Tempelhof, Ausflug, Sommer, Volksentscheid, Flughafen

Einer von vielen schönen Sonnenuntergängen auf dem Tempelhofer Feld – mit Erdbeeren im Mund, Lachen im Ohr und Grasduft in der Nase.

Wir befinden uns im Jahre 2014 n. Chr. Ganz Berlin ist von Investoren besetzt… Ganz Berlin? Nein! Ein von unbeugsamen Frischluftenthusiasten bevölkertes Feld hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für die Investoren, die als Besatzung in den befestigten Lagern außerhalb des Feldes leben…

So oder so ähnlich lässt sich die Lage vor dem Berliner Volksentscheid über die Zukunft des Tempelhofes Feldes zusammenfassen. Während der Rest des Landes morgen mit der Europawahl beschäftigt sein wird, kocht im Topf von Wowereitnix seit Wochen ein ganz anderes Süppchen hoch. Ein Ereignis, welches in seiner medialen Tragweite innerhalb der Stadt sogar die Europawahl verdrängt. Nicht verwunderlich – so sind die Entscheidungen in Brüssel doch ganz weit weg, das Tempelhofer Feld aber ganz nah. Das erklärt jedoch nicht automatisch, wie ca. 185.000 Unterschriften zusammenkamen und den Volksentscheid erst möglich machten.

Was war passiert? Ein kurzer Rückblick: Vor vier Jahren wurde der aus dem Verkehr genommene Flughafen Tempelhof der Öffentlichkeit übergeben. Informationstafeln und – markierungen, ein paar Verhaltensregeln, mehr wurde am Gelände nicht verändert. Es geschah etwas Erstaunliches: Aller Sorgen zum Trotz wurde hier nicht gewütet, randaliert oder Müll überall liegen gelassen. Stattdessen startete eine bunte Mischung Menschen nun von der Start- und Landebahn aus in die eigene Freizeit. Sportler nutzten die Kilometermarkierungen zum Rekorde brechen – selbst wenn es nur die eigenen waren -, Grillmeister reichten sich auf den ausgewiesenen Flächen das Feuerzeug weiter und manch einer hatte sogar Gemüse auf dem Grill, welches hier gepflanzt wurde – auf der “Urban Gardening”-Fläche ein paar Meter weiter. So entstand über die Jahre eine ganz eigene Wertschätzung des Ortes und Erinnerungen pflanzten sich ein: Ich bin hier bspw. das erste Mal mehr als 10 km am Stück gejoggt, genaugenommen 10,1 km, ohne am Rand zusammenzubrechen. Wäre auch schlecht gewesen, denn auf dem Tempelhofer Feld hört dich niemand schreien. Und wenn im Winter die Pflanzen und das Grillwerkzeug ruhte, wurde aus den Joggingstrecken eben eine Langlaufpiste und die langen Wiesen zur “Größter Schneemann der Welt”-Modellbaustrecke. Flâneur Mark scheiterte zwar an diesem Unterfangen, aber es zeigt, was auf dem Tempelhofer Feld sichtbar gemacht wird: Ideen & Träume,  die bekanntlich fliegen und nicht einbetoniert werden wollen. Und dieser das restliche Großstadtleben kontrastrierende Kreislauf hätte für viele Berliner ewig weitergehen können.

Doch mit den Jahren zogen dunkle Wolken herauf, Panik machte sich breit und Stimmen wurden laut: “Berlin braucht Wohnraum!”, “Was soll mit dem Terminal geschehen?”, “Ist doch viel zu groß!” und natürlich: “Wieso haben dort Menschen Spaß?”. Schon kamen sie – Investoren, Architekten und Stadtplaner – und fegten über das Feld, hatten leere Pläne und volle Köpfe. Eine Randbebauung mit Wohnungen soll es werden, Gewerbe und neue Zentralbibliothek mit dazu, das wär’s. Bürgerbeteiligung? Fehlanzeige. So folgte den dunklen Wolken ein Sturm der Entrüstung, der am morgigen Sonntag in einem Volksentscheid mündet.

Dabei steht nicht nur das Tempelhofer Feld auf dem Spiel, sondern eine darüber hinausgehende Angst, die in den vergangenen Monaten damit verknüpft wurde. Denn der Volksentscheid ist vor allem ein eindeutiges Zeichen für das wachsende Misstrauen gegenüber Politik und Senat. Bebauungspläne gehen vielerorts von oben nach unten und um die Bürger herum. Zuständigkeiten werden hin- und hergeschoben, von moralischem Verantwortungsbewusstsein und Handeln keine Spur. Und so wird die Augenbraue fragend in die Höhe gereckt statt laut mit den Armen geklatscht, wenn für 270 Millionen € eine neue Zentralbibliothek gebaut werden soll, statt die bestehenden Bibliotheken fit für die Zukunft zu machen. Alle nachgeschobenen Gründe mit denen der Bebauungsplan nun beworben wird, sind lassen die Augenbraue nur weiter in die Höhe wachsen. Wenn von sozialem Wohnungsbau die Rede ist, wie sozial sind dann 9 % bezahlbarer Wohnraum gegenüber 91 % Raum für Spekulationsobjekte und Eigentumswohnungen? Und wer benötigt bei dem hohen Gewerbeflächenleerstand in Berlin weitere Gewerbeflächen?

Viele Fragen, keine Antworten. Wer diese sucht, muss sich nur zum Park am Gleisdreieck begeben. Dort wurde nach und nach die ehemalige Bahnanlage in einen Park umgewandelt, leere Hallen und Gleisanlagen zeugen von dieser Vergangenheit. Ein schöner Park. Nun werden an der Nordseite Wohnungen gebaut, die bis an den Park heranführen. Wo sich vor einem Jahr viel Licht breitmachte und ein luftiger Abstand zu Straßen und Wohnhäusern vorhanden war, ist nun Enge und Schatten. Ein Zeichen dafür, dass die kritische Hinterfragung der Pläne nichts mit einem gerne unterstellten linkspolitischen Beißreflex oder Sozialneid zu tun hat – sondern von einem neuen politischen Bewusstsein zeugt, welches den alten “Die da oben machen ja eh was sie wollen”-Spruch dorthin schickt, wo er hingehört. In die Vergangenheit.

Wenn ich morgen die Wahlkabine verlassen habe, wird auf meinem Stimmzettel ein JA für 100 % Tempelhofer Feld und ein NEIN für die Senatspläne angekreuzt sein. Verbunden mit der Hoffnung, dass ich in ein paar Jahren auf dem Feld stehen kann und alles gut sein wird. Dass Menschen diskutiert und sich ausgetauscht, Träume zum Fliegen und Ideen zur Realisation gebracht haben werden. Dann könnte, ganz ohne Zaubertrank, eine lebenswerte Zukunft vom Flughafen abheben und diese Ideen in die Welt hinaustragen.

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