The mole is an animal that digs tunnels. In his quest for the sun, his path sometimes brings him to the surface; and when he sees the sun, he is blinded.

– aus ‘El Topo’

White Rabbit

Foto: Alexander Zull

Sie* arbeitet nebenbei für ein kleines Theater, und als wir uns in dessen Bar unterhalten, sind wir uns wie so oft rasch einig. Diese Einigung besteht im Grunde darin, dass es nicht mehr darum geht, die Dinge, die man liest, als logisch und plausibel zu empfinden, sondern ihre tatsächliche Präsenz im Alltag anzuerkennen und Veränderungen anzustreben. Wir reden von den fehlenden Abdrücken. „Wenn mein Leben eine Schlammpiste wäre, auf der ich mich fortbewege“, meint sie, „kann ich schon lange nicht mehr die Spuren erkennen, die ich selbst darin hinterlasse.“ Die Tage würden sich an Anforderungen verschwenden, und zwischen den Inseln aus Arbeit und einkalkulierten Vergnügungen verebbe die Zeit, obwohl die eigentlich reichlich vorhanden sein müsse.

Sie mustert ihr Smartphone auf dem Tisch mit Missmut, es liegt neben dem Schlüssel und ist ausgeschaltet. Ihre Ungeduld nicht, und das nervt sie. Es handelt sich um eine Art Meta-Ungeduld, die Ungeduld darüber, noch immer ungeduldig zu sein, und genervt und gestresst. Ich frage, ob der Tag anstrengend war. „Geht so“, sagt sie, „eigentlich nicht besonders.“ Ich frage, ob sie noch immer To-Do-Istin ist. Sie lacht.

Wir haben das alles bereits erörtert, nicht nur einmal: Die zerstreute Wahrnehmung, die zersplinterte Konzentrationsfähigkeit, das Gefühl, sehr viel aufzunehmen und nichts substanzielles dazu zu gewinnen, während die Stunden schon wieder verrinnen, es ist ein wenig wie bei diesen auslaufenden Sanduhren mit Refill-Garantie. Wir kennen auch den Diskurs, sozusagen. Den Information Overload. Überproduktion, Überkommunikation, Überleistung. Sie bemüht dann oft Baudrillard, der von der Fettleibigkeit aller gegenwärtigen Systeme spricht, und was die Konsequenzen daraus sind, nämlich Ermüdung, Erschöpfung und Erstickung. Und das, obwohl eigentlich überhaupt nichts passiert, obwohl wir uns in rasendem Stillstand befinden, wie Rosa es formuliert, der meist von mir ins Spiel gebracht wird.

Wie gesagt, wir haben das alles bereits erörtert. Wir beklagen die Absurdität all der Optimierungs- und Steigerungsprozesse. Dann kommen wir wie üblich zu dem Schluss, dass ein Gesellschaftsmodell nicht funktionieren kann, das diejenigen, die es konstituieren als defizitär ansieht. Dass wir dabei sind uns selbst abzuschaffen, und den Planeten gleich mit. Und alles ein immer schnelleres Wuchern ohne Ziel ist, und wir in die Leere expandieren. Dass es keinen Grund mehr gibt, warum wir tun, was wir tun. Dass man etwas anderes ausprobieren müsste, systemisch, klar, aber erst mal ganz für uns selbst. Als ersten Schritt. Um dann weiterzusehen.

Und damit ist das Thema als Gesprächsthema, der immer gleichen Steigerungslogik gehorchend, gewissermaßen selbst an sein Ende gekommen. Meistens bestellen wir dann noch was zu trinken und plaudern über anderweitiges, jetzt, wo erst mal alles gesagt ist.

Heute sagt sie, sie hätte neulich etwas ausprobiert, was ein Institutskollege ihr empfohlen hätte, weil der auch sehr gestresst sei, wegen der gekürzten Mittel, dem Pendeln und allem. In der Nürnberger Südstadt gäbe es ein neues Geschäft, von Tunesiern geführt, und von außen sähe es aus wie einer dieser dubiosen Läden, die Internetzugang, Hüllen für Smartphones und einen Kühlschrank voll Limonaden und Bier anbieten. Etwas unseriös, aber es würde noch umgebaut. Drinnen stünden jetzt drei weiße Badewannen. Palmen in den Ecken, Bilder an den Wänden, leise Musik.

„Man zieht sich aus, allerdings nicht ganz, und legt sich da rein“, fährt sie fort, „die Leute sind sehr höflich. Man bekommt eine leichte Stoffbinde über die Augen und eine Art Schnorchel, der wie ein großer Trinkhalm aussieht. Dann wird man mit warmem Sand überschüttet, der zuvor in einem speziellen Ofen erhitzt worden ist. Sie sagen, es ist echter Sand aus Marokko und füllen damit die Wanne auf, bis man vollständig darunter verschwindet. Am Anfang glaubt man zu ersticken, aber das legt sich sofort. Alles kitzelt, ist warm und angenehm schwer, wie im Innern eines frischen Brötchens. Sehr kontemplativ. Und anregend: Ich habe Bilder vor meinen Augen vorüberziehen sehen, wie von Dalí. Eine weiße Wüste. Verformte Felsen aus hellem Kalkstein. Äste wie dürre Hände. Sogar einen dieser Elefanten mit kilometerlangen Beinen und einem Obelisken aus Kristall auf dem Rücken.“

„Brennende Giraffen“, murmle ich.

„Nein, im Ernst.“ Sie rührt gleichmäßig in ihrem Drink. „Es ist wahnsinnig entspannend. Nach zehn Minuten wird man vom Betreuer wieder herausgeholt und fühlt sich, als hätte man kein Gewicht mehr, überhaupt nichts. Absolut kathartisch. Und nicht mal teuer. Ich mache das jetzt einmal die Woche.“

Ich nicke langsam. Als die Kellnerin vorbeikommt, frage ich, ob ich noch etwas Weißwein bekommen könnte.

 

*Alles geändert.

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