Mehr Friedwald als Neu-Friedenwald

Katharina und Enrico interviewten im Frühjahr die Theatermacher von „The Shells -Ausflug nach Neu-Friedenwald“ über ihr immersives Theaterprojekt. Während Katharina gestern gleich eine zweite Karte löste und Enrico mit Rachenentzündung im Bett schlummerte (Yolo!), begab sich seine „Wir stehen das gemeinsam durch!“-Theaterverabredung Janine nach Neu-Friedenwald – alleine.

Foto: Kaspar Kamu
Fassaden fallen lassen in Neu-Friedenwald.
(Foto: Kaspar Kamu)

Eigentlich sollte dieser Bericht von Enrico kommen. Aber der warf mich Donnerstag Mittag in meinen sozialen Panikstrudel mit der Nachricht, er sei mit Fieber und Halsschmerzen aufgewacht, und ich müsse mich nun allein auf den Weg nach Neu-Friedenwald machen. Panik. Wir hatten unseren Ausflug so schön geplant! Er mit Fake-Persönlichkeit, ich immerhin mit der Absicht, meine letzte Immersive-Theater-Erfahrung zu entthronen und zu zeigen, dass man nicht bei jedem Theaterstück heulend nach Hause rennen muss.

Und nun das. Nachdem ich fünf Minuten lang das Vorhaben über Bord warf und mich letztendlich auf einen ruhigen Abend zuhause freute, kitzelte der selbstzerstörerische Teufel in mir und zerrte mich von meinem Büroschreibtischstuhl in die verlassene Gegend unterhalb der Hermannstrasse.

Zweimal fuhr ich daran vorbei, bis mich ein ortskundiger Mensch in die siebte Etage des grünen Hochhauses schickte. In meiner romantischen Vorstellung von Neu-Friedenwald war man draußen im Grünen, ich hatte mir extra meinen Regenschirm eingepackt. Aber nein, Neu-Friedenwald hieß: zwei etwas größere, überschaubare, begrenzte Räume mit provisorischen Wänden. Drinnen.

Einmal nach rechts und einmal nach links und schon hat man die Hälfte von Neu-Friedenwald gesehen. Die andere Hälfte erstreckte sich mystisch hinter einer Pappwand mit aufgemalten Bäumen. Davor prangert das Ortsschild, vor dem Touristen hippe Polaroids schießen konnten (ihich!).

Ausflug nach Neu-Friedenwald
Die Angst ins Gesicht geschrieben… oder der Missmut?

Das war es also, das immersive Theater: Das erste Gefühl glich einem tummelnden Wochenmarkt, man konnte Tourist von Schauspieler kaum unterscheiden. Letztere waren nur daran zu erkennen, dass sie eben keine Rucksäcke trugen. Nach der ersten Runde hatte man alles gesehen: nach links ging ein Gang mit jeweils 3 Häuschen auf jeder Seite, hinter deren Gardinen Mysteriöses vonstatten ging. Nach rechts: ein Diner, in dem es in Twin-Peaks-Manier Kaffee und Cherry Pie gab. Außerdem waren da noch ein Motel und ein Jugendclub sowie ein kleiner Convenience Store. Was fehlte – nun, das war die Atmosphäre. Sowie eine Handlung. Weshalb bin ich hier? Wo muss ich hin? Als erstes war klar: Man muss Initiative zeigen! Beobachtertum zahlt sich nicht aus und wird schnell langweilig. Für mich eine Herausforderung. Ich gehe für gewöhnlich selten auf Leute zu, wenn ich nicht mindestens schon einen halben Schnaps getrunken hab. Der wurde mir dann direkt in der ersten Wohnung angeboten, in der eine hochgewachsene Frau mir ihr neues Kleidchen vorführte und eine Selbsthilfegruppe zusammen trommelte, die sie im Angesicht der Tragödie um Cecilia leitete (Ah! Da war also was: ein Todesfall!). Im nächsten Raum saß ein verwirrtes Mädchen im weißen Kleid mit verbundenen Händchen auf der Couch, während ein Tourist mit feinfühliger Fragestellung versuchte, ihr Informationen zu entlocken. Später spreche ich mit dem Vater von Cecilia und blättere durch seine Fotos, während der verrückte Arzt während unseres Gespräches über die Hausmauern brüllt, dass seine Liebe zu seiner Tochter nicht gesund sei.

Das Eintauchen machte Spaß, aber irgendwie blieb man nur an der Oberfläche. Während der Gespräche folgten die Schauspieler starr ihren Rollen. Ich merkte schnell, dass man, um ein wenig Licht ins Gebüsch zu bekommen, weitaus beherzter vorgehen musste. Nur fehlte mir im Angesicht der Touristenmenge die Motivation, mich als vierzehnte Person daneben zu stellen und die Andeutungen zu analysieren. Ich hatte dagegen viel mehr Lust auf Smalltalk mit den Dorfbewohnern, die sich nur teilweise darauf einließen. Und nur so viel, wie es das Script vorgab, immer mit dem Druck im Nacken, das muss ja zur Story passen und besonders freakig sein.

Zwischendurch wurden ein paar mysteriöse Vorfälle in den Ablauf geworfen (Cecilias Mutter lag mit einer Überdosis im Bett, der Arzt drehte durch, und Cecilias Vater verschwand mit der Selbsthilfe-Tante), um die Stimmung anzuheizen und die Szenerie künstlich unheimlich zu gestalten. Nur funktionierte das nicht, selbst die kreativste Fantasie kann die fehlende Dämmerung und Musik nicht ersetzen (oder ich habe sie nur nicht wahrgenommen?), und so blieb alles nüchtern und wirr.

Für mich ging langsam mein zweistündiger Besuch zuende, so richtig herausfinden kann man hier nichts, wenn man nicht die Chance hat, sich jeden Protagonisten in Ruhe einzeln vorzuknöpfen. Jeder Bewohner des Dorfes hatte irgendein Problem und musste es besonders stereotyp darstellen. Die Twin-Peaks-Parallelen sind zwar nett (oh, auch hier hat Cecilia eine Cousine, die ihr täuschend ähnlich sieht, es gibt ein Mädchen mit einer Augenklappe, und vor dem Ortsschild liegen ein paar Baumstämme), wirken aber eher wie notwendige Puffer, um der Geschichte ein paar Effekte zu geben. Hin- und hergerissen zwischen unflexiblem Setting und dennoch vorhandenen schauspielerischen Finessen (ja, ich fand Cecilia’s Vater ziemlich creepy, und der Psychiater mit Hygiene-Fimmel konnte echt gut singen) ist Neu-Friedenwald vor allem eins: ein zu nett gemeintes DIY-Theaterprojekt, welches nicht richtig zündet und bei welchem ich mich eher wie in einem Menschen-Zoo fühle als in den Fängen eines mysteriösen Todesfalls. Klar, man muss dazu sagen: Komplett gecrowdfundet und ohne weitere Unterstützung, wurde eine kleine Welt in die siebte Etage eines Hochhauses gebaut. Dennoch wäre es gerade da schön gewesen, die Twin-Peaks-Hommage zwar auszuleben, sich aber nicht auf ihr auszuruhen und der eigenen Fantasie freien Lauf zu lassen. Denn nur dann wird immersives Theater wirklich intensiv.

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Janine Freudenberg Verfasst von:

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