Fifa-Fasten

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Statt WM: die Festplatte nach geeigneter Bebilderung durchforsten und dabei schöne, bunte Aufnahmen wiederentdecken. (Foto: W. Rusche)

Ich schreibe diesen Text, während halb Deutschland vorm Fernseher bzw. der Großbildleindwand sitzt und sich das WM-Spiel Deutschland gegen Ghana anschaut. Durchs offene Fenster höre ich ab und zu das Aufschreien irgendwelcher Nachbarn, wenn irgendetwas (nicht) passiert ist, und die Startseite meines E-Mail-Accounts bombadiert mich mit Meldungen zum Spielverlauf. Ansonsten aber findet die WM bei mir hier drinnen heute nicht statt. Ich faste nämlich Fifa.

Ich mag Fußball, sehr sogar. Und ich schaue mir sehr gerne Fußballspiele an. Nicht beim Public Viewing mit grölenden, deutschlandbeflaggten Biertrinkern, da habe ich Angst, aber gemeinsam mit Freunden vor einem Fernseher bei irgendwem zuhause: Das geht gut. Ich mag es, wenn wahre Fußballkenner dabei sind, die fachmännisch das Spiel analysieren und mit den Augen rollen, wenn ich frage, ob Mats Hummels eigentlich eine neue Frisur hat. Und wirklich gerne schaue ich Ronaldo beim Freistoß zu, wirklich gerne sehe ich Lionel Messi wie ein kleines Tierchen übers Spielfeld wieseln, wirklich gerne höre ich mir dialektschwangere Kommentare von Jogi Löw an. Wie schon während der letzten Meisterschaften nehme ich an einer Tipprunde teil, und als mein Weltmeistertipp Spanien aus dem Rennen gekickt wurde, habe ich mich geärgert.

Und trotzdem: Ich faste. So viel habe ich gehört, gesehen und gelesen über diesen mächtigen Verband, über sein Produkt WM, über das Übergehen, Ausbeuten, Bedrohen der brasilianischen Bevölkerung, über Großkonzerne und ihre Profitgier und all die anderen Schweinereien, dass ich beschlossen habe, nicht mitzumachen. Wer Messi und Co. beim Zaubern zuschaut, verkauft der Fifa Lebenszeit – nein, danke. Außerdem kann man ja schon mal üben, für die nächsten zwei Fußballweltmeisterschaften, die schon jetzt mehr Dreck am Stecken haben als hinnehmbar ist.

Obwohl ich Fußball so sehr mag, fällt mir der WM-Verzicht nicht schwer.

Das mag zum einen daran liegen, das zwei Drittel der Spiele zu Zeiten stattfinden, zu denen ich im Normalfall eh schlafe. Das mag auch daran liegen, dass die WM sich noch in der Gruppenphase befindet und die allgemeine Euphorie ihren Höhepunkt noch nicht erreicht hat. Außerdem habe ich Kinder, die den Besuch von Public-Viewing-Veranstaltungen schwierig bis unmöglich machen, und ich habe keinen Fernseher, sodass ich mir Deutschland vs. Ghana heute Abend auf meinem Computer anschauen müsste, was okay, aber nicht super ist. Auch ohne mir die Übertragungen selbst anzuschauen, weiß ich über alles, was bislang passiert ist in diesem Turnier, Bescheid – werde ich doch von allen Seiten zugeballert mit Informationen über das Versagen Spaniens und Italiens oder die vielen Tore des Thomas Müller. Und jetzt gerade, 22.08 Uhr, bricht vor meinem Fenster ein solcher Lärm los, dass ich davon ausgehe, dass irgendein deutscher Spieler soeben ein Tor geschossen hat.

Im Fußballfastenmodus wird mir bewusst, wie banal das alles doch ist.

Es gibt übrigens einige Dinge, die man fein machen kann, während der Rest der Welt WM glotzt. Zum Beispiel: beim großen Online-Auktionshaus checken, welche Versteigerungen während der besonders spannenden Spiele auslaufen und als nahezu Einzige auf coole Dinge bieten. In die ansonsten immer überfüllte Lieblingssaunalandschaft gehen. Sich einen guten Film in einem halbleeren Kino anschauen. Seine Dienste als Kindermädchen anbieten und einen Fußball-WM-Sonderpreis verlangen. Ein gutes Buch lesen, ohne von eingehenden E-Mails, SMS, Anrufen unterbrochen zu werden. Einen Beitrag für sein Lieblingsblog schreiben. Und so weiter.

Jetzt, 22:20, Gegentor. Richtig? Wer muss schon WM gucken, um über die WM Bescheid zu wissen.

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