Du wirst sorglos sein

Nan Goldin
Nan Goldin
Sisters, 2010
Courtesy die Künstlerin und Matthew Marks Gallery, New York

In der kestnergesellschaft Hannover stellen noch bis 27. September die zeitgenössischen Künstlerinnen Nan Goldin und Pipilotti Rist aktuelle Werke vor. Nan Goldin fotografiert seit vielen Jahren Menschen, die sie umgeben und mit denen sie persönlich zu tun hat. Diese setzt sie in “Scopophilia” in Gegensatz zu klassischen Werken, die sie im Louvre fotografiert hat. Pipilotti Rist ist Videokünstlerin und bespielt in der kestnergesellschaft zwei Räume mit ihren Installationen “Worry Will Vanish Horizon” und “Slepping Pollen”. Ninia und Falk haben die Ausstellungen schon besucht und sich zum virtuellen Zwiegespräch getroffen.

Ninia: Falk, wie lange hast du in “Worry Will Vanish Horizon” gesessen? Ich hätte da ja Stunden verbringen können!
Falk: Ich habe einen Durchgang gemacht, also rund zehn Minuten. Dann habe ich mir Nan Goldin im ersten Stock angeschaut, und dann bin ich nochmal runter und fläzte nochmal eine Weile in “Worry will vanish horizon” rum. Ja, das war schon toll, man konnte sich da richtig in Trance lullen lassen. Aber gleichzeitig auch ein bisschen glatt, fandest du nicht? Wenn ich das mit alten Arbeiten von Pipilotti Rist wie “Ever is over all” vergleiche, wo Windschutzscheiben zerschmettert werden, dann ist das doch ein bisschen arg naturmytisch.

Ninia: Ich muss gestehen, dass ich Pipilotti Rist vorher noch gar nicht kannte – Asche auf mein Haupt! Ich bin eigentlich nur zur Vernissage gegangen, weil ich Nan Goldin so verehre. Und dann war Pipilotti doch sehr beeindruckend.
Falk: Ich mochte beide schon seit längerem – aber ich kam nie auf die Idee, dass die was miteinander zu tun haben könnten. Als ich dann hörte, dass beide in der Kestnergesellschaft ausstellen, kam mir plötzlich die Idee: Doch, das passt besser zusammen als gedacht. Hat die Ausstellung das denn für dich eingelöst?

Ninia: Hm… da habe ich noch gar nicht drüber nachgedacht. Ich empfinde beide als sehr progressive, feministische Künstlerinnen. Allein deshalb war für mich schon ein Zusammenhang da. Sie nehmen beide Ursprüngliches und setzen es in einen neuen Zusammenhang. So habe ich es zumindest empfunden. Also gibt es auch hier einen Parallelen. Ja, ja, das ist schon alles sehr sinnvoll. Wurden deine Erwartungen denn erfüllt?
Falk: Mal so, mal so. Ich fand die Sachen von Goldin wirklich gut, auch weil mir klar wurde, wie die sich seit den Achtzigern entwickelt hat. Mir war es allerdings zu wenig Rist – zwei Installationen, so toll sie auch waren, das fand ich ein bisschen dünn.
Ninia: Ja, da waren meine Begleitung und ich auch etwas perplex – “Oh, das war’s schon?!”

Nan Goldin
Links: St. Sebastian, Puvis de Chavannes, 2011
Courtesy die Künstlerin und Matthew Marks Gallery, New York
Rechts: Nan Goldin
Clemens, Paris, 2005
Courtesy die Künstlerin und Matthew Marks Gallery, New York

Falk: Was mir unheimlich gefallen hat, war die “Saints”-Serie von Goldin. Fotos von Porträts aus dem Louvre neben Porträts ihres Berliner Freundeskreises zu stellen, das klingt erstmal nicht so wahnsinnig spektakulär. Aber dann schaut man sich die Bilderpaare an und denkt bei jedem: Ja, das passt, die beiden müssen zusammengehören, sei es wegen ästhetischer Gemeinsamkeiten, sei es wegen eines ähnlichen Blicks. Und dann, wenn man gerade glaubt, dass alles stimmig ist, merkt man, dass einen Goldin total aufs Glatteis führt: Wenn die Paarungen anders wären, dann würde es nämlich meistens auch passen.

Ninia: Die Reihe fand ich auch sehr beeindruckend. Ich gebe dir Recht – manchmal hat man sich die Ähnlichkeit einfach ein bisschen herbeigeredet und schon war sie da. Und doch hätte es vielleicht auch anders gepasst.
Ich weiß noch, dass auf einer ihrer Collagen nackige Kinder abgebildet waren. Bei dem Anblick haben wir kurz gestoppt und überlegt, ob das jetzt ok ist oder nicht. Das ähnelt ja schon fast der “Wie viel von meinem Kind stelle ich bei Facebook rein?”-Diskussion. Ich fand’s nicht gut, auch nicht im Sinne der Kunst. Ist dir auch etwas Negatives aufgefallen?
Falk: Bei der Serie, die du gerade ansprichst, habe ich mich ganz ähnlich gefühlt. Hinterher habe ich mich dann über mich selbst geärgert, das war ja eine absolut natürliche Nacktheit, in der Badewanne zum Beispiel. Aber tatsächlich ist es so, dass die Kinder keinen Einfluss darauf haben, dass sie hier ausgestellt werden, entsprechend ist dein Facebook-Beispiel sehr gut. Ich rette mich dann immer in so eine “Das ist ja nicht echt, das ist ja hochästhetisierte Kunst”-Ausflucht. Aber das ist feige, weil ich da nicht wirklich Position beziehen will.

Pipilotti Rist Sleeping Pollen
Pipilotti Rist
Sleeping Pollen, 2014
Audio-Video-Installation
Foto: Ken Adlard
Courtesy die Künstlerin, Hauser & Wirth und Luhring Augustine

Ninia: Was ich dann wiederum sehr schön fand, war die Collage von der duschenden (?) Frau – ich recherchiere gerade – Käthe müsste das sein. Das fand ich unglaublich ästhetisch und erotisch. Ein sehr gelungenes Bild.
Falk: (Ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich das überhaupt gesehen habe. Mist.) Hast du dir die Diashow ganz angesehen? Wie fandest du denn das Zusammenspiel zwischen der Musik und Goldins Fotografien?
Ninia: In dem Raum bin ich leider nicht lange geblieben, weil es so voll war. Vielleicht muss ich nochmal hin und das nachholen.
Falk: Es lohnt meiner Meinung nach durchaus. Weil das nochmal ein anderes Gucken ist: Der Blick wird durch die Abfolge der Fotos gelenkt, und die Musik sorgt für eine weitere Inhaltsebene. Als wir da waren, war ganz wenig los – das fand ich auch in der zweiten Installation von Rist toll, “Sleeping Pollen”, dass man sich da ganz alleine durch den Raum bewegen konnte.
Ninia: Ja, das ist bei solchen Installationen immer besser. Bei uns war es ja unglaublich voll, weil auch beide Künstlerinnen da waren. Sympathische Personen übrigens.
Falk: Hast du mit ihnen geredet?
Ninia: Nein, das traue ich mich ja immer nicht.
Falk: Schade, gerade von Rist würde ich schon gerne wissen, was sie mit ihren Arbeiten will. Ob da noch mehr ist als dass wir uns in die wohlige Trance von “Worry will vanish horizon” einkuscheln oder durch den Kosmos von “Sleeping Pollen” fliegen. Von Goldin möchte ich eigentlich nur wissen, wie sie es geschafft hat, dieses unglaublich exzessive, selbstzerstörerische Achtziger-New-York zu überleben.

Ninia: Da ist bestimmt noch mehr. Aber die beiden waren so “belagert”, dass ich nicht auch noch nerven wollte. Vielleicht hat Nan auch nur überlebt, weil sie dachte, sie muss den Kram bis zum Ende festhalten.
Falk: Mir würde jedenfalls was fehlen, wenn sie das nicht gemacht hätte. Wollen wir uns noch Gedanken über den Titel “Du wirst sorglos sein” machen? Ich habe den nicht richtig verstanden.
Ninia: Dazu wurde ein bisschen was in den Eröffnungsreden gesagt. Vieles davon ist aber an mir vorbeigegangen, weil ich studiumsgeschädigt nicht mehr zuhören kann, wenn jemand sehr abwegig über Kunst redet und sich Bedeutungen herbeizaubert. Ich habe den Titel so interpretiert, dass es ein bisschen ein Nach-Hause-Kommen ist bei beiden Künstlerinnen (jetzt rede ich selbst schon so!). “Worry will vanish horizon” hüllt dich ein, du musst über nichts mehr nachdenken, dir keine Sorgen mehr machen. Ähnlich bei Nan: Sie hat ihre Freund_innen, die immer da sind. Ein sorglose Leben, da sie immer jemanden in ihrem Rücken hat.
Falk: Wenn man diesen Freundschaftsbegriff als Solidarität übesetzt, dann ist das auch gar nicht mehr so unpolitisch. In dem Zusammenhang kuschle ich mich dann doch nochmal sorglos in “Worry will vanish horizon” ein.

Ninia: Ich mag das hier. Wir sollten das öfter machen. Das nächste Mal komme ich nach Hamburg!
Falk: Auf jeden!

Die Ausstellung geht noch bis 27. September 2015.

kestnergesellschaft
Goseriede 11 | 30159 Hannover

Öffnungszeiten:
Täglich und an Feiertagen 11-18 Uhr
Donnerstag 11-20 Uhr
Montag geschlossen

Eintritt:
Regulär 7 Euro | Ermäßigt 5 Euro
Mitglieder und ADKV frei
»PSD Bank FreiTag« 0 Euro

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