Sturm & Drang in Kreuzberg

Ein paar Touristen testen ihr erstes deutsches Bier, lachen, und biegen in die Oranienstraße ab. Eine Gemüsespur auf dem Fußweg verrät zwei frische Falafel-Esser, während sich zwei Trunkenbolde, die täglich hinter’m U-Bahn-Kiosk auf dem Mittelstreifen herumsitzen, unverständliches Zeug entgegen brüllen. Derweil spuckt die U1 eine weitere Hundertschaft abenteuerlustiger Menschen am Görlitzer Bahnhof aus. An der Treppe wird es eng. Ein halbes Dutzend Dealer reiht sich dort auf und bietet ein bisschen extra Spaß an. Ich schließe mein Fenster ein letztes Mal, die Stimmen verstummen, morgen ist Umzugstag.

Görlitzer Park
Die Ruhe vor dem Sturm – der Görlitzer Park in Kreuzberg

Vier Monate ist es nun her, dass ich Kreuzberg verlassen habe. Damals hätte ich mich dem Bezirksamt als Orakel anbieten und ihnen sagen sollen, dass die Situation am Görlitzer Bahnhof ebenso eskalieren wird wie am und im Görlitzer Park. Vor drei Wochen die Bestätigung: Ein Barbesitzer, der laut eigener Aussage in den letzten Monaten über 70x wegen der Dealerei vor seiner Bartür die Polizei rief, griff zu einem Messer. Zwei polizeibekannte Dealer wurden niedergestochen, wenige Stunden später wurde aus Rache das Lokal des Barbesitzers verwüstet und versucht, dieses in Brand zu stecken. Die Bar ist nur wenige Häuser von meiner ehemaligen WG entfernt. Ich klappe die Zeitung zu und fühle nur Verwunderung darüber, dass diese Eskalation Menschen überrascht. Drogen, Blut und Sirenen sind schon längst Alltag geworden.

Wenn eine grüne Bezirksregierung lieber an ihre Ideologie statt an grauen Realismus glaubt – und sowohl Augen als auch Ohren verschließt, fühlen sich die dort wohnenden Menschen irgendwann auf sich alleine gestellt. Die Bezirksbürgermeisterin ratlos, die Polizei kraftlos und die Dealer sorglos. Vom Park breiteten sie sich besonders in diesem Jahr in die umliegenden Straßen aus, vergruben ihre Ware in Hinterhöfen und schauten schon gar nicht mehr auf, wenn die Polizei vorbeifuhr. Am Ende waren es nicht mehr ein halbes Dutzend, sondern fast zwei Dutzend Dealer, die regelmäßig an der schmalen U-Bahn-Treppe standen. Die Anzahl ist wichtig, um den Druck zu verstehen, unter denen der Barbesitzer ebenso gestanden hat wie die Dealer.

Es ist natürlich leicht, an dieser Stelle mit einem großen ABER zu kommen, die Herkunft der Dealer ins Spiel zu bringen, welche zumeist Flüchtlinge ohne Arbeitserlaubnis sind, oder das rasant wachsende Angebot mit der Nachfrage eines Party- und Szenebezirks zu begründen und über einen Coffeeshop als Ersatz zu diskutieren. Doch diese Reaktion schließt immer mindestens eine Fraktion aus, um eine andere in den Fokus zu rücken. Die eigene Meinung baut somit vorrangig auf der Schwächung einer anderen. Dabei könnte das Bezirksamt einfach mal einen Bezirk weiter schauen, statt den Kopf auf der Suche nach Drogenverstecken in den Spielkastensand zu stecken. Im Weinbergspark in Mitte gab es vor wenigen Jahren das gleiche Problem. Da die Mühlen der Politik langsam mahlten, nahmen die Anwohner und Anwohnerinnen die Sache selbst in die Hand – und gründeten eine Bürgerinitiative, aus der später ein Runder Tisch entstand. Der Park wurde mit öffentlichen Geldern modernisiert und ist heute fast drogenfrei.

Das Problem damals: Am Tisch blieb ein Platz frei. Mit den Dealern wurde nie offen gesprochen. Sie sollten einfach weg – aus den Augen, aus dem Sinn. Erst mit dem medialen Auftreten der Flüchtlingsproteste und Kundgebungen zum Thema Asylrecht wurde in den letzten beiden Jahren eine Sensibilisierung dafür geschaffen, dass nur die wenigsten Flüchtlinge aus freien Stücken zum Dealer werden – wenn sie überhaupt als Dealer anfangen. Der besser betuchte deutsche Dealer, der seine Geschäfte von zu Hause aus erledigen kann, fällt eben weniger auf. Aber er ist da. Ebenso wie die Käufer aus allen gesellschaftlichen Schichten da sind. Keine Gruppe wird einfach so verschwinden.

An dieser Stelle könnte die Kreuzberger Bürgermeisterin Frau Herrmann neue Impulse geben – den grünen Geist, der damals so revolutionär war, aufleben lassen, und zum ersten Mal ALLE Beteiligten an einen Tisch versammeln. Nicht von oben nach unten sprechen, sondern von links nach rechts. Dabei müssen sowohl Anwohner als auch Dealer, Deutsche und Flüchtlinge, Verkäufer und Käufer als das begriffen werden, was sie sind: Menschen. Menschen mit einer Geschichte. Und diese will gehört werden.

P.S.: Nicht die Dealer zwangen mich am Ende zum Auszug, sondern eine unfähige bis gierige Hausverwaltung. Aber das ist eine andere Kreuzberger Geschichte.

Foto-Copyright: Jörg Kantel – flickr.com (unter Verwendung der CC-Lizenz)

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Enrico Seligmann Verfasst von:

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