Spione im Dienste ihrer Demokratie

Heute ist Europawahl – und, gehst du wählen?

Ninia:

Ja. Ich gehe grundsätzlich immer wählen. Nichtwählen ist auch bei Frustration (die ich politisch in einigen Punkten sicherlich fühle) für mich keine Option. Ich will zumindest das Gefühl haben, mitbestimmen zu können. Abwarten und nicht zur Wahl zu gehen, wird voraussichtlich nichts ändern, das ist ja meistens im Leben so. Als wir im Redaktionsmeeting von Les Flâneurs über die Europawahl gesprochen haben, fiel mir auf, dass ich überhaupt nicht weiß, was das Europaparlament eigentlich genau macht und wie es arbeitet. Also hab ich mich informiert. Jetzt bin ich ein bisschen schlauer, aber auch nicht so richtig schlau. Europarat und -parlament müssen also immer beide einem Gesetzentwurf zustimmen und das Parlament gibt Vorschläge für neue Regelungen erst an die Kommission. Und weil 70 Prozent der deutschen Gesetze auf den europäischen Entscheidungen beruhen, ist die Wahl wichtiger, als wir so denken. Aha.
Und was soll ich wählen? Einige Parteien schließe ich aus, weil sie einfach grundsätzlich nicht für mich in Frage kommen. Bei anderen hatte ich schon bei ihren Wahlkampfständen in der Innenstadt das dringende Bedürfnis zu schreien: “Und deswegen mache ich jetzt hier diesen Tisch kaputt!” Und dann einfach alles zusammen zu treten. Weil ich sie so furchtbar finde. Natürlich habe ich den Wahlomat ausprobiert. Und natürlich kommt wie bei jeder Wahl bei mir ein so durchschwurbeltes Ergebnis raus, dass ich danach auch nicht schlauer bin. Unabhängig davon, dass ich nicht blindlinks das wähle, was mir eine Software vorgibt. Völlige Übereinstimmung werde ich nie bei einer Partei finden, also wähle ich auch dieses Mal einfach das kleinste Übel. Oder positiver ausgedrückt: Die, von denen ich glaube, dass sie meine Interessen und Meinungen am ehesten europaweit vertreten werden. Wer das ist? Fragt mich Sonntagabend nochmal!

Falk:

Ich gehe wählen. Ich gehe immer wählen, natürlich, und wie immer weiß ich auch diesmal nicht, was ich wählen soll. Das entscheide ich dann in der Wahlkabine, und wie immer entscheide ich falsch. Themen sind das Freihandelsabkommen mit den USA TTIP (bin ich dagegen), die EU-Mitgliedschaft der Türkei (war ich bislang immer dafür, jetzt weiß ich nicht so recht, angesichts der Erdogan-Regierung), die ökonomische Soldarität der wohlhabenden EU-Staaten mit den Krisenländern (war ich im Grunde dafür, aber niemand sagt, was eigentlich Solidarität sein soll – Bankenrettung? Subvention von Großkapital?). Aber werden solche Fragem überhaupt im Europaparlament entschieden?
Ich bin nicht zufrieden mit der EU. Ich bin nicht zufrieden mit ihrer radikalen Abschottung nach Süden und Osten, ich bin nicht zufrieden mit einer Grenzenlosigkeit, die sich ausschließlich als grenzenlosen Kapitalismus versteht. Ich kann keine der Parteien wählen, die für die EU, wie sie sich momentan darstellt, verantwortlich sind, also: Sozialisten oder europäische Volkspartei. Bin ich also ein EU-Kritiker, sollte ich also AfD wählen? Homophobe, wohlstandschauvinistische, islamophobe, ultralibertäre Christen, ja? Natürlich nicht.
Ich lebe in Hamburg. Ich habe die Erfahrung gemacht, wie die von mir gewählten Grünen mit einer CDU ins Bett gestiegen sind, die kurz zuvor noch mit der rechtspopulistischen Schill-Partei eine Koalition führte. Ich werde nie wieder die Grünen wählen.
Die Linke. Die Partei, die es nicht übers Herz bringt, sich vernünftig von den rechts durchwirkten „Montagsdemonstrationen“ zu distanzieren und damit eine ganz klassische Querfrontstrategie fährt. Kann ich eigentlich nicht wählen.
Ich gehe wählen, natürlich. Aber was ich wähle, das weiß ich nicht.

Johanna:

Ich war bisher immer wählen. Aber schon bei der letzten Wahl habe ich mich ernsthaft damit auseinandergesetzt, vielleicht mal nicht wählen zu gehen. So als politisches Statement – sofern das überhaupt möglich ist. Manchmal wünsche ich mir dafür ein extra Kreuz, auch wenn ich damit ja trotzdem die Wahl an sich bestätigen und somit die Kritik schon wieder hinfällig wäre.


Bei meiner ersten Wahl – damals auf dem bayerischen Land – war ich noch total sicher, was ich wählen werde. Damals habe ich meine erste und meine zweite Stimme zwei unterschiedlichen Parteien gegeben. Seither habe ich immer zwischen vier verschiedenen Parteien geschwankt und auch mal intuitiv und nach Sympathie für Menschen (auf lokaler Ebene) meine Stimme vergeben. Vor dieser Wahl bin ich so unentschlossen wie nie. Ich habe den Wahl-O-Mat gemacht und das gleiche Ergebnis, wie – gefühlt – “alle” Menschen, die ihr Ergebnis auf Twitter geteilt haben: Linke, Piraten und Grüne vorne. Und die Partei. Weil sie sich in den mir wichtigen Punkten (TTIP, Tierrecht, Gentechnik, Flüchtlingspolitik) kaum unterscheiden. Was Falk über die Grünen sowie die Linke gesagt hat, kann ich so unterschreiben. Ich finde das Engagement von Julia Reda aka @Senficon (Piraten) toll und musste auch bei dem Text von Julia Schramm “Nie war es leichter die Piraten zu wählen” zustimmend nicken. Aber deshalb Piraten wählen? Ich weiß nicht. Ich werde dann wohl wieder spontan entscheiden. Ob es was ändert, weiß ich ja doch nicht.

Enrico:

Alleine schon um die Freiheit des Tempelhofer Feldes zu erwählen und ein Marzipancroissant beim Bäcker abzustauben, werde ich am Sonntag wählen gehen. Für die Europawahl ebenso, obwohl ich keine Ahnung habe wen – Die Linke, Die Grünen, Die Piraten? Sie alle sind klar gegen das TTIP, das transatlantische Freihandelsabkommen, welches sich kein Spionagethriller-Drehbuchschreiber der Welt hätte besser ausdenken können. Tiefgreifende Einschnitte in unsere Demokratie, Verhandlungen hinter geschlossener Tür und komplettes Aussperren der Öffentlichkeit. Bisher sind die Spezialeffekte mau, aber ansonsten ein klasse Streifen! Was eine FSK “Nie im Leben” bekommen sollte, wird kommen – wenn sich niemand dagegen stellt. Deswegen mache ich besonders davon meine Entscheidung abhängig. Trotzdem fehlt etwas… etwas Greifbares… genau! Ein Mensch! Ich sehe an jeder Straßenecke die selben faden Gesichter, mir das 1×1 der Wahlwerbesätze entgegen lächelnd. Ich sollte ein Loch in das nächste Plakat treten. Denn sie sind irreführend und führen zur Bequemlichkeit. Dabei war es nie leichter hinter die Fassaden zu blicken, eigene Informationen einzuholen, Recherche zu betreiben – und zu sehen, wer hinter diesem Lächeln steckt. Das habe ich diesmal versäumt. Aber das nächste Mal werde ich vorbereitet sein. Das nächste Mal werde ich der Spion sein. Der Spion im Dienste seiner Demokratie.

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