In 14 Tagen von Frankfurt nach Kraków, von Kraków nach Lviv, von Lviv nach Odessa und von Odessa auf die Krim. Mit Bahn, Bus, Nachtzug, Trolleybus und Marschrutka.
Teil 2: Gezuckerte Kondensmilch und die Überreste der Fußball EM.
Um kurz nach acht Uhr am Abend geht unser Zug von Krakau nach Lviv. Der Nachtzug von Polen in der Ukraine wird der komfortabelste sein, mit dem wir auf unserer Osteuropareise fahren werden. Aber das wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Wir schlafen zu zweit in einem Abteil für drei Personen, haben ein Waschbecken und sogar Steckdosen. Mit uns im Waggon: Backpacker, Familien mit kleinen Kindern und Businessreisende. Mit dem Nachtzug fahren hat hier Tradition, unabhängig von Herkunft und Größe des Geldbeutels. Wir packen unseren Reiseproviant aus, der klischeehafter nicht sein könnte: Wodka, geräucherter Käse und polnische Gürkchen. Der billige Wodka brennt im Hals, hilft aber gegen die Aufregung. Über die Grenze zwischen Polen und der Ukraine habe ich viele Geschichten gehört, meistens irgendwas mit Bestechung und Schikane, die ich nicht ganz verdrängen konnte. Mitten in der Nacht erreichen wir Przemyśl, die Grenzstation zwischen Polen und der Ukraine. Der Schaffner kommt, wir sollen die Liegen hochklappen, gleich wird der Zug nach Schmuggelware durchsucht. Nach gefühlt einer Stunde steigen mehrere Uniformierte in den Zug ein, unsere Ausweise werden mitgenommen. Einer fragt uns, was wir in der Ukraine machen wollen und ob wir Medikamente dabeihaben. Wir, bestens für die Reise mit Schmerzmitteln, Magentabletten und Hustensaft eingedeckt, packen verschämt den prallgefüllten Kosmetikbeutel aus. Das glaubt der uns nie, dass das für den Eigenbedarf ist, denke ich. Aber anscheinend sind wir nicht die ersten übervorsichtigen Touristen aus Deutschland – mit einem prüfenden Blick gibt er uns Papiere und Ausweise zurück. Aufatmen. Nach gefühlt einer weiteren Stunde ruckelt der Nachtzug weiter.
Um sechs Uhr Morgens kommen wir in Lviv am Bahnhof an. Übermüdet und leicht überfordert, erleben wir unseren ersten kleinen Kulturschock. Die Schilder und Anzeigetafeln sind alle mit kyrillischen Buchstaben und auf ukrainisch, die Bahnhofstoiletten Plumpsklos mit einem strengen Geruch. Man merkt, dass Lviv eher so eine Stadt für die Durchreise ist, viele wollen von hier aus weiter auf die Krim oder nach Kiew. Wir nehmen die Tram in die Innenstadt – für umgerechnet ungefähr 15 Cent für fast drei Kilometer. Die Fahrerin ist ruppig, die Fahrt fühlt sich an, als würde die Bahn jederzeit aus den Gleisen springen. Irgendwann bleibt die Bahn stehen, nichts geht mehr weiter, die Fahrerin macht eine Durchsage, wir sollen in die vorherige Straßenbahn umsteigen. Mit uns eine Oma, die sichtbar schwach auf den Beinen ist. Als wir ausgestiegen und zur vorderen Straßenbahn laufen, fließt der Verkehr plötzlich wieder. Wir steigen alle wieder in die Bahn von vorher ein. Das ganze wiederholt sich drei Mal, bis wir nach einer gefühlten Ewigkeit endlich im Zentrum ankommen.
Unser Appartment ist in einem Haus direkt am Marktplatz, dem Rynok Platz (Площа Ринок), das zu einem der ältesten in ganz Lviv gehört und irgendwann im 16. Jahrhundert gebaut wurde. Die Treppen sind morsch, an vielen Türen hängen Zettel – scheint so, als wären die Wohnungen unbewohnt oder die Mieter einfach verschwunden. Weil wir nur zwei Tage hier sind, planen wir nichts. Wir essen unseren Proviant auf der Fensterbank in der Sonne und gehen dann auf Erkundungstour. Vom „Hoher Schloßberg“ (Високий замок) schauen wir über die ganze Stadt. Lachen über Touristen, die sich gegen Geld mit einem Adler vor dem Berg fotografieren lassen. Schlendern über einen Bücherflohmarkt mit alten russischen Büchern, die herrlich kitschige und mit Goldmustern verzierte Einbände haben. An einer armenischen Kirche stehen alte Frauen mit Kopftüchern aus weißer Spitze und verkaufen kleine Blumensträuße mit Wildblumen. Wir essen in einem Restaurant, das mir Foursquare als Vegetarisch/Vegan anzeigt. Es ist keins von beidem. Wir flânieren durch die Innenstadt, essen Pfannkuchen mit Schmand und gezuckerter Kondensmilch. Seit 1998 gehört die mittelalterliche Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe. In Lviv gibt es sehr viele alte und baufällige Häuser, die langsam nach und nach restauriert werden. Wir wollen ins Museum, entscheiden uns für den Lviv Art Palace, wo gerade Werke von Volodymyr Slepchenko (Владимир Слепченко) gezeigt werden. Die Atmosphäre im Museum erinnert an eine Wartehalle in einem Universitätsgebäude, alles wirkt unfertig. Also weiter Kreise in der Innenstadt laufen und Häuser anschauen. Im Reiseführer habe ich gelesen, dass man in Lviv toll jüdisch essen kann – das will ich unbedingt machen, jüdisch habe ich noch nie gegessen. Authentisch soll es sein. Nach einer kurzen Suchanfrage auf Google enscheiden wir uns dagegen. Das Simon Wiesenthal Center rief im Rahmen der Fußball Europameisterschaft 2012 zu einem Boykott des Restaurants „Zur goldenen Rose“ auf. Auch auf das Auspeitschen lassen im Masoch-Café verzichten wir.
Auf der Suche nach einem Bus zum Bahnhof irren wir am nächsten Tag von Bushaltestelle zu Bushaltestelle, die Busfahrer sind wenig auskunftsfreudig, also entscheiden wir uns für ein Taxi. Als wir uns anschnellen wollen, schüttelt der Taxifahrer den Kopf, das sei unnötig. Wir lernen: In der Ukraine ist es unhöflich, sich anzuschnallen. Wer sich anschnallt, hat kein Vertrauen zum Fahrer und beleidigt ihn damit. Wir heizen durch die engen Gassen Lvivs in Richtung Bahnhof. Ein vielleicht zwölfjähriger Junge rauscht mit einem klapprigen Mofa an uns vorbei, bleibt an der Ampel mit quitschenden Reifen stehen. Er kann mit den Füßen kaum den Boden berühren. Im Radio läuft „Don’t cry tonight“ von Savage. Als der Fahrer uns am Bahnhof absetzt und grußlos wieder davonfährt, lache ich in mich hinein. Lviv fühlt sich jetzt nicht mehr ganz so fremd an.
















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