Reykjavík, ficken oder lieben?

Von Mark Heywinkel

island1

Eine der prägendsten Erkenntnisse, die ich in meinen frühen Zwanzigern gewonnen habe, ist diese: Reisen ist wie Ficken, Wohnen ist wie Lieben. Will meinen: Da draußen gibt es viele Orte, die mir für einen kurzen Besuch gut, sogar sehr gut gefallen mögen. Aber um eine Stadt aufrichtig Heimat nennen zu können, braucht es so viel mehr – wie es auch für ein „Ich liebe dich“ so viel mehr braucht.

Zu dieser Erkenntnis kam ich, als ich nach dem Studium nach Hamburg zog, und zunächst zerstörte sie mich. Sie zerstörte mich, weil ich erkannte, dass ich nicht überall glücklich werden kann. Gleichzeitig stärkte mich diese Einsicht aber auch, weil ich durch sie das Wohnen und das Heimisch-Fühlen viel mehr wertzuschätzen lernte. Wenn mir heute eine Stadt gut gefällt, so richtig überschwänglich gut gefällt, dann weiß ich, dass das so viel zu bedeuten hat wie anhaltendes Bauchkribbeln noch beim drölften Date. Und das ist schön.

Ein Knick im Beuteschema

Neben Hamburg habe ich mich in meinem Leben bisher nur zwei Mal auf Anhieb in Städte verliebt, die ich gerne einmal meine Heimat nennen würde: Nicht in London, nicht in Barcelona, nicht in Rom oder Venedig, nicht in Budapest, nicht in St. Petersburg, nicht in Amsterdam, nein. Sondern: in Visby, Gotland, und noch mehr in Reykjavík, Island.

Dabei zeichnet sich ein Beuteschema ab: Wie auch in Hamburg gibt’s in Visby und Reykjavík viel Wasser. In all diesen Städten ist das Wetter meist eher miesepetrig-trüb. Insgesamt sind ihre Herzen erfüllt von einer gewissen Schwere und Melancholie. Überraschend an meinen Städtelieben zu Visby und noch mehr zu Reykjavík ist allerdings, dass beide winzig sind, abgeschieden und naturdominiert. Eigenschaften, die ich eigentlich gar nicht schätze, die mich üblicherweise sogar abschrecken.

Warum gerade Reykjavík?

Was also ist es, dass vor allem Reykjavík so anziehend für mich macht? Darüber habe ich viel nachgedacht, als ich in diesem Jahr zum „Iceland Airwaves“-Festival die Stadt besuchte. Diese Stadt im Nirgendwo, umzingelt von unbändiger Natur, von dem Atlantik, von Vulkanen, das Warmwasser riecht nach Schwefel, der Wind peitscht, die Menschen sprechen eine mir unbegreifliche Sprache, mehr Touristen als Einheimische scheinen unterwegs zu sein, die Preise sind horrend, das Gros der Häuser nicht sonderlich hübsch. Warum, Reykjavík, liebe ich dich trotzdem?

island10

„Es ist das Licht“, schreibt Ninia. „Es ist die Natur“, meint Sabrina. „Es ist die Unbeständigkeit“, überlegt Enrico. Und dann gibt es ja noch die vielen freundlichen Menschen. Eindrucksvolle Bauten wie die Harpa. Lammsuppe. Hispteröse Cafés. Alles Gründe, die für Reykjavík sprechen, ja. Bleiben aber immer noch so viele dagegen. Das alles zusammengenommen, müsste höchstens ein Patt drin sein, nicht aber ein eindeutiges Ja für Reykjavík.

Manchmal aber ist es mit Städten wohl so wie mit Menschen: Du kannst dir deine Liebe zu ihnen nicht erklären. Und das macht die Sache noch spannender und noch schöner. Aufzuwachen, neben sich zu blicken, in ein Gesicht oder durch ein Fenster, und sich wundernd darüber zu freuen, dass man zuhause ist.

Les Flaneurs Verfasst von:

Ein Kommentar

  1. Lisa
    2. Dezember 2013
    Antworten

    schön, schön, schön!!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.