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Die Angler sind in Odessa den ganzen Tag am Meer. Einen Fang haben wir allerdings nie gesehen.

“Wie, ihr fahrt in die Ukraine – was wollt ihr denn da?” – “Ist das nicht extrem gefährlich?” – ”Also für mich wäre das ja nichts…”.

Es sind aufmunternde Worte, die uns Freunde, Bekannte und Kollegen mit auf den Weg geben, bevor wir unsere zweiwöchige Reise in den unbekannten Osten aufgeben. Daran muss ich denken, als wir uns nach Krakau und Lviv auf den Weg weiter in die Ukraine, nach Odessa, machen. Die Autorin Cordula Simon hat das sehr treffend beschrieben: “Die Assoziationen der meisten Westeuropäer, wenn sie das Wort ‘Ukraine’ hören, sind: dreckig, ungebildet, wild, kaputt. Gedanken an alte sowjetische Plattenbauten. An Zerfall. Und alles drum herum: ein diffuses Etwas. Da gibt es Länder, die gibt’s gar nicht (Transnistrien zum Beispiel). An Tuberkulose und Aids.” Ich war noch nie vorher in der Ukraine, die zwei Tage in Lviv zählen nicht wirklich, jetzt fahren wir ja viel weiter ins Land. Und ans Meer. Und das Meer ist es auch, woran ich beim Schaukeln des alten Nachtzuges denke, der uns bis zum Morgen nach Odessa bringt.

Ich habe mich bereits in Odessa verliebt, bevor ich es überhaupt das erste Mal betreten habe. Der Klang des Namens, das Wappen mit dem Anker, die Bilder vom Meer und Markt. “Beim Wort “Odessa” denken dagegen viele ans Meer, an die große Treppe und Spuren von Prunk. Ein Überbleibsel des Pompösen. An Palais und Kostümschinken-Kitsch”, sagt Cordula Simon – und sie hat Recht.

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Trolleybus mit Kwas-Reklame.

Als wir gegen 7 Uhr morgens in Odessa am Bahnhof ankommen – die Nacht war durchwachsen, da der sonst sehr schweigsame und auf seine Kreuzworträtsel fokussierte Opa, der mit uns im Abteil reiste, in der Nacht sein Schweigen durch Schnarchen wettmachte – herrscht am Bahnhof bereits volles Treiben. Alle paar Meter werden wir von Menschen angesprochen, die Schilder in die Luft halten: Wohnung am Meer, Haus mit Meerblick, Appartement am Strand. Mit dem Trolleybus fahren wir ins Zentrum – schwarz, weil wir das mit den Fahrkarten nicht so ganz verstanden haben.

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Opernhaus Odessa – Одеський національний академічний театр опери та балету.

In einem Café mit Blick auf die Oper bestellen wir Pfannkuchen und schwarzen Tee. Als extra kriegen wir auf unsere beiden vermeintlich vegetarischen Gericht ordentlich Speck dazu, den ich heimlich in meiner Tasche verschwinden lasse. In den nächsten Tagen werde ich mich noch über einige fleischigen Zugaben freuen, beziehungsweise die Straßenhunde und Katzen, die sich zahlreich auf den Straßen in der Hafenstadt tummeln. Die Odessiterin aus dem Zug sagte uns, wir sollten unbedingt in die Oper gehen und fügte mit einem Blick auf unsere Reisebekleidung hinzu, ob wir denn Abendgarderobe dabei hätten. Haben wir nicht.

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Die Odessiten sind gut zu “ihren” Katzen.

Mittags flânieren wir zur Potemkinschen Treppe (Потёмкинская лестница), von der man auch sagt, sie sei die berühmteste Treppe der Welt. Zumindest ist sie ein sehr beliebtes Fotomotiv für posierfreudige Frauen und Männer, bei Bedarf kann man sich noch Tauben auf die Schultern setzen lassen, während man eine blau-weiß-gestreifte Seemansmütze mit Anker trägt, damit man auch von weitem als Tourist erkennbar ist. Weil die Stadt in wenigen Tagen ihren 219. Geburtstag feiert wirkt es, als sei die ganze Stadt an den Partyvorbereitungen beteiligt. Überall wird aufgeräumt, gestrichen, dekoriert und geschmückt. Am Abend gibt es ein klassisches Konzert in einem kleinen Park mitten im Zentrum; an der Hafenpromenade tanzende Feuerspucker. Auf der Deribasywska-Straße – der Fußgängerzone in Odessa – können Touristen auf Pferden reiten, sich mit Hasen, einem Mini-Krokodil oder einer Schlange fotografieren lassen. Ich trinke zum ersten Mal in meinem Leben “Kompott” in einem gleichnamigen Laden, dazu gibt es Piroggen mit Kraut. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich jemals so viel Kraut gegessen habe, wie in den letzten Tagen, aber es ist wundervoll.

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Odessa ist das reinste Hipsterparadies – der Anker gehört zum Wappen.

Am Stadtstrand, ohne Sand und Liegestühle, läuft den ganzen Tag ukrainische Popmusik, gleich daneben im Delphinarium springen Delphine auf Ansage in einem kleinen Becken synchron aus dem Wasser. Dort lerne ich einen Ukrainer namens “Jim” kennen, er und seine Kumpels trainieren auf dem Spielplatz in Strandnähe an den Klettergerüsten, sie sind alle muskelbepackt und braungebrannt. Deutschland fänden sie toll, sagen sie, dort sei alles so sauber und modern. Das sagte auch schon die Frau im Nachtzug, fast schäme ich mich ein wenig, in Deutschland ist es vielleicht sauber, dafür sind die Menschen in der Ukraine gastfreundlicher und netter. Einen richtig tollen Strand finden wir durch Zufall erst an unserem letzten Tag, mit wenig Menschen und weichem und sauberem Sand.

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Das schwarze Meer im September.

An unserem letzten Abend gehen wir ins Gogol Mogol, dem Lieblingscafé von Andreas, der uns vor unserer Reise tolle Tipps zu Odessa gegeben hat. Am Nachbartisch werden Schnäpse geleert, während auf einem überdimensionalen Flachbildschirm ein Fußballspiel läuft, das keiner sehen will. Ich habe noch Schinken für die Katzen in meiner Tasche und längst nicht alles gesehen, aber es ist Zeit zu gehen. Zum Abschied trinke ich einen Plastikbecher Kwas aus einem Minitank mitten auf der Straße in der Nähe des Marktes am Bahnhof, den mir eine goldbezahnte Frau mit Kopftuch verkauft. Er schmeckt schal und streng, vorsichtshalber und in Gedanken an die Bahnhofstoiletten trinke ich nur den halben Becher. до свида́ния, Odessa! Ich komme wieder, versprochen.

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Kompott aus dem Einmachglas.

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Ausblick aus unserem Zimmer.

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Im Hausflur roch es nach Urin und Rauch – schön sah er trotzdem aus.

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Der “geheime” Strand.

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