Alltag, du Sau (6)

Altes Gefährt auf alter Brücke. Schön. (Foto: Juliane Rusche)
Altes Gefährt auf alter Brücke. Schön. (Foto: Juliane Rusche)

Man verdächtigt mich des Drogenkonsums, denn ich fahre das falsche Auto.

Mit zarten 90 km/h tuckere ich auf der rechten Autobahnspur dahin. Ich fahre nicht dicht auf, ich telefoniere nicht beim Fahren, ich habe meistens beide Hände am Lenkrad, ich fahre keine Schlangenlinien, bin angeschnallt, habe seit dreieinhalb Jahren keinen Alkohol getrunken und noch nie, wirklich noch nie!, Drogen genommen.

Ich fahre einen Transporter, der Anfang des Jahrtausends das Licht der Welt erblickt hat. Er hat Beulen und Macken, Roststellen wurden mit einem etwas abweichenden Farbton überlackiert, die Heckklappe ziert so etwas wie ein kleines Gemälde. An den Scheiben gibt es Vorhänge, denn es ist ein Campingbus, und wenn man hinter mir fährt, sieht man manchmal Handtücher und Badesachen an der Wäscheleine im Inneren des Wagens schaukeln.

Niemand in meinem Bekanntenkreis wird so oft von der Autobahnpolizei angehalten wie ich – dabei sitze ich wesentlich seltener in einem Auto als viele, viele andere Menschen. Es ist immer dasselbe: Das Polizeiauto nähert sich von hinten, fährt an mir vorbei, wird langsamer, schert vor mir ein, und vor dem nächsten Parkplatz blinkt die „Bitte folgen“-Anzeige auf. Dann der Allgemeine-Personen-und-Fahrzeugkontrolle-Standardsatz, das Papiereprüfen, schließlich die Frage nach dem Alkohol- und Drogenkonsum. Weil ich immer nüchtern, höflich und in einem nicht gestohlenen Auto unterwegs bin, darf ich irgendwann weiterfahren.

Trotzdem, es nervt. Nein, anders: Es macht mich wütend, dass ich als U-100-Fahrerin auf jeder Autobahn von irgendwelchen verrückten Auto- bzw. LKW-Fahrern geschnitten, zusammengehupt, bedrängt werde, was augenscheinlich normal und okay ist, während der äußere Zustand meines Autos jedem Polizisten zwischen Küste und Allgäu Anlass zu der Annahme gibt, man habe es bei der Fahrerin dieses Wagens mit einer alkoholisierten Kifferin zu tun. Und: Es macht mir Angst, dass es anscheinend ein Handbuch für Polizisten gibt, in dem niedergeschrieben steht, welche Menschen mit welchen äußeren Merkmalen welche Vergehen zu begehen bereit sind. (War es naiv zu glauben, es gäbe so etwas nicht?)

Immerhin bekomme ich langsam ein Gespür dafür, wie es Menschen ergeht, die aufgrund irgendwelcher Merkmale immer verdächtig sind. Es muss ein schlimmes, ein beklemmendes Gefühl sein.

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