
Einige von uns Flâneuren schauen gerne den Tatort. In einem kurzen Rückblick zeigen wir euch an jedem Nach-Tatort-Montag, was wir über den aktuellen Tatort denken, welche Gefühle wir beim Schauen hatten und ob es sich lohnt, noch einmal in die Mediathek zu schauen.
Die harten Fakten:
Titel: Kaltstart
Stadt: Norddeutschland
ErmittlerInnen: Falke & Lorenz
Austrahlungsdatum: 27. April 2014
tl;dr
Johanna: Irgendwas mit Containern und Überwachung.
Falk: Und Liebe. Und Migration. Und Waffenhandel.
Mark: Und Rohstoffen in Afrika, schießlich gehe es darum ja immer, wenn es um Afrika gehe (Zitat Lorenz). Ahja.
Überraschungsmoment
Johanna: Als es um 21:38 Uhr so richtig spannend wurde, und Falke von der Drohne ins Visir genommen wurde. Sekundenlang ein roter Zielpunkt auf seiner Stirn, dann das erleichternde „Abdrehen!“ von „denen“.
Mark: Als mir bewusst wurde, dass die Hintermänner der ganzen Geschichte nicht gefasst werden würden, war ich schon sehr überrascht. Wird damit nun ein folgenübergreifender Storybogen geschaffen? Das mutete fast schon ein bisschen „Akte-X“-mäßig an, huch!
Johanna: Ich dachte mir das leider schon recht früh. Falke hat zu oft „die“ gesagt und von „denen“ gesprochen. Davon wird es auch keine Fortsetzung geben, ist dann einfach ein offenes Ende.
Falk: Nö, Mark, das war einfach nur ein „Wir wissen nicht, wie wir diese abstruse Story zu Ende bringen sollen, also versuchen wir es erst gar nicht und basteln uns stattdessen eine doofe Verschwörungstheorie.“ Überrascht war ich, als der Speditionspleitier mit dem Segway durch die Gegend kurvte.
Mark: Segways überraschen dich also, Falk. Die sind doch so Nullerjahre.
Falk: Ich bin eben ein wenig hintendran.
Das hat gefehlt
Falk: Konzentration.
Johanna: Ein Handlungsstrang. Also die eigentliche Geschichte mit den Flüchtlingen endete dann plötzlich in einer „Big Brother is watching you und keiner glaubt dir“-Story.
Mark: Eine Erklärung, wie dieser wundersame Forensik-Stick denn nun eigentlich funktioniert. Jedenfalls möchte ich so ein Ding jetzt auch haben.
Das war zu viel
Johanna: Diese Überwachungsluftaufnahmen, die gegen Ende immer mehr wurden. Auch kurz vor dem Abspann nach dem Showdown und dem „Abmarsch“ (wie nennt man das, wenn da so drei Leute mit Action und Wind in den Haaren auf die Kamera zulaufen?). Das war so amerikanisch irgendwie. Erinnerte an Filme mit Bruce Willis.
Falk: Die Story war eigentlich an allen Ecken und Enden zu viel. Nur als Beispiel: Die Liebesbeziehung zwischen Falke und der toten Polizistin hätte es nicht gebraucht.
Mark: Ein Zu-Viel kann ich gar nicht benennen, insgesamt hatte die „Tatort“-Folge von allem zu wenig. Ich habe das Gefühl, anderthalb Stunden lang banales Blabla gesehen zu haben. Unterbrochen von einer Szene mit Krachwumm, ab und an mal einer Drohne und Falke, der irgendwen anbrüllt.
Lieblingsdialog
Johanna: Die Dialoge waren allesamt großes Kino für stoffelige Kommissar_innen aus dem Norden.
“mach doch selber”– “bitte was?” – “was fällt dir ein?” – “was fällt DIR ein!” #tatort #großedialoge
— Johanna Emge (@bommeljogi) April 27, 2014
Falk: „Für die Containerriesen braucht es einen Tiefwasserhafen.“ „Wo sind sie denn, die dicken Pötte?“ „Die werden erst noch gebaut.“ „Dann macht das ja richtig Sinn.“
Mark: Als Falke während eines Verhörs die „Schau mal, ich bin einer von deinen Leuten“-Karte gespielt hat, musste ich laut lachen. „Schauen Sie sich die an, meine Hände. Das sind Arbeiterhände, die habe ich von meinem Vater.“ – Das mag ja im Film funktionieren. In echt hätte der Verdächtige vermutlich genauso laut gelacht wie ich.
Lieblingsszene
Mark: Die „Jever-Szene“ war schön: Wenn Falke und sein best buddy im Sonnenuntergang am Meer Bier trinken, würde ich gerne durch den Fernseher zu ihnen steigen. Eine schönere Männerfreundschaft gibt’s im deutschen Fernsehen zur Zeit wohl nicht zu sehen.
Johanna: Ich hätte auch gerne eine Männerfreundschaft mit Wotan Wilke Möhring.
Falk: Genau an der Stelle sagte ich zur schönen, klugen Frau: „Ich hasse solche Biertrinker-Freundschaftsszenen.“ Mittlerweile gehe ich sogar weiter: Wegen solcher Szenen mag ich Falke eigentlich nicht so sehr.
Dabei habe ich Gänsehaut bekommen
Johanna: Als zum zweiten Mal Apparat feat. Soap&Skin – Goodbye gespielt wurde – das Lied, welches Falke von seiner Kollegin geschickt bekam, die bei der Explosion zu Beginn des Tatorts getötet wurde. Mark: Was Johanna sagt. Und die meisten Härchen haben sich bei mir aufgestellt, als Wotan dann noch in Zeitlupe zu sehen war, als er beschließt, den vermeintlich abgeschlossenen Fall noch nicht ad acta zu legen. Yeah.
Falk: Am Anfang, als die Polizistin den Zeitzünder entdeckt.
Top-Tweet
Johanna:
Wotan Wilke Möhring ist schön, die Musik ist schön, aber die Story ist doch auch mehr so ein Fischen im Trüben heute. #Tatort
— Sue Reindke (@HappySchnitzel) April 27, 2014
Mark: Ich hatte diesmal so wenig Zeit, nach Top-Tweets zu suchen, weil ich zu sehr mit Story-Sinn-Suche beschäftigt war. Aber ich finde ja, dass dem Falke ein zu hohes Aggressionspotential ins Skript geschrieben wird. Deshalb unterstütze ich voll und ganz diese Kritik:
Endlich schreit mal wieder jemand! #tatort
— Tommy (@TSmithRV) 27. April 2014
Falk:
Ein #tatort ohne Verhaftung ist wie ein Hafen ohne Schiffe
— Skeletor (@skeletor7acht) April 27, 2014
Bechdel-Test
Mark: Lorenz – einzige Frau, die ich wahrgenommen habe – schien in dieser Folge überhaupt nur die eine Aufgabe zu haben, ein wenig moralische Bedenken darüber zu äußern, ob man Flüchtlinge abschieben sollte. Und sie hat sich einen Laptop mit wichtigen Beweisen stehlen lassen. Muss man noch mehr sagen?
Johanna: Nein. Astrein durchgefallen.
Falk: Hab ich nicht drauf geachtet. Aber spielte überhaupt noch eine zweite Frau mit?
Johanna: Ja, bei den Flüchtlingen war eine Frau dabei.
Das habe ich gelernt
Mark: Selbst wenn in einem Frachthafen mitten in der Nacht ein Knall ertönt, tingeln Schaulustige herbei, die von der Polizei in Zaum gehalten werden müssen.
Johanna: Hübsche Luftaufnahmen haben nicht immer einen hübschen Zweck. Und: Ein Kaltstart kann auch in einer Bruchlandung enden.
Falk: Kurz dachte ich, ich hätte was gelernt. Habe ich aber gleich wieder vergessen, Klassenziel verfehlt.
Das wünsche ich mir beim nächsten Mal
Mark: Dass Falke und Lorenz den Hintermännern des ungelösten Falls auf der Spur bleiben. Eine übergreifende Hintergrundgeschichte würde einem „Tatort“-Ermittlerteam mal ganz gut tun.
Johanna: Dass dieses Anbandeln zwischen Falke und Lorenz nicht in einer Liebesgeschichte endet. Ich fürchte nämlich, das könnte für die Drehbuchschreiber_innen eine naheliegendere übergreifende Hintergrundgeschichte für dieses Ermittlerteam sein.
Falk: Eine kumpelhafte Fickfreundschaft würde meiner Meinung nach gehen. Wird es aber nicht geben.
Mark: Och.
Falk: Eine übergreifende Hintergrundgeschichte gibt es übrigens in Dortmund.
Was ich auch noch loswerden wollte
Falk: Ich mag Wotan Wilke Möhring. Und ich mag, wie die Figur Falke angelegt ist. Aber so ein Fall macht all das kaputt.
Johanna: Wotan Wilke Möhring ist jetzt auch bei Twitter. Mal sehen, ob es noch einen Nachfolgetweet zu seinem ersten gibt.
Mark: Ich will noch mehr gute Musik im „Tatort“ hören. Mit „Goodbye“ von Apparat feat. Soap & Skin war ja mal wieder was Schönes dabei.
Gesamtnote
Falk: 4. Mit Sympathiepunkten.
Johanna: Es gab wirklich viel schöne Dinge: Wotan, Bier, Meer, Wind, Regenbogen. Dennoch lasse ich mich heute nicht davon beeinflussen – ich habe mich teilweise echt gelangweilt. Deshalb wird es hier heute langweilig, weil ich Falk zustimmen muss. Glatte 4.
Mark: Ich weiß schon, warum ich so selten „Tatort“ gucke. Weil ich ständig nur Vieren verteilen würde. Und für Vieren mag ich mich eigentlich nicht vor den Fernseher setzen.


Ein Kommentar
Jay Nightwind says:
Apr 28, 2014
Der Till-Schweiger-Tatort hat doch auch eine weitergeführte Geschichte. Ebenfalls auf zweifelhaftem Niveau.