Verdorbene Fleischeslust

Foto: Matt Lambert
Thomas Bo Nilsson nimmt uns mit in eine Parallelwelt: MEAT. (Foto: Matt Lambert)

Melodi mustert sich im Spiegel, begutachtet ihren dicken Lidstrich. „Etwas mehr Rouge könnte schon noch oder?“ Ihre Wangen sind bereits in strahlendes Pink getaucht. Wir nicken trotzdem. Weil wir etwas eingeschüchtert sind von der Ghettoamazone, und weil wir nicht wussten, dass das Theaterstück schon auf der Toilette beginnt. Wir lassen Melodi allein vor dem Spiegel zurück. Es geht zum Anfang, vor die Tür des Kiosks, der den Eingang zu der Performance-Installation „MEAT“ von Thomas Bo Nilsson darstellt. Auf den ersten Blick sieht er aus wie ein ganz normaler Späti, der sich in Neukölln an jeder Ecke finden lässt. Doch plötzlich sind da Gestalten mit neonfarbenen Totenkopfmasken. Sie nehmen uns an der Hand, ziehen uns durch die Hintertür des Kiosks hinein in ihre verschrobene Welt. Ich verliere meine Freunde aus den Augen, die Totenkopffrau mit rosa Zweiteiler schleift mich durch die Halle der Einkaufspassage in Richtung eines Geschäfts für Lack- und Lederbekleidung. An der Verkaufstheke vorbei führt sie mich durch die nächste Tür in ein enges Zimmer. Zwei Kerle haben sich auf der Couch drapiert. Der Wasserstoffblonde fragt mich, was ich hier wolle. Unsicher drehe ich mich nach meiner Totenkopfbegleitung um. Sie ist verschwunden. Da stehe ich also, in einem fremden Zimmer, und ich habe keine Ahnung was ich hier eigentlich will. Die Jungs blicken skeptisch. Ich durchquere zaghaft das Zimmer, bloß raus hier. Neben der Tür flackert ein Computerbildschirm. Später werden die beiden sich vor der Webcam räkeln und für Fremde tanzen. Zum jetzigen Zeitpunkt habe ich keine Ahnung was mich noch erwartet, ich drücke die Türklinke und versinke in der verzerrten Realität.

Vier Stunden dürfen wir in dem Labyrinth der Skurrilität verweilen. Hinter jeder Tür verbergen sich andere Gestalten, andere Geschichten – und manchmal nur ein überdimensionaler violetter Teddybär. Diese Welt wird 240 Stunden am Leben gehalten, verändert sich über die zehn Tage unaufhörlich, so lange bis auch das Festival der Neuen Dramatik an der Schaubühne endet. Die Installation setzt sich aus Erinnerungsfetzen von Eric Clinton Newman alias Luka Rocco Magnotta zusammen. Sein Milleu, seine Identitäten waren Inspiration für Nilsson. Er nahm sich den kanadischen Pornodarsteller als Grundlage für „MEAT“. Überall lassen sich Spuren auf Magnotta finden. Da ist das Berliner Internetcafé, in dem der mutmaßliche Kannibale und Mörder festgenommen wurde, zwei Türen weiter findet sich Blut an den Wänden, den Gang entlang wartet das Rotlichtmilleu.

Foto: Matt Lambert
Foto: Matt Lambert

Im Irrgarten aus Grenzerfahrungen und Geschmackverwirrungen verliere ich die Orientierung. Die Architektur der Scheinwelt ist nicht leicht zu durchschauen. Beim zweiten Betreten hat sich jedes Zimmer verändert, neue Überraschungen warten. Einziger Anker am Boden der Realität sind die anderen Zuschauer, die verwirrt und verwundert durch die Zimmer streifen. Wer sich traut, verliert die Distanz. Wie dieses Mädchen, das geschminkt und hergerichtet mit zwei Performern auf dem Bett liegt und Fotos schießt. Nur kurz dürfen wir zuschauen, da wir kein Geld zahlen wollen, scheucht uns die Frau mit den klebebandschwarzen Kreuzen auf den Brüsten aus dem Zimmer. Die Performance zwingt den Zuschauer in die Rolle des Voyeurs. Ich beobachte private Momente, zwielichtige Situationen, die ich häufig gar nicht sehen wollte. Im nächsten Augenblick sitze ich mit dem Besitzer der Einkaufspassage in seinem Wohnzimmer. Alles trieft vor Kitsch, überall sandfarbener Plüsch, im Hintergrund läuft der Fernseher. Er streitet mit seiner Frau. „So kann es nicht weiter gehen“, presst er hervor und fährt sich durch die schleimig nach hinten gegelte Frisur. Während wir beobachten, werden wir selbst zu Beobachteten. Die Passanten vor dem Fenster luken durch die Jalousien herein. Sie sehen uns als Teil des Spiels. Wir beginnen zu schwitzen, weil es wahnsinnig heiß ist in dieser Welt. Und es stinkt nach billigem Parfum.

Teilweise ist die Nachbildung der Wirklichkeit erschreckend real. Die Charaktere wirken vertraut und die Wohnzimmer wirklich belebt. Bis ins kleinste Detail haben Thomas Bo Nilsson und Julian Wolf Eicke jeden Winkel des Schaubühnen Studios durchdacht. Jeder der 60 Performer hat nicht nur eine eigene Identität bekommen, sondern auch Handy und ein Internetprofil. Wer will, kann sich mit Cinn Amon, der traurig wirkenden Stripperin, bei Facebook anfreunden.

Zwischen den Zimmern frage ich mich wieder, was ich hier will. Möchte ich mitspielen oder die vorsichtige Distanz wahren? Diese Welt ist faszinierend und irritierend, verstörend und anziehend zugleich. Jeder kann sein, wer er möchte. Und ich weiß noch nicht so recht.

Die Installation ist noch bis zum 13. April rund um die Uhr geöffnet.

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Katharina Röben Verfasst von:

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