Alltag, du Sau (8)

Deng. Deng. Deng. Deng. (Foto: Falk Schreiber)
Deng. Deng. Deng. Deng. (Foto: Falk Schreiber)

Ich wohne direkt am Michel. Der Michel, St. Michaelis, ist eine Kirche in der Hamburger Innenstadt, eine ungelogen sehr schöne Kirche, norddeutsches Barock, gebaut 1726, 1906 bis auf die Grundmauern abgebrannt und gleich darauf originalgetreu wiederaufgebaut. Der Michel ist nicht die größte Kirche der Stadt, aber er liegt in unmittelbarer Hafennähe und ist entsprechend eine Landmarke, ein Wahrzeichen der Hansestadt. Tolle Akustik, tolle Orgel. Jeder Tourist, der nach Hamburg kommt, besucht den Michel, hinterher besucht er die umliegenden Sträßchen, und da verläuft er sich dann. Ich grinse immer in mich hinein, wenn ich die Kleinfamilien aus der Pfalz, aus Mittelhessen und aus dem Sauerland vor meiner Haustür beobachte, „Wir müssen jetzt nach links, zum Hafen“, „Nee, nach rechts“, der zehnjährige Sohn will ein Eis, die vierzehnjährige Tochter findet eh alles voll ätzend, und die Eltern streiten, weil sie nicht weiter wissen.

Der Michel derweil lässt die Glocken läuten. Jede Viertelstunde. Tagsüber stört das nicht, aber nachts, wenn man nicht einschlafen kann, nervt es. Sehr. Deng, deng. Halb zwei. Deng, deng, deng. Viertel vor zwei. Deng, deng, deng, deng. Dong. Dong. Zwei. Noch sechs Stunden, bis der Wecker klingelt. Deng. Viertel nach zwei.

Die Glocken rufen die Christen zur Messe. Ja, klar. Als ob die das Prinzip Wecker aus weltanschaulichen Gründen ablehnen würden, obwohl, Christen würde ich alles zutrauen. Nein, die Glocken sind eine Machtdemonstration. In der Hamburger Innenstadt ist das Christentum eine verschwindend kleine Sekte, weswegen die Außenwirkung dieser Sekte umso lautstärker ist. Der Michel brüllt durch die Nacht: „Ihr mögt nicht an uns glauben, aber das heißt nicht, dass wir nicht da wären. Hört ihr uns? He, hört ihr uns? Und wer ist wohl am Ende der Mächtigere: ihr, die ihr nicht glaubt und damit die Mehrheit seid, oder wir, die wir zwar in der Minderheit sind, aber die Macht und die Mittel haben, hier eine Nacht durchzubimmeln? He, hört ihr gefälligst mal zu?“

Und, ja, ach, ich höre ja zu, schon seit Stunden. Deng, deng. Halb drei.

Falk Schreiber Verfasst von:

Falk arbeitet als Redakteur und Theaterkritiker in Hamburg.

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