Thought you were praying to the resurrector,

turns out it was just a reflector.

– Arcade Fire

Arcadisches VoodooDer Zufall wollte es, dass ich mich in diesen Tagen mit haitianischem Voodoo beschäftigte. Grund dafür war eine Puppe aus Stoff, die sich, halb verdeckt von einem leeren Joghurtbecher (Pfirsich-Maracuja) in unserem gelben Sack befand und verdächtige Einstichstellen in Form von kleinen, schwarzen Punkten aufwies. Im Music & Books, einem vollgestopften Second-Hand-Geschäft in der Nähe des Weißen Turms, hielt ich daher nach entsprechender Fachliteratur Ausschau und erstand eine speckige Erstausgabe von Hubert Fichtes Xango; das war ungefähr eine Woche, bevor Reflektor erschien.

Neben interessanten Details über Fetische, Opferrituale, Trancetänze und Priesterkasten erfuhr ich in erster Linie einiges über Loas: Geistwesen, die als Vermittler zwischen den Menschen und dem einen Gott dienen, und dafür von ersteren ausgiebig angebetet werden. Jeder von ihnen verfügt über ein Veve, ein Symbol, das bei Beschwörungszeremonien und Ritualen in den Lehmboden gefurcht, oder mit dürren Zweigen oder zerstoßenem Knochenmehl erschaffen wird. Die Loas tragen Namen wie Pie, Mounanchou oder Baron Samedi und sind häufig als christliche Heilige dargestellt.

Fichte beschreibt nicht nur jenes berühmte Voodoo-Ritual des Sklavenführers Dutty Boukman, das im Bois Caïman (dem Krokodilwald) stattfand und 1791 die haitianische Revolution auslöste – er berichtet auch von einem Geheimkult entflohener Sklaven, die sich etwa zur selben Zeit auf der nahe des Festlands gelegenen Insel Petite Cayemite versteckt hielten (einer Insel, die von oben betrachtet wie eine unsauber abgetrennte Bärentatze aussieht) um dort den Loa Eeo zu ehren. Versprengte Überreste dieses Geheimkults, heißt es weiter, bestünden bis heute. Als ich an dieser Stelle des Buches angekommen war, besaß ich Reflektor seit wenigen Stunden.

Eeo lässt sich laut Fichte am ehesten als Geist der Vergeblichkeit bezeichnen, indem er sich gar nicht erst bemüht, die Anliegen der Gläubigen zu übermitteln, sondern zu veranschaulichen versucht, dass er nur ein Spiegel ist und sein kann. Er reflektiert lediglich die Weisheit des einen Gottes wider, und das in unendlichem Maße, denn jede Erkenntnis kann nur die Spiegelung einer anderen, ursprünglicheren Erkenntnis sein, wobei die Unendlichkeit als kreisförmig zu betrachten ist. Somit bedingt sich die Erkenntnis, die er kundzutun weiß, praktisch selbst  und bedarf des einen Gottes als Urheber überhaupt nicht (zumindest wird diese Urheberschaft von Eeo in Zweifel gezogen).

Für die Anbetung Eeos – dessen einziger brauchbarer Ratschlag auf diesen Spiegelungsprozess die irdische Transzendenz und Ekstase ist (womit die Anbetung in gewisser Weise hinfällig, aber das Ritual nicht weniger notwendig wird) – werden Palmschnaps und Tabak geopfert, des weiteren Congas getrommelt, und der Houngan (so die Bezeichnung des zuständigen Voodoo-Priesters) beklebt sich während der Durchführung des Rituals am ganzen Körper mit spiegelnden Scherben. Die anderen Teilnehmer tragen oft überdimensionierte Larven (Masken) aus Holz oder Pappmaché, die teils einheimischen Tieren wie dem Schlitzrüssler oder dem Glattkopfleguan, aber durchaus auch dem eigenen Antlitz nachempfunden sein können. Das Veve des Loas Eeo besteht aus einer in neun gleichmäßige Rauten aufgeteilten Raute, und wird vom Houngan mit Kreide auf die jeweilige Kultstätte gezeichnet.

Das alles stand nun, wie mir bald dämmerte, in keinerlei Bezug zu der löchrigen Puppe in unserem gelben Sack. Dafür wurde einigermaßen ersichtlich, dass Arcade Fire mit Reflektor, dem dazugehörigen Video zur Single, sowie dem ganzen karnevalesken, karibischen Look, den die Band rund um die Veröffentlichung des Albums zur Schau stellt (der Sand, die Palmen, die Spiegel) ziemlich unverfroren dem Loa Eeo huldigen – ja, dass der titelgebende Reflektor niemand anderes als Eeo selbst ist, weshalb sein Name auch ganz offen auf dem zugehörigen Graffiti auftaucht, und zwar diagonal in der zweiten Reihe der Rauten.

Gerüchte, Win Butler habe sich bei Verwandschaftsbesuchen bei Régine Chassagnes Eltern auf Haiti zum Houngan (oder auch: Babalawo) ausbilden lassen, kursieren bereits seit längerem. Was mich zu der Frage führt, inwieweit auf den Konzerten der Band in subversiver Manier Voodoo-Messen zelebriert werden (oder sie sogar selbst welche sind), denn vieles (Trancezustände bei allen Beteiligten, ekstatischen Körperkrümmungen, etc.) deutet daraufhin, und die Wirkung der Platten scheint demgegenüber nur bedingt abgeschwächt. Ob man sich dagegen wehren sollte? Ich weiß nicht recht. Diejenigen Anbieter, die überhaupt einen adäquaten Schutzzauber dagegen versprechen, machen jedenfalls einen wenig seriösen Eindruck.

Als ich das alles einem Freund erzählte, der sich der Archäologie verschrieben hat, wurde mir prompt ein fragwürdiges Verhältnis zum wissenschaftlichen Arbeiten unterstellt: meine Beweisführung sei spekulativ und äußerst willkürlich. So seien zum Beispiel auch die einbalsamierten Überreste des babylonische Königs Nabonid über und über mit Bruchstücken prähistorischer Bronzespiegel bedeckt gewesen. Er zeigte mir daraufhin ein Bild der Mumie in einem Lehrbuch; direkt daneben war eine Zeichnung des jungen, bartlosen Nabonid abgedruckt. Ich betrachtete diese Zeichnung mit Stirnrunzeln. Die Ähnlichkeit mit David Bowie war nicht von der Hand zu weisen.

Hmh, machte ich.

 

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