Alltag, du Sau (7)

Es ist nicht leicht, ein guter Mensch zu sein. Irgendwo zwickt immer was im dicken Optimisten-Fell. Gerade die Deutsche Bahn liebt es, mich zu verärgern und zu Gedankenspielen anzuregen, in denen die Zerstörung von Fahrkartenautomaten eine zentrale Rolle spielt. Dabei würde ich viel lieber ein Ticket kaufen, vorzeigen, entwerten lassen, und danach den Blick aus dem Fenster schweifen lassen. Aber das ist mittlerweile zu viel gewollt, denn die Fahrkartenkontrolle wurde nun „outgesourced“ – an die Reisenden selbst. Und so sage ich „Hallo!“ zum Frust und „Na, was geht?“ zur Verzweiflung, die mich bei jeder Bahnfahrt so inbrünstig umarmen.
Rot - Farbe der Aggression. Copyright: flickr.com - S.L.
Rot – Farbe der Aggression. © flickr.com – S.L.
Beispiel 1: Eine Fahrt vom Berliner Hauptbahnhof bis nach Brandenburg. Liegt außerhalb des S-Bahn-Bereiches, also kaufe ich mir ein Ticket, finde aber auf dem Gleis weit und breit keinen Entwertungsautomaten. „Gut, dann wird eben im Zug entwertet“, denke ich. Als dann die Schaffnerin mein Ticket sieht, folgt ein skeptischer Blick zu mir, zum Ticket und wieder zu mir. In ihren Augen sehe ich 5 Jahre Gefängnis für das Betrügerschwein vor ihr. Ich solle das Ticket vor Fahrtantritt entwerten – denn danach ginge ja nicht mehr. Mein freundlicher Hinweis, dass ich dies bei Auffinden eines Automaten ja liebend gerne gemacht hätte, überging sie mit dem Hinweis, ich solle bei der Rückfahrt aufpassen und könnte dieses Ticket nicht mehr verwenden. Das Entwerten lässt sie weg und bereitet so meine kleine Rache vor. Denn wenige Stunden später suche ich abermals mit hoffnungsvollem Blick den Bahnsteig ab. Fahrplan – Check, Snackautomat – Check, Sitzbänke – Check, viel Leere – Check. Wieder nix – also rein in den Zug und auf Verständnis hoffen. Der Schaffner kam, ich versucht entspannt zu wirken und reichte ihm mein Ticket. Er nahm es, begutachtete es ca. eine Sekunde, entwertete es ohne Murren und trottete weiter. So viel zum Thema, dieses Ticket sei nicht mehr nutzbar…
Beispiel 2: Letztes Wochenende – über 30°C – lange Schlangen am Ticketautomat. Nach mehrmaligem Versuch und wachsendem Zeitdruck gab ich es auf, den Automaten um 1x normales und 1x ermäßigtes Ticket zu bitten und kaufte widerwillig 2x normale Tickets. Auf dem Bahnsteig das selbe traurige Bild: Kein Entwerter in Sicht. Dafür 2 Snackautomaten, die Prioritäten sind also klar verteilt. Da die Reisendne mit ihren Körpern und Fahrrädern Tetris spielten, war im Zug kein Durchkommen mehr und die Fahrt endete ohne Kontrolle. Es folgte ein schöner Tag mit Muscheln im Badesee, Chormusik aus einem Kloster und leckerer Knoblauch-Salami von einem Öko-Hofladen. Der Stress kam erst am Abend wieder auf: Weit und breit weder Automat noch Entwerter in Sicht. Dafür den dummdreisten Hinweis, dass man – wenn diese Maschinen nicht vorhanden sein sollten – sofort nach Besteigen des Zuges einen Automaten oder einen Zugbegleiter aufzusuchen habe. Genau, weil man bei diesen Temperaturen nichts besseres zu tun hat, als ein Suchspiel im Zug zu veranstalten. Was, wenn ich mich unten durchkämpfe, die Zugbegleiter aber gerade oben langgehen? Und wieso weiß die Deutsche Bahn Gesellschaft nicht, dass es im RE keine Automaten gibt? Meine letzte Hoffnung lag in menschlicher Kommunikation. Freudig sah ich, dass bei unserer Einstiegstür eine Schaffnerin wartete. Endlich! Ich strahlte sie mit einem von der Sonne gequältem, aber doch freundlichen Lächeln an, und fragte nach zwei Tickets nach Berlin. Ihre Antwort: Grummel Grummel… Stille… Blick ins Leere.
Es ist nicht leicht, ein guter Mensch zu sein.
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Enrico Seligmann Verfasst von:

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