[Blogparade] Stadtgefühle

Ninia Binias
Lina vom Blog „notes to herself“ rief zur Blogparade rund ums Stadtleben auf. Wie für uns gemacht! Und deswegen schließen wir uns gerne an.


Ninia
Aktuelle Stadt: Hannover
Geboren in: Hannover [war aber nicht immer nur dort]

Welche Stadt löst in dir ein Heimatgefühl aus? Gibt es „die eine“ Heimatstadt?

Hannover ist schon ziemlich „Heimat“. Einfach, weil ich hierhin zurückkehre, wenn ich viel unterwegs war und jede Ecke kenne. Es reicht nach Heimat, es sieht so aus und ich bewege mich sicher durch die Stadt. Ein wenig kann das auch Braunschweig noch hervorrufen, weil ich 18 Jahre dort aufgewachsen bin. Ich glaube, dass es die eine Heimatstadt nicht gibt. Das kann wechseln. Und hat oft auch mit den Menschen zu tun, die in eben dieser Stadt leben.

Ist Heimat dort, wo deine Familie wohnt, wo du geboren bist, wo deine Freunde sind?

Meine Freund_innen sind überall. Nachdem sie früher hauptsächlich in Braunschweig waren, kam erst das Internet und damit Freund_innen aus aller Welt und plötzlich auch das Studium und damit zogen meine Freund_innen in alle Welt. Für ein Heimatgefühl ist mir nur wichtig, dass den Großteil der Menschen um mich herum ok finde. Das heißt aber nicht, dass sie gleich meine Freund_innen sind. Und andersherum kann ich mich in Städten, in denen meine Freund_innen wohnen, völlig heimatlos fühlen. Da, wo meine Familie wohnt, ist oft „Zuhause“, aber nicht immer Heimat.

Was trägt zu einem unverwechselbaren Stadtrhythmus bei?

Kultur. Menschen. Kunst. Straßenbahnen. Die Schlagzahl, in der die Stadt funktioniert. Geruch. Musik. Geräusche. Sonnenplätze.

Hat eine Stadt einen Charakter?

Absolut. Gerade meine Heimatstadt Hannover hat so viel Charakter. So viel verkannten Charakter. Und das finde ich eigentlich auch ganz gut so. Sollen die Leute doch wegbleiben, dann haben wir hier unsere Ruhe und können das riesige Kulturangebot alleine genießen.

Welche Lieblingsplätze hast du in deiner Stadt – und sind das die typischen Hotspots oder hast du dir „eigene“ Plätze gesucht?

Mein größter Lieblingsplatz ist mein Balkon. Das ist, Gott sei Dank, kein Hotspot, noch nicht. Ansonsten mag ich die Limmerstraße in Linden, aber damit bin ich bei weitem nicht allein. Ich hänge gern auf der Wiese vorm Ihmezentrum rum, mag das Faust-Gelände und wenn’s regnet, bin ich im Raschplatz-Kino.

Wie wirst du mit einer Stadt warm?

Rumlaufen. So viel zu Fuß gehen wie nur möglich. Manchmal mache ich sogar touristische Stadtführungen mit, nur um mal was von der eigenen Stadt kennenzulernen. Und Museen finde ich auch ganz wichtig, für Stadtgeschichte und Stadtgefühl.

Gibt es eine Stadt in einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent, für die du jederzeit auswandern würdest?

Reykjavík. Wenn es dort mehr Arbeitsplätze und weniger Dunkelheit im Winter geben würde. Und ansonsten könnte ich mir Kanada gut zum Auswandern vorstellen. Da muss es dann aber gar keine riesige Großstadt sein.

Bist du schon einer Stadt begegnet, mit der es Liebe auf den ersten Blick war?

Reykjavík. Lissabon. Tallinn. Vancouver. Seattle. Ich kann mich recht einfach in Städte reinverlieben.

Hat sich deine Stadt verändert? Positiv oder negativ?

Ich bin ja erst seit knapp vier Jahren wieder in „meiner“ Stadt. In der Zeit hat sich aber schon viel in Hannover verändert. Fast ausschließlich zum Positiven. Es wird viel gebaut, viel neuer Wohnraum geschaffen und trotzdem bleibt Hannover die grünste Stadt Deutschlands. Das ist schon ziemlich super. Was mir im Erneuerungswahn einzig fehlt, sind mehr Sozialwohnungen und Möglichkeiten für barrierefreies Wohnen. Im Sommer ist Hannover erträglicher als jede andere deutsche Stadt, die ich kenne. Einfach, weil es hier genauso schön ist wie überall, aber eben nicht so voll.

Wie sind die Auswirkungen der Gentrifizierung – und was lösen die in dir aus? Bist du vielleicht Nutznießer?

Wie in jeder anderen größeren Stadt, gibt es auch bei uns Wohnviertel, die besonders beliebt sind und in denen die Gentrifizierung schon recht weit fortgeschritten ist. Ich bin keine Nutznießerin, da ich in der spießigen Südstadt wohne. Die ist und war schon immer voll mit Senior_innen und jungen Familien. Ich mag das dort. Auch in Hannover gibt es viele Diskussionen zum Thema Gentrifizierung. Die einen wollen es nicht wahrhaben, während andere Bewohner_innen schon weiter an den Rand der Stadt gedrängt werden und in bestimmten Vierteln sogar Bieterrunden für neue Wohnungen stattfinden. Natürlich könnte man, auch als Stadt, in diesen Prozess eingreifen. Aber natürlich ist das auch oft nicht gewünscht, weil Immobilien und Viertel damit wertvoller werden.

Wo möchtest du unbedingt wohnen – und wo niemals?

Ich möchte unbedingt weiter in Hannover wohnen. Und von dort aber viel verreisen und mir andere Städte anschauen. Ich möchte niemals im Süden Deutschlands wohnen oder in irgendeinem Ort, der meinem Begriff vom „schrecklichen Dorf“ schon ziemlich nah kommt.

…oder bist du gar kein_e Großstädter_in im Herzen, sondern würdest zu jeder Zeit das Land bevorzugen?

Nein.

Falk
Aktuelle Stadt: Hamburg
Geboren in: Ulm

Welche Stadt löst in dir ein Heimatgefühl aus? Gibt es „die eine“ Heimatstadt?

Die „eine“ Heimatstadt gibt es nicht. Aber: Wenn ich nach Berlin oder ins Ruhrgebiet fahre, habe ich immer wieder das Gefühl, nach Hause zu kommen.

Ist Heimat dort, wo deine Familie wohnt, wo du geboren bist, wo deine Freunde sind?

Beides nur mittelbar. Heimat hat mit Erlebnissen, mit Erinnerungen zu tun. Und natürlich haben Erinnerungen mit Freunden und mit Familie zu tun, klar.

Was trägt zu einem unverwechselbaren Stadtrhythmus bei?

Menschen, Architektur, Kultur.

Hat eine Stadt einen Charakter?

Schwierig. Eigentlich würde ich sagen: nein. Aber dann schaue ich mir Köln an, dann schaue ich mir München an und denke, dass da vielleicht doch was dran ist.

Welche Lieblingsplätze hast du in deiner Stadt – und sind das die typischen Hotspots oder hast du dir „eigene“ Plätze gesucht?

Lieblingsplatz Nummer eins in Hamburg ist auf jeden Fall das Elbufer, das ist natürlich schon ein Hotspot. Außerdem mag ich den Park Planten un Blomen sehr gerne. Und das Reiherstiegviertel im etwas verrufenen Wilhelmsburg.

Wie wirst du mit einer Stadt warm?

Wie Ninia: indem ich sie mir erlaufe. Das macht Stadturlaube für mich meist recht anstrengend, aber, naja, was will man machen?

Gibt es eine Stadt in einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent, für die du jederzeit auswandern würdest?

Nur wegen einer Stadt auswandern würde ich nicht. Wenn es dort allerdings einen spannenden Job oder die richtigen Menschen geben würde: sicher.

Bist du schon einer Stadt begegnet, mit der es Liebe auf den ersten Blick war?

Ja, allerdings meist im touristischen Kontext: Lissabon, Wien, Edinburgh, Madrid. Touristisch habe ich mich allerdings auch auf den ersten Blick in Hamburg verliebt, eine Liebe, die dann, als ich tatsächlich herzog, nach einer Weile erkaltete. Mittlerweile haben wir uns miteinander arrangiert.

Hat sich deine Stadt verändert? Positiv oder negativ?

Das macht Städte ja aus: Sie verändern sich ständig. In Hamburg sieht es für mich gerade so aus, als ob es langsam wieder aufwärts ginge.

Wie sind die Auswirkungen der Gentrifizierung – und was lösen die in dir aus? Bist du vielleicht Nutznießer?

Ich besitze keine Immobilien, entsprechend leide ich eher unter der Gentrifizierung, insbesondere unter den hohen Mieten und den hohen Lebenshaltungskosten. Ein Nutznießer bin ich vielleicht in dem Sinne, dass man mittlerweile guten Espresso bekommt, in Vierteln, in denen noch vor ein paar Jahren Kaffee ausschließlich aus der Filterkanne kam.

Wo möchtest du unbedingt wohnen – und wo niemals?

Ich denke, grundsätzlich könnte ich mich überall wohlfühlen. Also: passt schon.

…oder bist du gar kein_e Großstädter_in im Herzen, sondern würdest zu jeder Zeit das Land bevorzugen?

Ich muss immer mal wieder aus der Stadt raus und finde es dann auch ganz großartig, auf dem Land zu sein. „Aber hier leben? Nein danke.“


Enrico
Aktuelle Stadt: Berlin
Geboren in: Leipzig

Welche Stadt löst in dir ein Heimatgefühl aus? Gibt es „die eine“ Heimatstadt?

Puh, nee, die eine Heimatstadt gibt es nicht. Das ist eher ein Gefühl, welches man mitträgt. Entweder fühle ich mich in einer Stadt wohl oder nicht. Und da ich emotional nicht groß verwurzelt bin, fällt es mir nicht schwer, mich in einer fremden Stadt wohlzufühlen.

Ist Heimat dort, wo deine Familie wohnt, wo du geboren bist, wo deine Freunde sind?

Meine Heimat ist mein gemütliches Zimmer. Die Wände gepflastert mit Erinnerungen all der anderen kleinen Heimstätten. Das mag jetzt sehr abgedroschen klingen, aber jeder Reiseort ist für mich kurze Zeit Heimat. Meine Wurzeln sind immer da, wo ich bin. Und wirklich weg sind Freunde in der heutigen Zeit ja selten.

Was trägt zu einem unverwechselbaren Stadtrhythmus bei?

Dass es überhaupt verschiedenen Rythmen gibt. Egal ob die einen früh feiern oder zur Arbeit fahren wollen, es sollte für jeden was dabei sein und diese Seiten auch die Möglichkeit der Begegnung haben. Jeder Rythmus sollte also in der Stadt sichtbar sein. Das mag gerne mal etwas chaotisch aussehen, aber am Ende bringt genau diese Mischung immer wieder neue Perspektiven und neuen Input.

Hat eine Stadt einen Charakter?

Hatte. Immer mehr charakteristische Bauten müssen architektonischer Belanglosigkeit weichen. Ich habe nichts gegen moderne Architektur, aber gegen mutlose. Ich freute mich früher immer darüber, durch die Leipziger Innenstadt spazieren zu können. Kleine Gassen, alte Bauten, es gab immer etwas zu entdecken. Dann kamen die Einkaufscenter-Klötze, ein neues Museum, ebenfalls als Klotz zur Monotonie verdammt. Nach meinem Wegzug besuchte ich Leipzig nur in großen Abständen und wurde jedes Mal ein Stück trauriger, wenn ich durch die Innenstadt lief. In Berlin läuft es derzeit ähnlich ab, aber durch die schiere Größe gibt es noch genügend Rückzugsorte.

Welche Lieblingsplätze hast du in deiner Stadt – und sind das die typischen Hotspots oder hast du dir „eigene“ Plätze gesucht?

Ich sitze gerne an der Spitze der Halbinsel Alt-Stralau. Obwohl zentral gelegen zwischen zwei Szenekiezen, finde ich dort noch oft genug Ruhe. Eine Hauptstraße führt vom Ostkreuz vorbei an allerlei Neubauten, bis ein Friedhof mit kleiner Kirche im Blickfeld erscheint und sich Weiden am Ufer säumen. Ein schöner Platz und man fühlt sich der Stadt auf einmal fern. Generell sind alle meine Lieblingsplätze am Wasser. Ein Hoch auf Wasser! 🙂

Wie wirst du mit einer Stadt warm?

Es ist vor allem ein Gefühl. Das stellt sich automatisch ein und wird justiert durch weitläufige Spaziergänge und Zeit. Ich habe bspw. bei all meinen Besuchen in Hamburg nur selten mit „richtigen“ Hamburgern gesprochen und doch hat sich die Stadt, das Leben dort, das Umherstreifen… wärmer angefühlt als hier in Berlin.

Gibt es eine Stadt in einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent, für die du jederzeit auswandern würdest?

Jederzeit ist vielleicht übertrieben, aber mich ziehen Küstenstädte an. Reykjavik wäre stark, ich mag die selbstbewusste Musikszene dort (die zurecht selbstbewusst ist!) und dass die Stadt außer am Hafen so flach bebaut ist. Ich lasse gerne meinen Blick schweifen. Außerdem macht mir das nordische Wetter nicht aus. Ich mag Regen. Ich mag Sturm.

Bist du schon einer Stadt begegnet, mit der es Liebe auf den ersten Blick war?

Nö. Irgendwas stört immer, mal mehr, mal weniger. Aber es muss auch keine Liebe sein. Immerhin zeigen die Städte, wenn ich sie besuche, nur ein temporäres Bild. Ein Besuch ein paar Monate oder Jahre später und schön könnte sich die Stadt gewandelt haben. Deswegen ist mir Liebe da zu schwärmerisch ausgedrückt.

Hat sich deine Stadt verändert? Positiv oder negativ?

Berlin wandelt sich durch den steten Zuzug jeden Tag, oft zum Guten, oft zum Schlechten. Darüber könnte ich einen ganzen Roman schreiben. Aber um es kurz zu fassen: Noch bietet Berlin die Freiheit, dass jeder Mensch einen Bezirk finden kann, der zu ihm passt und der sich positiv auf das eigene Wohlbefinden auswirkt. Man kann einem Teil der negativen Entwicklung dadurch gut aus dem Weg gehen.

Wie sind die Auswirkungen der Gentrifizierung – und was lösen die in dir aus? Bist du vielleicht Nutznießer?

Wie überall: Aufwertung, einhergehend mit steigender Miete. Das mag in manchen Lagen wünschenswert sein, in anderen führt es zur berüchtigen, rasanten Mietpreiserhöhung. Das betrifft jedoch vor allem viele trendige Straßenzüge und deren anschließende Straßen. Wer direkt am Görlitzer Bahnhof wohnt, zahlt eben direkt mal 300-400€ mehr als jemand, der 2-3 Seitenstraßen davon entfernt wohnt. Viel schlimmer ist die mit der Gentrifizierung einhergehende Zupflasterung der Stadt mit standardisierten Blockbauten und Fokus auf das schnelle Geld durch Eigentumswohnungen.

Wo möchtest du unbedingt wohnen – und wo niemals?

Sehr gerne in Hamburg! Und allgemein gesehen vor allem mal an der Küste, da reicht eine kleinere Stadt auch aus.

…oder bist du gar kein_e Großstädter_in im Herzen, sondern würdest zu jeder Zeit das Land bevorzugen?

Nein. Da würden mir sowohl Konzerte als auch die vielen kleinen Kino- und Barprojekte fehlen. Und an ruhige Natur komme ich von Berlin aus auch sehr schnell. Ich glaube die ganze „Landflucht“ ist bei den meisten Leuten ein Zeichen von Langweile, ein weiteres Projekt im Lebenslauf von Person XYZ.

Michael
Aktuelle Stadt: Hamburg
Geboren in: Wolfsburg

Welche Stadt löst in dir ein Heimatgefühl aus? Gibt es „die eine“ Heimatstadt?

Ja, die gibt es, und es ist Hamburg. Ich beneide sogar hier Geborene, einfach um das Recht, zu sagen: „Ich bin hier geboren. Ich bin geborener Hamburger.“ Das würde ich gerne sagen können, auch wenn es bar jeglicher Konsequenz wäre. Von allen Städten Deutschlands oder auch Europas, in denen ich war, löste keine bei mir dieses Heimatgefühl in dem Maße aus wie Hamburg.

Ist Heimat dort, wo deine Familie wohnt, wo du geboren bist, wo deine Freunde sind?

Nein, nein und nein. Mit meiner Geburtsstadt verbindet mich nur noch meine Familie, die dort leider so verwurzelt ist, dass sie dort wohl nicht mehr wegziehen wird. Ich kann nichts Gutes über Wolfsburg sagen, so gerne ich das würde. Schon im Kindergarten hatte ich den Gedanken: Ich muss hier weg. Und alsbald die Schule durch war, war ich auch weg und gehe nur ungern wieder dorthin zurück. Meine aus der Schulzeit übrig gebliebenen Freunde leben überall, aber sicher nicht mehr in Wolfsburg.

Was trägt zu einem unverwechselbaren Stadtrhythmus bei?

Die bloße Existenz eines Rhythmus‘. Junge, von Zweck/Nutzen geprägte Städte strahlen für mich eine Atmosphäre der Gebräuchlichkeit aus. Dort lebt man nicht, sondern man funktioniert im Schema des Stadtkonzeptes. Dort ist nichts Gewachsenes, und nur dieses hat auch einen Rhythmus, ein Leben. Ohne ihn hat ein Ort keine Seele.

Hat eine Stadt einen Charakter?

Ja. Und wie bei Menschen kann der sehr verdorben sein. Aber mit Erfahrung kann auch eine Stadt dazulernen, wenn fähige Menschen die Geschicke leiten.

Welche Lieblingsplätze hast du in deiner Stadt – und sind das die typischen Hotspots oder hast du dir „eigene“ Plätze gesucht?

Es sind auch die Hotspots, da will ich nicht lügen. Ich freue mich -immer- darauf, am Hafen zu sein, auch wenn er vor Touristen überquillt. Ich freue mich -immer- über einen Spaziergang durch die Speicherstadt oder um die Alster. Ich liebe auch die schönen, leider versnobbten Stadtteile wie Eppendorf, Harvestehude oder Hoheluft. Besonders das Grindelviertel. Dort zu wohnen, davon träume ich. Außerdem liebe ich jeden Besuch im Knust, meinem Lieblingskonzertclub, oder auch im Molotow und Uebel & Gefährlich.

Wie wirst du mit einer Stadt warm?

Ich erlaufe sie. Spazieren, spazieren, spazieren. Bilder schießen. Alles beobachten. Einen Überblick bekommen. Dann reicht oft schon ein Tag, und man hat die grundlegende Atmosphäre verinnerlicht.

Gibt es eine Stadt in einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent, für die du jederzeit auswandern würdest?

Im Moment noch nicht. Ich mag viele Städte. Reykjavík, Oslo, Budapest und Wien fand ich besonders schön. Ein Exitplan ist und bleibt auch, alleine nach Island zu gehen und Fremdenführer zu werden. Das hat ein Franzose, den ich mal in Reykjavík traf, so gemacht und ich war erstaunt, dass das so einfach klappen kann. Wenn mir hier alles zu viel wird, wird man mich dann wohl am ehesten in Reykjavík finden.

Bist du schon einer Stadt begegnet, mit der es Liebe auf den ersten Blick war?

Hamburg war es im Jahr 2000. Aber Liebe, das ist ein großes Wort. Wir wissen, dass sie wachsen muss. Verliebt habe ich mich schon öfters, aber was nützt schon Verliebtheit, wenn man sich einmal alle paar Jahre sieht?

Hat sich deine Stadt verändert? Positiv oder negativ?

Ich lebe erst fünf Jahre in Hamburg. In der Zeit hat sich schon einiges verändert, aber ich kann noch nicht sagen, ob das positiv oder negativ war.

Wie sind die Auswirkungen der Gentrifizierung – und was lösen die in dir aus? Bist du vielleicht Nutznießer?

Ach, ja na klar, aber, ach. Ich würde gerne in Winterhude wohnen, aber in dieser Stadt ist bezahlbarer Wohnraum die Illusion eines Traumes in einem Luftschloss voller Fantasyromane. Ich weiß von Freunden und Bekannten, dass man auch großes Glück bei der Wohnungssuche haben kann. Daher vertraue ich darauf, dass das Schicksal einen schon dorthin bringt, wo man hingehört. (Also falls jemand von einer lauschigen, bezahlbaren, ruhigen Wohnung in genanntem Stadtteil ab 60qm weiß … redaktion@lesflaneurs.de …)

Wo möchtest du unbedingt wohnen – und wo niemals?

Ich wollte unbedingt in Hamburg wohnen. Das habe ich geschafft. Ich möchte niemals wieder in meiner Geburtsstadt Wolfsburg wohnen. Auch da bin ich zuversichtlich.

…oder bist du gar kein Großstädter im Herzen, sondern würdest zu jeder Zeit das Land bevorzugen?

Ich bin kein geborener Großstädter, aber ich kann nicht aufs Land (zurück). Selbst eine Kleinstadt bietet mir einfach nicht genug kulturelles Angebot. Auch wenn ich vieles davon nicht nutze: Ich brauche das Gefühl, jederzeit in der Nähe etwas geboten zu bekommen. Ein gutes Konzert, großes Theater, eine spannende Ausstellung, eine feine Bar, einen Film im O-Ton. Das bekomme ich auf dem Land nicht und da ich vom Wesen her starke Tendenzen Richtung Eremit habe, tut es mir gut, mal mitgeschleift zu werden oder ein schlechtes Gewissen zu bekommen, ob der ganzen tollen Sachen, die da draußen gerade passieren.

Kathrin
Aktuelle Stadt: Hamburg
Geboren in: Zams in Tirol [aber nicht dort aufgewachsen]

Welche Stadt löst in dir ein Heimatgefühl aus? Gibt es „die eine“ Heimatstadt?

Schwierig. Da ich vom Land komme, sind es eher Dinge wie frisches Obst aus dem Garten, Berge oder heiße Sommer mit Abendgewitter, die Heimatgefühle auslösen als jetzt eine Stadt. Tatsächlich war Hamburg aber der erste Ort nach dem Auszug von Zuhause, wo ich wieder so etwas wie Heimkommen verspürt habe.

Ist Heimat dort, wo deine Familie wohnt, wo du geboren bist, wo deine Freunde sind?

Von allem ein bisschen. Ein Teil meiner Heimat ist in den Bergen, wo meine Oma wohnte, durch all die Kindheitserinnerungen an endlose Sommer und Herumtollen mit den Cousins. Ein Teil der Heimat ist in der Steiermark, durch die Erinnerungen an die lauen Abende am Lagerfeuer mit Jugendfreunden, Dorffeste und das Abhängen im Freibad. Und natürlich ist ein Teil der Heimat da, wo meine Familie wohnt. Und ein Teil da, wo ich wohne und wo meine engsten Freunde sind. Es gibt für mich wohl nicht „die Heimat“, aber das macht gar nichts. Ich finde es gut, mich an vielen Orten zuhause zu fühlen.

Was trägt zu einem unverwechselbaren Stadtrhythmus bei?

Das Wetter. Städte in Süden haben einen anderen Vibe als Städte im Norden. Das Einkommmen. Wichtige Wirtschaftszentren sind schneller, unruhiger, unwirscher. Die öffentlichen Plätze und Parks. Das Verkehrssystem – gibt es Fußgängerzonen, Radwege, Straßenbahnen (die vermisse ich in Hamburg sehr, haben so etwas Gemütliches).

Hat eine Stadt einen Charakter?

Definitiv. Zusammengesetzt aus all den Vierteln, die sind quasi die Charaktereigenschaften. Und wie bei jeder interessanten Person sind es gerade die Schwächen, die Kanten, die Ecken, die sie interessant machen.

Welche Lieblingsplätze hast du in deiner Stadt – und sind das die typischen Hotspots oder hast du dir „eigene“ Plätze gesucht?

Das ändert sich alle paar Monate. Ich ziehe ja oft um, dann wechseln auch die Lieblingsplätze. Oder wenn man neue Menschen kennenlernt, und die einem Neues zeigen. Aber was zu den All-Time-Favorites gehört: Fähre fahren an verregneten Tagen.

Wie wirst du mit einer Stadt warm?

In Cafés setzen, durch Viertel laufen, Clubs und Bars besuchen, mit Menschen sprechen, den Blick schweifen lassen, den Rhythmus finden.

Gibt es eine Stadt in einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent, für die du jederzeit auswandern würdest?

Nein. Aus dem Alter bin ich raus 😉 Nein, ich glaube einfach, dass es sehr viel mit der momentanen Situation, dem Mindset, den Leuten, die man kennt zu tun hat, ob man sich in einer Stadt wohlfühlt oder nicht. Eigentlich kann es jede sein, wenn es aus den richtigen Gründen passiert. Oder keine, wenn man eigentlich nicht weg will.

Bist du schon einer Stadt begegnet, mit der es Liebe auf den ersten Blick war?

Auf jeden Fall Hamburg. Ich scheine da recht treu zu sein. Aber auch Budapest, Kopenhagen und Stockholm.

Hat sich deine Stadt verändert? Positiv oder negativ?

Hamburg hat sich definitiv verändert. Der Kiez, die Schanze … in den beinah acht Jahren, in denen ich nun hier bin, hat sich das Bevölkerungsbild hier stark verändert. Viele alte Gebäude wurden abgerissen, neue gebaut, alles wurde schicker, gemäßigter und gentrifizierter. Gerade in letzter Zeit wurde es aber auch ruhiger, die Konflikte um die Rote Flora haben sich erst mal beruhigt. Kulturell hätte sich mehr entwickeln können, denke ich manchmal, aber vielleicht ist das auch nur die Brille des Älterwerdens.

Wie sind die Auswirkungen der Gentrifizierung – und was lösen die in dir aus? Bist du vielleicht Nutznießer?

Darüber habe ich mir natürlich schon öfter Gedanken gemacht. Aber ich tendiere eigentlich immer weniger dazu, in die hippen Gegenden zu ziehen und horrende Preise dafür zu zahlen. Allerdings ist es auch schwierig, sich da ganz rauszuziehen, denn auch für mich ist es schon gar nicht mehr so einfach, bezahlbaren Wohnraum hier in der Stadt zu finden. Aber natürlich kann ich mir noch mehr leisten, als andere und verdränge so auch überall jemanden, wo ich hinziehe.

Wo möchtest du unbedingt wohnen – und wo niemals?

Am liebsten würde ich in einer Stadtwohnung im Erdgeschoss mit Garten hintenraus wohnen. Niemals möchte ich in einem Dorf wohnen, von wo nur einmal am Tag ein Bus in die nächste Kreisstadt losfährt.

…oder bist du gar kein_e Großstädter_in im Herzen, sondern würdest zu jeder Zeit das Land bevorzugen?

Je älter ich werde, desto mehr Natursehnsucht taucht in mir auf. Aber die wird nicht groß genug werden um wirklich aufs Land zu ziehen. Aber eine kleine Zuflucht auf dem Land zu haben, das wäre schon toll.

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