Unter Tränen (7): Ein Sommer auf der Krim

Trolleybus
Über drei Stunden Fahrt im Trolleybus von Simferopol nach Yalta.

„Angekommen“, schrieb ich vor genau einem Jahr, als ich auf dem Rynok Square (Площа Ринок) eincheckte, und ein Foto vom Ausblick über den ganzen Platz aus dem Fenster unserer Wohnung postete. Nach einer durchwachsenen Nacht im Zug von Krakau nach Lviv war ich zum ersten Mal in meinem Leben in der Ukraine. Erst Lviv, dann Odessa, dann auf die Krim.

Die Reise in die Ukraine war ein Abenteuer. Ich hatte vorher keine Vorstellung vom Land und den Menschen – und war hinterher schwer verliebt. Auch die Unterschiede zwischen dem Westen und dem Osten hatten ihren Charme. Ich mochte es in Lviv, wo ich teilweise das Gefühl hatte, eine Zeitreise in die 90er Jahre gemacht zu haben. Ich schätzte es in Odessa, weil dort alles so blau und lebendig war, so frei und dem Meer entgegen. Ich liebte es auf der Krim, weil das Meer dort so schwarz und die Berge so hoch waren.

Seit Beginn der Ukraine-Krise hat die Erinnerung an diese Zeit einen mehr als faden Beigeschmack, aber dieser Tage sind es vor allem die Timehop-Benachrichtigungen, die mir die Tränen in die Augen treiben. Die mich diese zwei Wochen jeden Tag aufs neue an die schöne und unbeschwerte Zeit in der Ukraine zurückdenken lassen. In einer Woche wird mir Timehop Bilder von der Krim zeigen: vom schwarzen Meer, tausenden Katzen, Ladas, Pfannkuchen, Tschechows Datscha und noch mehr Meer.

Yalta, Krim
Katze, Ausblick von der Strandpromenade und eine Wand in Tschechows Datscha.

Morgens saßen wir in unserer Straße in einer kleinen Bar, in der auch Frühstück serviert wurde. Drei Pfannkuchen für 60 Hryvnia, umgerechnet etwa drei Euro. Gekocht wurde in der Bar nicht; direkt auf der Straße um die Ecke, eine steile Treppe runter, kochte eine ältere Dame in einer offenen Nische. Neben uns zwei füllige Amerikaner, der Tisch beladen mit Spiegeleiern, Speckstreifen und Kaffee. Ich stellte mir immer vor, wie die beiden morgens aus dem Sanatorium und der fettarmen Kost dort flüchteten und sich in der Bar den Bauch vollschlugen. Am Tisch mit Meerblick saß eine Gruppe biertrinkender Russen. Drei Männer und eine Frau, die sich eine Runde nach der anderen gönnten. In der Ferne konnte man in der Früh sogar Delfine im Schwarzen Meer schwimmen sehen. Am völlig überfüllten Stadtstrand lagen die Menschen wie die Ölsardinen und gingen – trotz Warnung ob der an dieser Stelle ins Meer führenden und gesundheitsschädlichen Kanalisation – ausgiebig baden. Wir flânierten die Strandpromenade entlang und lachten über die Tourist_innen, die sich mit Tauben und kleinen Äffchen fotografieren ließen. Bis mir im Vorbeigehen eine junge Frau ganz geschickt eines dieser kleinen Äffchen auf die Schulter setzte, ich das weiche und flauschige Fell an meinem Hals spürte und dem Mann instinktiv ein „schnell, mach ein Foto“, zurief.

Yalta
Mit der Seilbahn auf den Darsan-Hügel, ein Wolga, Sprunghilfe ins schwarze Meer.

Ich weiß nicht, wie es den Menschen auf der Krim jetzt geht. Ob es immer noch den Schaurma-Imbiss der Krimtataren gibt, an dem wir das einzige vegetarische Essen weit und breit fanden. Ob es noch das kleine Kartonhaus zwischen Restaurants und Touristenshops gibt, auf dem „Haus der Katze“ stand, und die liebe Oma immer ein wenig geräucherten Fisch ablegte, bevor sie sich jeden Tag an die gleiche Stelle auf den schmalen Weg am Meer in den Schatten setzte und bergeweise von dem geräucherten Fisch verkaufte.

Yalta auf der Krim
Ukrainisches Matrosinnen-Salz, dramatisches schwarzes Meer und ein Spruch im schönsten Café Simferopols.

Im Januar noch schrieb ich „до свида́ния, Odessa! Ich komme wieder, versprochen“. Ich wollte wiederkommen; nicht nur nach Odessa, auch wieder auf die Krim fahren; nach Bachtschyssaraj, die Hauptstadt der Krimtartaren und das Höhlenkloster anschauen. Auf die Halbinsel Kertsch bei Kasantyp fahren, um dort die Ruine des Kernkraftwerk Krim zu besichtigen, das niemals in Betrieb genommen wurde.

Gerade erscheint mir das unmöglich.

Johanna Emge Verfasst von:

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