Wäre dies ein Foodblog, dann würde ich jetzt ein Rezept für Kürbisrisotto posten. Ungemein lecker. Und vegetarisch. (Foto: Falk Schreiber)

Wäre dies ein Foodblog, dann würde ich jetzt ein Rezept für Kürbisrisotto posten. Ungemein lecker. Und vegetarisch. (Foto: Falk Schreiber)

Christian isst kein Fleisch. Katrin isst kein Fleisch. Von den Flâneuren isst praktisch niemand Fleisch. Ich esse auch kein Fleisch. Massentierhaltung ist eine schlimme, ethisch nicht zu rechtfertigende Sache, Fleischfresser kann man für einen Großteil des CO2-Anstiegs verantwortlich machen, ich meine: gerodeter Regenwald! Methan-pupsende Rinder! Außerdem ist Fleisch nicht wirklich gesund, Fettleibigkeit, Blutdruck, der ganze Kram, und, seien wir doch mal ehrlich, Fleisch schmeckt auch nicht besonders gut. Ich esse kein Fleisch.

Außerdem lüge ich.

Ich unterschreibe alles, was oben steht, von wegen Umweltzerstörung, von wegen Ethik. Ich würde wirklich gerne auf Fleisch verzichten. Aber ich mache es nicht, ich esse Fleisch. Selten. Und ich habe keine vernünftige Rechtfertigung, bis auf diese eine: Begierde. Begierde ist nicht immer etwas Schönes, ich meine, wahrscheinlich sind die Menschen glücklich, die ohne nachzudenken in ihr Schnitzel für 4,99 beißen, die glauben, es sei ihr gutes Recht, wenn ihr Verlangen nach einem Braten hier und jetzt befriedigt wird, aber zu denen gehöre ich nicht. Ich weiß, es ist nicht mein Recht, jetzt ein Schnitzel zu essen, ich weiß, es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, wenn ich mir das Schnitzel bestelle, eine Ungerechtigkeit auf Kosten verschiedener Opfer, und keines dieser Opfer bin ich. Ein Tier wurde für dieses Schnitzel getötet, womöglich unter Schmerzen. Die Verbrechen der weltweiten Nahrungsmittelindustrie stehen im Zusammenhang mit diesem Schnitzel. Ich habe ein schlechtes Gewissen, und deswegen kämpfe ich mein Verlangen nieder, oft. Aber nicht immer. Und dann esse ich mein Schnitzel, und ich weiß nicht, wie ich das erklären soll. Weil es mich glücklich macht? Bin ich dann glücklich?

Ich bin ein Hardcore-Christ, der Probleme damit hat, zu seiner Homosexualität zu stehen.

Weil ihm sein Wertesystem sagt: Das ist Sünde, was du da tust! Verleugne deine Begierde! Love the sinner, hate the sin. Ich bin der Hardcore-Christ, der eifersüchtig auf seine Nachbarn schaut, seine Nachbarn, die ihr Verlangen unterdrücken können, er versteht nicht, dass sie womöglich gar nicht dieses Verlangen haben. Ich bin der Hardcore-Christ, der eifersüchtig auf seine anderen Nachbarn schaut, die ohne schlechtes Gewissen allabendlich im Darkroom stehen. Ich esse Fleisch und wäre gerne Vegetarier, ich esse Fleisch und wäre gerne vom Fleischessen als Haltung überzeugt. Und genau genommen ist mir natürlich auch klar: Beides bin ich nicht.

Eine sinnvolle Lösung wäre das: Die Begierde als das annehmen, was sie ist. Sie nicht verleugnen, sie auch nicht zum alleinigen Lebensinhalt machen. Versuchen, damit so wenig Schaden anzurichten, wie irgend möglich: Biofleisch. Wenig Fleisch. Vielleicht einen kulturellen Umgang damit finden? Isabel hat einmal einem Schlachter bei der Arbeit über die Schulter geschaut, vielleicht wäre das ein Weg, das Industrielle, Bösartige der Fleischproduktion zu bannen? Auf jeden Fall: niemandem vors Knie zu stoßen, Vegetariern keine Diskussion über den Segen des Fleischkonsums aufzuzwingen. Überhaupt, nicht vor den Augen eines angeekelten Vegetariers ins Wurstbrot zu beißen. Nicht mehr die Facebook-Kommentare bei der Beef zu lesen. An den Punkt zu kommen, an dem Missionieren grundsätzlich unsexy wird. Zu kapieren: Fleischlos ist häufig sehr, sehr lecker, sehr, sehr befriedigend. Und trotzdem zur eigenen Begierde zu stehen, hin und wieder, bei minimiertem Schaden?

Ist nämlich eine ziemlich komplizierte Sache, mit der Begierde. Eigentlich immer.

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