
Installationsansicht von John Bocks „Der Pappenheimer“ (2013) (Foto: Fred Dott/Kunstverein Hamburg, Courtesy Anton Kern Gallery, New York)
Die Treppe im Hamburger Kunstverein ist versperrt, in John Bocks Ausstellung „Der Pappenheimer“ kommt man nur auf einem Weg: mit dem Aufzug. Der Aufzug aber ist beengt, er ruckelt komisch, und er macht auch ein etwas eigenartiges Geräusch. Außerdem musste man am Eingang ein Papier unterschreiben, man versichert, dass man „Der Pappenheimer“ auf eigene Verantwortung besucht, dass man informiert wurde, wie die Ausstellung aufgebaut ist (enge Tunnel, eigenartige Gerüche, überhaupt ganz bedrängend), und dass man dem Kunstverein nichts in Rechnung stellen würde. Die Fahrstuhltür schließt sich, jetzt kann man wohl nicht mehr zurück, man fühlt sich wie in der Achterbahn, kurz vor dem Scheitelpunkt, Scheiße, es ist Freitagmittag, kein anderer Besucher ist im Kunstverein, hier hört dich niemand schreien, Falk, und eigentlich möchte man wieder raus aus diesem Fahrstuhl, aber das klappt nicht, surrend und ruckelnd hebt er einen in den ersten Stock, und dann öffnet sich die Tür wieder.
Es ist alles gar nicht so schlimm.
„Der Pappenheimer“, das scheint ein enger Flur zu sein, aseptisch, weiß, neonerleuchtet, abgeriegelt mit einem durchsichtigen Plastikvorhang. Was soll da schon passieren? Man durchquert den Vorhang, man hört eine Klimaanlage summen, und man bemerkt, was einen erwartet. Man riecht es. Es riecht: ein wenig nach Vanille, nicht unangenehm, aber beunruhigend. Drei Schritte, der nächste Vorhang, und dann tritt es einen in die Magengrube. Ein Gestank nach Verwesung, nach Kompost vielleicht, hinter einer Glaswand sind zwei Plastiktonnen zu sehen, denen könnte dieser Geruch entströmen, zumindest führt ein Rohr in den Raum, und man kann sich nicht zurückhalten, man will ja auch kapieren, was hier los ist, also nähert man die Nase dem Rohr, und, ja, eindeutig, der Gestank kommt aus den Tonnen. Weitere Gänge folgen, weitere Räume, ebenfalls ang und weiß, white cube, haha, das bedeutet etwas anderes, aber ganz falsch ist es auch nicht, es gibt angedeutete Installationen, eine klappernde Nerdbrille hängt an einer Wand, ein Müllsack bläst sich wie von selbst immer wieder auf, eine Statue liegt auf dem Boden, und da, das Buch auf dem Podest, es bewegt sich, wie als ob eine unbekannte Kraft eine Seite aufschlagen wollte, aber man weiß nicht, ob man sich traut, zu erfahren, was das wohl für eine Seite ist. Im letzten Raum dann ein Video, zu erkennen ist ein Kopf oder so etwas, singt der Kopf? Darunter ein Stutzen, bezeichnet: „Riechnippel“, man riecht, wieder der Verwesungsgestank, man wird ihn den gesamten Tag nicht mehr aus der Nase bekommen.
Wie John Bock nicht arbeiten möchte: Spielerisch. Mit Humor. Mit Ekel. Was Bock auch nicht so gern hört: Wenn man ihn als Teil eines Künstlerdreiecks definiert, hier Christoph Schlingensief, dort Jonathan Meese, und in der Mitte Bock. Wobei das alles nicht falsch ist. „Der Pappenheimer“ hat einen fiesen, manipulativen Humor. „Der Pappenheimer“ ist ein Spiel: die spielerische Verwandlung des Kunstvereins in einen stillen, weißen Rummelplatz, in eine Geisterbahn. Und „Der Pappenheimer“ ist eklig, mir jedenfalls riecht immer noch alles nach Komposthaufen. Die Meese-Schlingensief-Bezüge von Bocks Arbeit allerdings sind weniger geworden: „Der Pappenheimer“ ist viel konzentrierter als frühere Bock-Arbeiten, stilistisch strenger, minimalistischer. Man zieht nicht mehr durch eine Installation, die an allen Ecken und Enden Links anbietet, zu Pornos, zu Mythen, zur Kunstgeschichte, man zieht nur noch durch ein monströses Labyrinth, das nichts anbietet, keine Erklärung, keine Lösung.
Die „Pappenheimer“ übrigens waren im mittelalterlichen Nürnberg die Kloakenreiniger. Ein großer Gestank, das alles.
John Bock, Der Pappenheimer, bis 30. Juni, Kunstverein Hamburg





Ein Kommentar
Kathrin says:
Mai 12, 2013
Das wäre eine Tortur für mich geruchsempfindlichen Menschen. Ich werde wenn an einem Allergietag hingehen.