Wie so ein Wal an Land

Die Berliner Volksbühne, der FIxstern des Theaters (Foto: Thomas Aurin)
Die Berliner Volksbühne, der Fixstern des Theaters (Foto: Thomas Aurin)

Ich bin immer gerne nach Berlin ins Theater gefahren. Und immer schaute ich erstmal, was an der Volksbühne so ging, die Volksbühne war berlinweit, republikweit, ach was, weltweit der Fixstern, um den das Theater kreiste. Immer. Wenn es an der Volksbühne mal nicht so gut lief (und das war zuletzt häufig so), dann war nicht die Volksbühne in der Krise, dann war das Theater als Ganzes in der Krise. Wenn es an der Volksbühne gut lief, dann war das Theater das Paradies. Weil die Volksbühne es schaffte, das Theater als Genre mit jeder neuen Aufführung hochkreativ in Frage zu stellen.

Das Problem war allerdings, dass die Volksbühne sich zuletzt selbst nicht mehr in Frage zu stellen schien. Mit Frank Castorf denselben, egomanischen Intendanten seit 1992, der zudem auch noch prägender Regisseur am Haus war – das musste einfach irgendwann in die Stagnation führen. Man brauchte einen Wechsel am Haus, aber jetzt, wo ebenjener ansteht, ist es auch wieder nicht recht. 2017 wird Castorfs Vertrag auslaufen. Und alles bricht zusammen.

Mittlerweile verdichten sich die Gerüchte, dass der Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner am 30. April den Ausstellungsmacher Chris Dercon als neuen Volksbühnen-Intendanten vorstellen wird. Gerüchte nur, allerdings undementiert, da wird schon was dran sein. Nur sagen sie nichts aus – man erfährt nicht, was Dercon mit dem Theater vorhat, man erfährt weder etwas zur inhaltlichen noch zur organisatorischen Ausrichtung der zukünftigen Volksbühne, man hat nur einen Namen, ein theaterfremder Kunstfunktionär soll da installiert werden, also ist man irritiert. (Dercon studierte zwar Theaterwissenschaften, ist aber derzeit Leiter der Londoner Tate Modern und war zuvor am Münchner Haus der Kunst. Andererseits, er sprengte auch dort schon die Genregrenzen, organisierte große Ausstellungen von Paul McCarthy und Christoph Schlingensief, den er überhaupt erst für die Bildende Kunst entdeckte, man kann eigentlich nicht behaupten, dass dieser Ausstellungsmacher allem Performativen fremd gegenüber stehen würde.)

Seither fliegen die Fetzen. Die Intendanten von Berliner Ensemble, Schaubühne und Deutschem Theater, Claus Peymann, Thomas Ostermeier und Ulrich Khuon polemisieren gegen Dercon und damit auch gegen Renner, letzterer sei ein Neoliberaler, der das Theater, wie wir es kennen, abschaffen wolle, ersterer wolle das Ensembletheater Volksbühne auflösen (hat er zwar nie behauptet, wie gesagt, bis jetzt gibt es noch nicht einmal eine Bestätigung der Personalie Dercon). Rückendeckung bekommen sie aus Hamburg von Thalia-Intendant Joachim Lux, Gegenwind aus München vom designierten Kammerspiele-Intendanten Matthias Lilienthal, der Dercon eigentlich ganz toll findet. Problem aber: Lilienthal war einst Chefdramaturg an der Volksbühne und schied im Streit mit Castorf. Und: Angeblich (Gott, diese ganze Diskussion besteht aus „angeblich“!) habe sich Renner bei Lilienthal Rat geholt, die Personalie Dercon sei eigentlich Lilienthal, der den Münchner Kammerspielen hier einen gewogenen Berliner Koproduzenten installieren würde. Gott, ist das kompliziert.

Bis auf weiteres sind wohl alle beschädigt. Die Dercon-Gegner aus der Theaterszene, die in der Welt als „heterosexuelle, weiße Männer“, also (nicht ganz zu unrecht) als konservative Besitzstandswahrer gebasht werden. Dercon, der noch vor seinem offiziellen Auftritt heftigen Gegenwind bekommt. Renner, der als Neoliberaler ohne Ahnung von Theater dasteht (tatsächlich war Renner einst Musikmanager, also tatsächlich jemand, der sich Kultur vor allem marktgängig vorstellt). Lilienthal, der als Intrigant gilt, der den eigenen Vorteil im Blick hat. Vor allem aber: die Volksbühne. Für die man sich jetzt eigentlich gar keine Zukunft mehr vorstellen mag. Soll Dercon kommen? Der ist verbrannt, siehe oben. Soll Castorf bleiben? Um Gottes Willen. Soll irgendjemand anders kommen? Wer würde sich das denn antun? Die Volksbühne, womöglich das gesamte Berliner Theater gerade (was passiert eigentlich nennenswertes am Deutschen Theater oder an der Schaubühne?), wirkt wie erstickt unter dem Gewicht der eigenen Bedeutung,

Und jetzt? Es gibt Beispiele für originelle Intendantenpersonalien: Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen ist so eine. Der war zuvor Intendant am Berliner Freie-Szene-Durchlauferhitzer HAU und weltweit vernetzter Festivalmacher, hat keine Erfahrung mit Ensembletheater, aber trotzdem freuen sich in München alle auf ihn (allerdings hat Lilienthal noch nicht bekannt gegeben, wie er sich seine erste Spielzeit ab Herbst vorstellt). Eine andere ist Tom Stromberg. Der Kulturmanager wurde 2000 Intendant am Hamburger Schauspielhaus, holte sich in seinen ersten Spielzeiten eine blutige Nase nach der anderen und bekam nach rund drei Jahren die Kurve mit einer explizit politischen Positionierung. Die Welt ging nicht unter. Das Ensembletheater übrigens auch nicht.

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Falk Schreiber Verfasst von:

Falk arbeitet als Redakteur und Theaterkritiker in Hamburg.

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