Tallinn ist eine Traumstadt – in vielerlei Hinsicht. Als ich das erste Mal dort war, war ich zum Beispiel völlig geflasht davon, dass es in jedem noch so kleinen Laden freies W-LAN gibt. Ärzte schicken das Rezept per Mail an die Apotheke und Parkscheine kauft man per SMS. Tallinn ist also modern – so modern, dass die Einwohner seit Jahresbeginn den Nahverkehr in der ganzen Stadt kostenlos nutzen können. Tallinn ist die erste europäische Hauptstadt, in der alle gemeldeten Einwohner kostenlos mit Bus und Bahn fahren können. Sie erhalten eine Chipkarte, mit der sie sich beim Einsteigen identifizieren. Besucher müssen sich immer noch ein reguläres Ticket kaufen. Die Regierung will damit erreichen, dass mehr Menschen die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen und so ihr Auto stehen lassen – Umweltschutz ist ein großes Thema in der Stadt. Fahrspuren und Ampelschaltungen wurden ruckzuck umgestellt. Die Autofahrer haben jetzt immer öfter das Nachsehen. Laut Umfragen finden die meisten Tallinner das neue Angebot gut. Und es funktioniert: Angeblich waren jetzt schon 15 Prozent weniger Autos auf den Straßen unterwegs.
Vor Tallinn haben das schon andere, kleinere Städte gewagt. 1997 führte die belgische Stadt Hasselt die kostenlose Nutzung aller Busse ein. Parkeinnahmen sollten dafür sorgen, dass die Stadt das Projekt tragen konnte. Ohne Erfolg: 2013 wurde beschlossen, den Fahrkartenverkauf wieder einzuführen. Das Projekt scheiterte an der Finanzierung.
In Portland, immer großes Beispiel für Modernität und Hipsterness, durften die Menschen seit 1975 kostenlos herumfahren – 2012 wurde das Langzeitprojekt auch hier eingestellt. Jetzt müssen die Einwohner wieder bezahlen. Alle Städte mit kostenlosem Nahverkehr findet man übrigens auf freepublictransports.com.
In Deutschland scheint schon der Gedanke an kostenlosen Nahverkehr lächerlich. Befürworter wie die Piraten oder Greenpeace werden ausgelacht, sobald das Thema zur Sprache kommt. Dabei gibt es längst Beispielprojekte: In Lübben und Templin konnten die Einwohner bis vor kurzem kostenlos die Busse nutzen. Problem: Das hat so gut funktioniert, dass die Busse irgendwann mehr als ausgelastet waren. In dem Fall wäre es natürlich grandios, wenn es den erfolgreichen Städten möglich wäre, noch mehr Busse einzusetzen. Das war in diesen Fällen finanziell und logistisch nicht machbar. Deshalb kostet das Ticket heute wieder Geld – allerdings nur 60 Cent. Martin Randelhoff vertritt im Blog „Zukunft Mobilität“ die Meinung, dass sich kostenloser Nahverkehr nicht für alle Städte anbiete. Die besten Kandidaten seien kleine und mittelgroße Städte, die möglichst schnell auf steigende Fahrgastzahlen reagieren könnten.
Klar, wenn ich morgens in Hannover mit dem Bus ins Büro fahre, kann ich mir schwer vorstellen, dass noch mehr Menschen irgendwo einen Steh-, geschweige denn einen Sitzplatz finden sollen. Trotzdem ist gerade Hannover eine Stadt, in der man über neue Projekte nachdenken sollte. Die Kriminalitätsbelastung (das nennt sich im Fachjargon „Häufigkeitsziffer“) ist wegen der vielen Schwarzfahrer, die erwischt werden, so hoch, dass Hannover nur deswegen einen Spitzenplatz in Sachen Kriminalität im Vergleich der Großstädte einnimmt. Hier wird gefühlt so oft kontrolliert, dass sich jeder Fahrgast seinen Fahrschein einfach auf die Stirn kleben könnte. Und das nervt. Natürlich könnte man sagen: Dann kauf dir halt einen Fahrschein. Aber das kann sich nicht immer jeder leisten.
Eine Versicherung für Schwarzfahrer ist eine Idee, mit der Aktivisten versuchen wollen, gegen zu hohe Ticketpreise zu demonstrieren. Der Fahrgast bezahlt einen jährlichen Beitrag, der wesentlich niedriger ist als die Jahreskosten für die Nutzung des Nahverkehrs. Wird er beim Schwarzfahren erwischt, bezahlt die Versicherung das Bußgeld. Schwarzfahrergemeinschaften fordern, dass der Nahverkehr genau wie die Benutzung von Straßen und Gehwegen nichts kosten dürfe. Der Nahverkehr solle aus Steuern bezahlt werden.
Eine schöne Idee, die im Umkehrschluss aber wahrscheinlich nur für eine unangemessene Steuererhöhung sorgen würde und letztendlich das gleiche Ergebnis bringen würde wie in Hasselt oder Portland.
Trotzdem sollten wir Alternativen ausprobieren (und nicht nur über sie nachdenken). Wenn weniger Menschen mit dem Auto durch unsere Großstädte fahren, haben wir eine bessere Umweltbilanz und weniger Staus. Bis wir zu einer vernünftigen und bezahlbaren Lösung gefunden haben, bleibt uns immer noch das Rad. Da wird man, zumindest in Hannover, nicht so oft kontrolliert und ist trotzdem schnell und umweltbewusst am Ziel.

