Politische Träume aus Beijing

Stools. (Foto: Alexandra Reszczynski)
Stools. (Foto: Alexandra Reszczynski)

Wir fahren von Hannover nach Berlin – extra für eine Ausstellung. Kann sich das lohnen? Es kann. Ich war bis obenhin vollgepackt mit großen Erwartungen, und die wurden tatsächlich erfüllt.

„Evidence“ heißt die weltweit größte Einzelausstellung von Ai Weiwei im Berliner Martin-Gropius-Bau. „Evidence“ – der Beweis. Die Ausstellung ist eine einzige Anklage gegen das Regime, in dem er lebt. In seinem Studio in Beijing darf er arbeiten – allerdings außen schon bewacht von Kameras. Ausreisen darf er nicht. Deshalb hatte Ai Weiwei bis jetzt auch nicht die Möglichkeit, seine eigene Ausstellung in Berlin zu besuchen. Sein Wirkungsraum ist das Netz – er bloggt, findet Verbündete und stellt seine Werke online.

Der Großteil der Ausstellung dreht sich um den 3. April 2011, als Ai Weiwei von der chinesischen Polizei festgenommen und für 81 Tage in einem Geheimgefängnis festgehalten wurde. Seine Zelle hat er für die Ausstellung in Berlin nachgebildet. Alles in dem Raum ist, wie im Original auch, dick ausgepolstert: Tisch, zwei Stühle und ein Bett. Nebendran ein winziges Bad mit verdrecktem Waschbecken und Duschkopf. Als eine Freundin und ich den Raum betreten, fühle ich mich gleich sehr mulmig. Zwei andere Besucherinnen stellen für sich fest: „Ach, ist ja gar nicht so klein, geht doch.“ Ich kann mich nur wundern. Ai Weiwei wurde in der Zelle rund um die Uhr von zwei Polizisten bewacht, das Licht ging nie aus, in jede Ecke waren Überwachungskameras gerichtet. Auch das ist in Berlin nachgestellt: Während die einen Besucher_innen in der Zelle herumlaufen, können andere dies von außen auf Bildschirmen beobachten.

Kleiderbügel und Handschellen

Andere Erinnerungen aus seiner Gefangenschaft hat er ebenfalls verarbeitet: Die in Jade nachgebildeten Handschellen wirken ästhetisch, fast schön. Als könnten sie einem nichts antun. Genauso wie die kristallenen Kleiderbügel, die genauso geformt sind, wie die Kleiderbügel, die Weiwei in seiner Zelle benutzen durfte.

In den Achtzigern arbeitete und studierte Ai Weiwei in New York. „Evidence“ zeigt auch Werke aus dieser Zeit – zum Beispiel den zusammengenähten Schuh oder den „Koffer eines Junggesellen“. Diese tollen Readymades zeigen deutlich Ai Weiweis Bezug und Freundschaft zu Duchamp.

Ninia Binias
„IOU – Schuldschein“

Fast alle Räume in der Ausstellung sind mit Schuldscheinen tapeziert. Im November 2011 sollte Ai Weiwei 1,7 Millionen Euro Steuern nachzahlen, die er angeblich hinterzogen hatte. Aus der ganzen Welt erreichten ihn dann über’s Netz spenden, damit er die Summe begleichen konnte. Allen Spender_innen stellte er Schuldscheine aus, deren Kopien nun in Berlin zu sehen sind.

Plakativ, aber gut

Ich bin bei jedem Werk länger stehen geblieben und habe es mir ausführlich angeschaut – das passiert mir in Ausstellungen nicht oft. Auch mit dem Studium der Kunstgeschichte in der Tasche gibt es viele Schauen und Werke, an denen ich nur kopfschüttelnd oder schmunzelnd vorbeilaufe. Das war bei Ai Weiwei anders. Hier wurde mir von Anfang bis Ende eine Geschichte erzählt. Ebenfalls gut gemacht: Die Beschreibungstexte. Sie erklären die Hintergründe des Werks, ohne schwadronierend erklären zu wollen, was der_die Betrachter_in gerade sieht oder interpretieren sollte.

Die Schau wurde auch kritisiert – Ai Weiwei wolle zu groß sein, alle Ausstellungsstücke seien gezwungen plakativ. Gerade das hat mir allerdings besonders gut gefallen.

Wer kann, sollte sich „Evidence“ auf jeden Fall anschauen. Bis 13. Juli habt ihr noch die Möglichkeit dazu. Tipp: Kauft euch die Tickets vorher online, dann dürft ihr ruckzuck an der Schlange vorbeilaufen (danke nochmal für den Tipp über Twitter!).

„Dumbass“ ist ein Musikvideo, dass auch in der Ausstellung zu sehen ist. Es zeigt abwechselnd die realistischen Erinnerungen Ai Weiweis an die Gefangenschaft und seine Träume, die er in der Zelle hatte.

Ninia Binias Verfasst von:

Ninia lebt in Hannover und ist Autorin, Moderatorin und Online Communication Managerin.

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