Jenseits von Buchholz

Das derzeitig coolste Theater im deutschsprachigen Raum. (Foto: Enrico Seligmann)
Das derzeit coolste Theater im deutschsprachigen Raum. (Foto: Enrico Seligmann)

Vor einem halben Jahr als Stückabdruck in der Theater heute gelesen: Falk Richters, naja, Comingout-Stück „Small Town Boy“. Für großartig befunden: dieses Ringen um Sexualität! Dieses ironische Hinterfragen der eigenen Position! Dieser Kampf mit der Smalltown, hier ganz konkret benannt: Buchholz in der Nordheide! Unbedingt wollte ich dieses Stück einmal gesehen haben, in der (teilweise als sexistisch und rassistisch kritisierten, die Nachtkritik hat wie immer eine umfangreiche Kritikenrundschau zusammengetragen) Uraufführungsinszenierung des Autors am Berliner Gorki, aber, ach, wann kommt man schonmal ans Gorki?

Jetzt, endlich. Also: Karten reserviert. Und im Vorfeld das Stück noch einmal gelesen, ein wenig ernüchtert allerdings. Erst ein halbes Jahr ist dieses Stück alt? Da hat sich die Welt aber weitergedreht, seither. Der lange, wütende Monolog des Schauspielers Thomas Wodianka richtet sich gegen, echt jetzt: Putin und die homosexuellenfeindliche Gesetzgebung Russlands, das braucht man eigentlich nicht, solange Putin eine ganz andere Rolle in der Weltpolitik spielt. Außerdem: Hierzulande sind die homofeindlichen Positionen doch besetzt, von Frauke Petry und Matthias Matussek, muss man sich da wirklich ein leichtes Opfer suchen, Putin, flogging a dead horse? Und überhaupt: Diese im Stück ganz klare Unterscheidung homo-, hetero-, als Sonderfall bisexuell, ich meine, da gibt es doch mehr, die Diskussion ist doch längst weiter. Irgendwie freute ich mich plötzlich nicht mehr zu 100 Prozent auf die Aufführung.

Hat sich was – die Inszenierung war und ist großartig. Sie wird wahrscheinlich nicht auf ewig bleiben, zu deutlich ist das alles im Jahr 2014 vertäut, was man da sieht, aber das ist auch egal. Heute passt das: Weil die Schauspieler, Mehmet Ateşçi, Niels Bormann, Lea Draeger, Aleksandar Radenković und eben Thomas Wodianka, sich mit allem, was sie haben, in den Text werfen. Die Drehbühne rotiert, die Darsteller rotieren, die Handlung rotiert, und Ateşçi singt Jimmy Somervilles titelgebenden Achtzigerhit mit genau der richtigen Mitte-Coolness, die das Gorki zum derzeit angesagtesten Theater im deutschsprachigen Raum macht. Das Stück derweil: Hardcore-Härte. Boulevard. Agitation. Liebesgeschichte. Zwischendurch ein selbstreflexiver Jelinek-Satz: „Weswegen klinge ich eigentlich gerade wie Elfriede Jelinek, die zu ,Shades of Grey‘ onaniert?“ Doch, das ist schon sehr, sehr geil.

Vielleicht gibt mir dieses Stück nicht wirklich etwas für meine sexuelle Identität im Dezember 2014, okay. Aber vielleicht gibt mir die Inszenierung etwas: Den Glauben an ein Theater, das funktioniert, auch und gerade, wo der Text ein wenig zu dated ist. Vielleicht.

Falk Schreiber Verfasst von:

Falk arbeitet als Redakteur und Theaterkritiker in Hamburg.

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