Die schlichte Schönheit der Hochbeete. (Foto: Falk Schreiber)

Die schlichte Schönheit der Hochbeete. (Foto: Falk Schreiber)

Liebe IGS, liebe Internationale Gartenschau Hamburg,

das mit uns ist ein Missverständnis. Ich interessiere mich überhaupt nicht für Gartenbau. Ich schaffe es auch nicht, mir diese Kunst irgendwie als interessant einzureden: Eigentlich ist der Garten das perfekte Großstadtthema, die Umgestaltung der Natur im urbanen Raum, und die Land-Art-Ausstellung “Ends of the Earth” vergangenen Winter im Münchner Haus der Kunst war doch auch irgendwo Gartenbau – BULLSHIT! Ich finde Gartenbau nicht spannend. Es hilft einfach nichts, ich hoffe, du verstehst das.

Ich will nicht auf deinen Fehlern rumreiten, zum Beispiel der mehr als unsympathischen Preispolitik, die Sven Dietrich sehr schön aufgedröselt hat, ich will nicht betonen, dass drei Euro (drei! Euro!) für ein Franzbrötchen (kostet beim Bäcker außerhalb des IGS-Geländes 90 Cent, schmeckt allerdings als ob es ein Sonderangebot für 49 Cent wäre) ein unverschämter Preis ist, zumal das Franzbrötchen tatsächlich das günstigste Lebensmittel ist, das auf der IGS verkauft wird. Ich will auch nicht darüber herziehen, dass der Servicemitarbeiter am Eingang mir überaus unfreundlich zu verstehen gab, dass ich, einmal auf dem Gelände, nicht so einfach wieder rausspazieren dürfe, ich meine, jeder darf einmal einen schlechten Tag haben, und dass die Servicebranche stressig ist, wissen wir. (Obwohl, Stress, naja, es war der zweite Tag der IGS, und eigentlich war gar nicht so unvorstellbar viel los, wenn die Leute da schon gestresst sind, dann frage ich mich doch, wie die Schulungen für die Mitarbeiter abgelaufen sind. Oder gab es überhaupt keine Schulungen, liebe IGS, weil, Schulungen hätten ja Geld gekostet, und irgendwie macht das alles doch mehr den Eindruck, es gehe euch in erster Linie darum, Geld abzugreifen ohne irgendetwas zu investieren?)

Aber eigentlich ist das gerade gar nicht mein Thema.

Mein Thema sind deine Inhalte, liebe IGS. Ich hatte nicht erwartet, besonders abwegige Blumen zu entdecken, wir sind hier in Hamburg, raues Klima, da wächst eben nichts Tolles, schon okay. (Aber als eine Freundin erzählte, alles, was zu sehen sei, seien Geranien gewesen, und man zahle doch keine 21 Euro, nur um sich Geranien anzuschauen, da dachte ich mir doch ein wenig: Wo sie recht hat, da hat sie recht.) Erwartet hatte ich: ein Nachdenken darüber, was das heute eigentlich sein kann, ein Garten. Du, IGS, beantwortest diese Frage mit der schlichten Schönheit der Hochbeete. Sicher, warum nicht, ein Garten kann ein Hochbeet sein, aber in diesem Zusammenhang hätte ich mir schon gewünscht, wenn etwas gesagt worden wäre zu Urban Gardening-Konzepten und die Bedeutung des Hochbeets für diese Konzepte. Wird nur nicht gesagt. Gesagt wird hauptsächlich esoterisches Wischiwaschi, “Bizarre Räume mit ständig wechselnden Eindrücken entwickeln sich zwischen den Beziehungskisten – der Besuch des Gartens wird so eine Reise durch die Unterschiedlichkeit menschlicher Emotionen. Werden Glück, Angst oder Liebe wohl von jedem gleich wahrgenommen?” wird die Gemüsekisten-Installation “Beziehungskiste” beschrieben, Gottchen! Schlimmer noch: die “Welt der Häfen”, total wirr wird man durch irgendwie symbolisierte Hafenstädte gelotst. Suez besteht aus künstlichen Dünen, Kalkutta aus Teekisten (man darf auch Tee verkosten, zu, klar, Preisen, die deutlich über dem üblichen Teehaus-Niveau liegen), in Liverpool gibt es eine Ausstellung zu den Beatles in Hamburg (!). Und zum Thema Musikpiraterie. Klar, wenn ich eine Gartenschau besichtige, dann will ich in erster Linie etwas übers Urheberrecht erfahren, und das am Besten so, dass ausschließlich die Position der Rechteverwerter dargestellt wird. Wobei, kurz zuvor wurde gentechnisch manipulierte Baumwolle vollkommen unkritisch als ökologisches wie ökonomisches Ei des Kolumbus angepriesen, da muss man schon dankbar sein, wenn es bei der vollkommen unmotivierten Beatles-Schau in erster Linie wirr und nur ein bisschen manipulativ zugeht, oder?

A propos wirr. Die nächste Passage nennt sich “Welt der Kontinente”, und dort findet man einen “Landeplatz für Engel”, der so beschrieben wird:

Engel brauchen einen schlichten Ort, um auf die Erde zu kommen. Ihr Landeplatz, bepflanzt mit Zittergras, ist umzäunt von rohen Holzplanken, ein eingelassener Betonring nebst einer Leiter mit Beleuchtung. Um die himmlischen Heerscharen persönlich an ihrem Landeplatz in Empfang nehmen zu können, muss man sich erst durch den dichten Wald aus Weidenbäumen sukzessive aus dem Schatten ans Licht im unteren Teil des Gartens durchschlagen. Während das Geräusch pupsender Heringsschwärme zu vernehmen ist, umgibt ein weiches Landschaftsbild die Wartenden, die sich fast schon in einer anderen Welt befinden.

“Pupsende Heringsschwärme”? Echt jetzt, IGS? Und weiter. Einen Kinderspielplatz namens “Der verlorene Garten” dienst du an mit den Worten: “Atlantis ist wieder aufgetaucht und hat von seiner Mystik nichts eingebüßt!”. Also, ich weiß nicht, was du, liebe IGS, genommen hast, aber für 21 Euro Eintrittspreis wäre es meiner Meinung nach okay, da etwas abzubekommen.

Kurz vor dem Ausgang liegt übrigens die “Welt der Religionen”. Hätte mich interessiert, weil ich zum Beispiel Friedhofsgärtnern erwartet hätte, das wäre doch spannend, oder? Aber als ich zur “Welt der Religionen” komme, bin ich schon so verärgert, also entscheide ich mich, dass ich diese Welt einfach mal skippe. Denn ich muss einfach sagen, liebe IGS, ich glaube, dass ich mit dieser Präsentation nichts anfangen kann, das hat nichts mit einem Missverständnis zu tun. Das liegt daran, dass du, Internationale Gartenschau Hamburg, ganz einfach grauenhafter Trash bist.

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