Frankfurt, Brudi

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„An Infusion of hip night life wakes up a humdrum city“ – schreibt Gisela Williams über Frankfurt in einem vielbeachteten Artikel über lohnenswerte Reiseziele im Jahr 2014 in der New York Times, welcher der Mainmetropole nun endlich den langersehnten Ruhm beschert. Was sind schon München, Hamburg und Berlin – Frankfurt ist jetzt offiziell eine Reise wert.

Schafft es Frankfurt sonst nur mit Sicherheit an die Spitze der Top Ten der kriminellsten Städte Deutschlands, attestiert dieses Ranking nun endlich das, was wir in Frankfurt lebenden Menschen längst wissen und seit Jahren versuchen in die Welt zu tragen. Frankfurt ist mehr als das Bankenviertel und die EZB. Mehr als die Skyline. Und mehr als der Flughafen. Und das wurde jetzt mit einem 12. Platz belohnt. Aber: Statt stolz auf meine selbstgewählte Lieblingsstadt zu sein, muss ich leider dankend ablehnen. Sorry, New York Times. Sorry, Gisela. Um es mit den Worten von Marcel Reich-Ranicki zu sagen: „Ich möchte niemanden kränken, niemanden beleidigen oder verletzen. Aber ich möchte auch ganz offen sagen, ich nehme diesen Preis nicht an.“ Ich Wir nehmen diesen Preis nicht an.

Wissen, wer der Bobo ist

Schon 2012 landete Frankfurt auf einem Ranking, beziehungsweise einer Deutschlandkarte des ZEITmagazins „Wo die deutschen Hipster hausen“ – und das auch gleich mit vier Stadtteilen. Bahnhofsviertel, Sachsenhausen, Innenstadt und Altstadt. Der Anspruch der Karte war es Stadtviertel abzubilden, denen die höchste Hipster-Dichte nachgesagt wird. Nun sollte man Rankings im Allgemeinen und solche eher lustig gemeinten Karten ja nicht allzu ernst nehmen, dennoch können sie zu eher unerfreulichen Nebeneffekten führen. Erstens: Die Hipster-Dichte in diesen Vierteln steigt noch mehr an. Zweitens: Sukzessive zu der Prozentzahl an Hipstern steigen auch die Mietpreise.

Im Oktober 2013 dann der Ritterschlag für das Bahnhofsviertel: „Viertel von Welt“ titelte das ZEITmagazin und widmete dem ehemaligen Schandfleck eine ganze Ausgabe, bildlich festgehalten von Juergen Teller, der dem Ganzen einen trashig ästhetischen Hipsterlook verpasste. Seither kennt Deutschland nicht nur das Plank – die Vorzeige-Location der Frankfurter Bobos – sondern auch die Terminusklause, die von der urigen Eckkneipe zum Szenetreff avancierte und statt Stammkunden am Tresen neuerdings Horden von feierwilligen Kreativen beherbergt. Ein Publikum, für das die Fressgass zu snobby, Alt-Sachsenhausen zu primitiv und Bockenheim zu links ist.

Frankfurt ist nicht sexy

Auch die Süddeutsche äußert sich zum Ranking und lässt sechs in Frankfurt lebende Menschen eine „Liebeserklärung“ an die Stadt schreiben. Dort wird auch das Maxie Eisen genannt, das auch Williams in ihrer Beschreibung als einen der Orte nennt, der Frankfurt „sexy“ macht. „Leading the city’s transformation is its fast-evolving red light district, where spots like Maxie Eisen, a deli-style cafe by day and a speakeasy-inspired bar by night, offer a sexiness that isn’t unseemly.“, schreibt Gisela Williams. Und: By the end of next year, the developer Ardi Goldman plans to reinvent and reopen the famed King Kamehameha Club, which had its original heyday in the 1990s and 2000s.

Dieses Frankfurt, von dem Williams spricht, ist keine Reise wert. Wenn schon verreisen, dann lieber nach New York für die besten Pastramis der Welt. Wie wäre es mit Asien, wenn man authentische asiatische Küche genießen möchte? Und für eine dieser legendären Parties im King Kamehamea tut es vielleicht auch eine „Back tot he 90s Party“ in einer nahegelegenen Großraumdisko. Fragt doch mal einen Frankfurter, wie ihm ein Pastrami-Sandwich im Maxie Eisen schmeckt? Er wird sich für diesen Tipp mit einem süßgespritzten Äppler bedanken.

Ebbelwoi und Eintracht

Und überhaupt, seit wann ist „urig“ schlecht, sind allein „edgy“ und „urban“ die ausschlaggebenden Kriterien? Ich bin kein Fan der inflationären Verwendung des Wortes „authentisch“, aber ist es nicht immer das, wonach die Menschen beim Besuch einer Stadt suchen? Ich bin auch nicht zwangsläufig ein Fan von Traditionen, ganz im Gegenteil, aber wenn sie keinem wehtun – wieso nicht? Als ich 2009 für drei Monate in Peking gewohnt habe, fand ich es toll, dass die Menschen auch mal im Schlafangzug auf die Straße gegangen sind, auch wenn die Regierung das im Zuge von Olympia verbieten wollte.

In Frankfurt ist nur eines sicher, während sich Bahnhofsviertel, Nordend, Ostend, Bornheim und Sachsenhausen stets in ihrer Beliebtheit abwechseln: Indogene FrankfurterInnen sind damit aufgewachsen, Eintracht und Äppler zu lieben – Süßgespritzten und den OFC (eigentlich ganz Offenbach) zu hassen. Und daher sind es auch die „alten“, die traditionellen Lokale und Plätze, die Frankfurt so besonders machen: Das Mainufer, der Ebbelwei-Express, die Apfelweinwirtschaften in Sachsenhausen. Die Töpferei Maurer in der Wallstraße, deren Regale von oben bis unten mit handgebrannten Bembeln gefüllt sind. Der Eiserne Steg, der langsam unter der Last der Liebesschlösser leidet. Das Museumsufer. Das Schauspiel. Frankfurter Persönlichkeiten wie der Mann mit dem pinken Plüschfahrrad, der zum samstäglichen Flohmarkt ebenso gehört wie die Entenfrauen am Mainufer, die jeden Schwan und jede Gans beim Namen kennen. Der Sternzeichenmann. Peng und Putties Strickguerilla. Die Alte Liebe und der Dreikönigskeller. Der Club Voltaire, nach Schließung des IVI und der bevorstehenden Sprengung des AfE-Turms, eine der letzten Bastionen und Symbole des kritischen Denkens.

Alles andere als eintönig

Und ja, es ist gut, dass diese Läden nicht auf einer Empfehlungsliste der New York Times stehen. Denn sie werden noch da sein, wenn all die Trends vergangen sind, wenn es im nächsten Jahr ein anderes Viertel zu Frankfurts neuem Hotspot geschafft hat. Wenn die Mieten im Bahnhofsviertel für die Ladenbesitzer nicht mehr zu zahlen sind und die Gentrifizierungswolke weiterzieht.

Was auch immer Gisela Williams mit „humdrum city“ in Bezug auf Frankfurt sagen wollte: Eintönig, langweilig und alltäglich ist es nicht. Eintönig, langweilig und alltäglich wird es dann, wenn wir aus Frankfurt Berlin machen wollen. Oder New York. Mein Frankfurt ist nicht eintönig. Möglicherweise taugt es nicht für internationale Rankings, aber mal ehrlich: Wer nimmt solche Listen schon ernst?

Ergänzung: „Frankfurt, Brudi“ ist eine Zeile aus dem Lied „Chabos wissen wer der Babo ist“ von dem Offenbacher Rapper Haftbefehl. „Babo“ wurde als Jugendwort 2013 gewählt.

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Johanna Emge Verfasst von:

5 Comments

  1. Thilo
    27. Januar 2014
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    Das Frankfurt, das Du bevorzugst, findest Du in allen
    Reiseführern dieser Welt. Also keine Sorge, denn Millionen Japaner werden auch in Zukunft wegen Apfelwein und eisernem Steg die Stadt besuchen.
    Was mich angeht: Ich ziehe ein IPA im naïv jedem Äppler in jeder Frankfurter Traditionswirtschaft vor. 😉

    • Johanna Emge
      27. Januar 2014
      Reply

      Ich sage nicht unbedingt, dass ich dieses Frankfurt (und damit meine ich den Eisernen Steg und den Ebbelwei Express) bevorzuge – aber wenn ich jemandem Frankfurt zeigen will, dann gehören diese Dinge eben dazu. Zu „meinem“ Frankfurt nenne ich ja auch Dinge, die sicher nicht im Reiseführer stehen. (Und das ist auch gut so). Sicherlich bereichern Läden wie das Naïv die Stadt und bieten Abwechslung, ich gehe ja auch lieber zu weniger touristischen Orten. Aber: Das sind nicht die Locations die ich Gästen empfehle, weil sie die in vielen anderen Städten auch so haben können. Dazu brauchen sie dann ja nicht nach Frankfurt kommen.

  2. Thilo
    28. Januar 2014
    Reply

    Die Mischung macht es aus. Ich lasse mich auf Reisen auch gerne einfach ziellos treiben, um dem Puls der Stadt auf die Spur zu kommen. Meine schönsten Urlaubserlebnisse waren bisher immer gesellige Stunden mit Einheimischen, die als Geheimtipps von zufälligen Bekanntschaften vermittelt wurden. Etwa das Gartenfest einer italienischen Großfamilie oder die wunderbare Privatführung durch ein Chateau mit einem herzlichen Winzer in Südfrankreich.

  3. slavek kukielka
    28. Januar 2014
    Reply

    danke für den beitrag. als jemand, der zwischen 2009 und 2012 täglich im bahnhofsviertel gearbeitet und die veränderungen dort mitbekommen hat, kann ich dir nur zustimmen.
    heute bin ich jedesmal regelrecht geschockt, wenn ich mich im bahnhofsviertel bewege und von horden hipper studenten sowie kreativen „erschlagen“ werde. das traurige an dieser entwicklung sind nicht nur die angesprochenen mietpreise, sondern der verlust des bahnhofsviertels als alternativer ecke, in der man ganz wunderbare charaktere und menschen antreffen konnte. das geht mit der nervtötend-selbstbezogenen hipster-einheitskultur leider mehr und mehr flöten. und darüber hinaus: die drogenabhängigen und all die anderen gestrandeten seelen verlieren im zusehends sich gentrifizierenden bahnhofsviertel den einzigen öffentlichen raum in frankfurt, in dem sie sich frei von abschätzigen blicken und herabsetzenden kommentaren ihrer mitbürger bewegen können.
    das gleiche phänomen ist leider auch in höchst zu beobachten, das in den letzten 1-2 jahren vermehrt die aufmerksamkeit der hipster auf sich gezogen hat. nur eine frage der zeit, bis sich auch dort eine „szene“ etabliert und die alteingesessenen vertreibt.

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