Ein Dorf namens Reykjavík

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Meine Stiefel auf schwarzem Sand. Zwei Felsen im Meer. Wellen schieben sich daran vorbei Richtung Strand. Der Horizont verläuft von rot über blau zu endlos. Ich folge dem Wellengang auf und ab. Wenige Sekunden später wird mein Spieltrieb gegen die Wellen verlieren. Wenige Minuten darauf werde ich zurück zum Strand von Vík blicken, während unser Auto langsam auf die Straße gen Reykjavík rollt und zerknüllte Artikel vom „Reykjavík Grapevine“ die Feuchtigkeit aus meinen Schuhen saugen. Wenige Stunden später blicke ich aus dem Hotelzimmer auf die in ferner Dunkelheit liegende Bergkette auf der anderen Buchtseite und verabschiede mich von ihren angepuderten Gipfeln.

Mit diesen Eindrücken endete mein erster Islandbesuch vor zwei Jahren, Ende Oktober. Untypische Reisezeit, aber perfekt, um das „Iceland Airwaves“-Festival mitzuerleben. Es war eine verträgliche Dosis Island – Geysire, Kontinentalplatten, unangenehm touristisch, aber nötig, um zumindest einen groben Überblick über diese Wunderwelt zu bekommen und die knappe Zeit vor dem Festival zu nutzen. Dazu die heroische Aufgabe, den besten isländischen Schokokuchen zu finden und dermaßen viel schöne Musik in einer Woche erleben und verarbeiten zu müssen.

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Sturm im Herzen

Ein Jahr später kam ich wieder. Eigentlich sollte nur ein halbes Jahr zwischen den Besuchen liegen – nahm ich mir doch vor, Island im Sommer einen Besuch abzustatten, um endlich voller Freude in eine der natürlichen Quellen springen und über die Hochplateaus im Landesinneren stapfen zu können. Am Ende war die Verlockung zu groß, es wurde wieder das Festival. Selbe Zeit – höhere Dosis. Diesmal Gletscher im Sonnenlicht, mit Eisblöcken spielende Robben und ein Sturm, der selbst Isländern Respekt einflößte. Mir hingegen flößte dieser stürmische Widerstand vor allem große Freude ein. Wie er androhte, mich in die Luft zu heben – was dank mangelhafter Fluffigkeit meines Körpers wohl unmöglich war – und in mir den Wunsch aufflammen ließ, in diesem Moment ganz weit draußen zu sein. Trotz der Musik, der Lichter, der Wärme und der netten Menschen um mich herum. War hier der isländische Zauber am Werk? Zerrte er mich trotz all dieser gemütlichen Verführungen der Stadt in die Natur? Wollte er mir zeigen, dass ich nach all diesen kleinen Dosen isländischer Natur sie nicht nur aus der sicheren Stadt heraus erkunden sollte? Der zweite Besuch ließ leider keine Zeit zur Beantwortung dieser Fragen, aber neben vielen Blicken in Schwarz-Weiß und Gedanken in Farbe nahm ich besonders diese Fragen mit nach Hause.

Zukunft ist Vergangenheit

Sie beschäftigten mich sehr in diesem Jahr. Einem Jahr, in dem der Islandbesuch nur im Kopf stattfand und ich mich fragte, wieso Reykjavík im Kleinen und Island im Ganzen solch eine starke Faszination auf mich und viele andere, vor allem junge Menschen, ausübte – fernab aller Elfen- und Troll-Träumereien. Die Antwort war überraschend simpel: Reykjavík ist das Dorf oder die Kleinstadt, aus der man nie geflohen wäre. Dort stirbt nichts, da entsteht nur – die ganze Zeit – in der Stadt und auf der Insel. Alles ist aktiv und man bewegt sich gerne mit. Alleine die Musikszene könnte locker eine Millionenstadt versorgen. Hier wird ein Punk, Komiker und Mitglied einer Spaßpartei zum neuen Oberbürgermeister und es wirkt fast schon selbstverständlich, dass dies gerade hier passiert.

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Wir lachen hierzulande über „Die Partei“ oder die „Piraten“, in Island würde man sie wählen. Es fehlt die Angst vor Neuem an einem Ort, an dem alles unbeständig ist. Erst schneit es, dann bebt die Erde, tagsüber strahlt die Sonne und nachts das Polarlicht. Die Natur ist dort aktiver Gesprächsbestandteil des öffentlichen Lebens, lässt sich nicht mal eben begraben und verstecken. Sie wird ge- und beachtet und nicht nur als ein zurechtgestutzter Baum am Wegesrand oder eine durchdachte Parkanlage mit Wegeleitsystem gesehen. Die familiären Wurzeln kreuzen sich mit denen der Natur und beide sind tief genug, um nicht vom Strom der Zeit weggerissen zu werden. Der isländische Zauber zeigt einem sowohl Grenzen als auch Möglichkeiten.

Dies wurde mir bewusst, als ich in Gedanken wieder durch Reykjavík gelaufen bin, das fernab der bunten Hauptstraßen Grau an Grau an Wellblech reiht. Normalerweise würde mich dieser Anblick deprimieren, aber die Häuser sind klein, lassen Platz für den Himmel und den Blick in die Ferne. Und wenn dieser dann gen Meer schwenkt oder auf die Gipfel in der Ferne, ist alles gut. Dann ist er da, der Zauber, der die eigenen Wünsche nach außen kehrt, transparent und klar macht. Der einem das Gefühl gibt, genau hier alles erreichen zu können. An einem Ort, der Platz zur Entfaltung lässt und noch viel mehr Platz zum Einkapseln, wenn alles etwas zu viel wird. Und am Ende ist sie nie weit, die stürmische Natur, die einen auf Null zurücksetzt, wenn etwas schief geht. Dann braucht es keine Flucht, sondern nur einen Gang vor’s Haus – um sich in den Sturm zu lehnen und einfach nur zu lachen.

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Enrico Seligmann Verfasst von:

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