Die Rückblenden aus dem Original sparen wir uns mal zwecks Lesbarkeit und zur Straffung der überschaubaren Geschichte. Also – es geht los! Datingphase! Freudig läuft er durch den Görlitzer Park als wäre er in einem Musical. Er jongliert mit Cannabispäckchen, raucht zur Freude einen Joint und lässt ein paar Spritzen ihren Inhalt wie Brunnenfontänen gen Himmel speien, bevor er am Ende – verliebt wie er ist – ein paar Tiere im Kinderbauernhof streichelt. Schön.

Doch, oh nein, es ziehen erste dunkle Wolken auf. Sie will sich nicht binden. Woran das wohl liegt? Dabei war das gemeinsame bei Ikea rumlungern doch so spaßig. In Berlin wäre durch die Stellung als Spaßstadt der Republik noch eine Schlacht mit Kötbullar drin gewesen.

Beide sind verzweifelt. „Was machen wir da eigentlich?“ Gute Frage – ihr lebt eben Berlin, das Unbestimmte, Ungewisse, Unbefriedigte. Ihr beide wollt mehr, nur nicht voneinander. Ihr werdet nie zusammenkommen, du Friedrichshain, sie Kreuzberg, da liegen doch Welten zwischen! Am Spreeufer wird Trübsal geblasen. Sie war doch die große Liebe. Na wenigstens sitzt du an deinem Lieblingsplatz, an dem man so schön auf das Mediaspree-Projekt schauen kann. Hach, diese glatten, nichtssagenden Fassaden, die einem den Blick rauben – herrlich! Da denkt man doch sofort an das eigene Architekturstudium.

Was viele denken, aber keiner im Film laut sagen will: Joseph, du bist ein Depp. Brauchst Beziehungstipps von deiner jungen Schwester, die aufgrund ihrer Bildung in einer privaten Zehlendorfer Hochleistungsschule schon jetzt einen doppelt so hohen IQ wie du besitzt. Und deine Traumfrau wird heiraten – nur nicht dich. Gut, dass du in Berlin bist. Hier ist scheitern noch schön und Alltag. Du packst deine Sachen in der Werbeagentur nach einem kindischen Wutausbrauch mit existenzieller Lieblingsphilosophen-Zitat-Note zusammen und setzt dich wieder ans Spreeufer. Ja, hier ist’s schön. Doch wie wäre es jetzt mal mit anpacken statt nur herumzustreunern?

Du schnappst dir dein altes Sakko, packst deine Bewerbungsmappe zusammen und marschierst zu den Architekturbüros der Stadt. „Flughafen BER? Ich bin ihr Mann!“. Du bist motiviert, hast lange genug nur rumgesessen, und wirst dich nun ganz alleine um diese elendige Brandschutzanlage kümmern. Toll. Happy End.

Enrico Seligmann Verfasst von:

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