Intensiv und unglaublich nah – Interview zu „The Shells“

Es gibt zu wenig immersives Theater in Berlin. Daher stellten wir euch am vergangenen Wochenende das Projekt „The Shells“ vor. Jos Porath und Kirsten Brandt planen, eine Stadt in der Stadt zu errichten. Inspiration ist David Lynchs Serie „Twin Peaks“, Ort des Geschehens soll das Greenhouse in Tempelhof werden. Wir trafen die beiden zum Kaffee.

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Auf ein Interview mit Jos Porath und Kirsten Brandt (Foto: Laura Jung)

Es ist ein sonnig kühler Frühlingsnachmittag. Beide tragen schwarz. Wir sitzen draußen, obwohl es dafür eigentlich noch zu kalt ist. Kirsten Brandt hat sich in eine violette Decke gewickelt, die ganz wunderbar zu ihren langen roten Haaren passt. Jos Porath trägt schwarze Lederjacke zur verwuschelten Mähne und zündet sich eine Zigarette an. Es kann losgehen.

In diesem Jahr wird Twin Peaks 25 Jahre alt. Welche Erinnerungen verbindet ihr mit der Serie und wann seid ihr mit ihr in Kontakt gekommen?

Kirsten: Das allererste Mal habe ich die Serie in den Neunzigern auf RTL gesehen, da habe ich sie mit meinen Eltern geschaut und noch nicht so ganz verstanden. Mit 13 Jahren gab es eine Renaissance, da wurde es ziemlich cool und zum dritten Mal hab‘ ich die Serie mit etwa 18 Jahren gesehen. Abgesehen von der Ästhetik fand ich die Thematik sehr stark. An der Oberfläche funktioniert die Serie wie eine Soap Opera, in der du an die Hand genommen wirst und dir eine nette, liebenswürdige Gemeinde vorgestellt wird, in die du jede Woche wieder einkehren kannst. Doch dahinter verbergen sich Abgründe. Das war die Mischung, die ich so interessant und anziehend fand.

Die Serie hat einen großen Einfluss auf euer Projekt. In welcher Hinsicht wird sich eure alptraumhafte Kleinstadt vom Vorbild unterscheiden?

Jos: Das narrative Grundgerüst ist sehr nah an Twin Peaks, aber die Figuren sind anders.

Kirsten: Vor allem die weiblichen Charaktere werden bei Twin Peaks oft darüber definiert, was Ihnen fehlt. Das versuchen wir weiterzuentwickeln. Wir wollen den weiblichen Charakteren mehr Tiefe geben. Ein gutes Beispiel ist der Charakter der Ronette, die in Twin Peaks den Großteil der Zeit im Koma liegt und trotzdem durch ihre Abwesenheit ein gewisses Interesse auslöst. Bei uns ist sie einer der Hauptcharaktere und trägt einen Großteil der Narration.

Wie viele Performer und Performerinnen werden anzutreffen sein?

Kirsten: Der Hauptcast besteht aus 40-50 Leuten und mit den Leuten, die im Diner zu sehen sind oder als Personal im Nachtclub arbeiten, werden es ca. 100 Leute sein. Dazu kommen nochmal ca. 50 Crewmitglieder, so dass wir insgesamt 150 Leute am Set haben werden.

Wie lange darf denn der Zuschauer in dieser Welt verbleiben?

Jos: Wer sich ein Ticket nach Neu-Friedenwald kauft, bucht einen 4-Stunden-Slot. Mit diesem Ticket bekommt man außerdem eine Einladung zum Leichenschmaus, zur Feier nach der Beerdigung von Cecilia, die wie eine Art Prolog funktioniert. Er findet am allerersten Tag statt, wenn die Stadt noch am wenigsten aus den Fugen geraten ist. Und es gibt eine Einladung zum letzten Tag, wenn die Stadt am Abgrund steht. Es schließt sich also ein Rahmen für jeden Besucher, selbst wenn man in den sechs Tagen nur einen Slot besucht.

Es geht also nicht nur um das Schaffen einer bestimmten Stimmungswelt, sondern der Zuschauer kann, trotz des kurzen Einblickes, tatsächlich eine Narration nachvollziehen?

Jos: Genau. Einerseits durch den Rahmen, den wir schaffen, andererseits durch die Archive, die wir in der Stadt verteilt haben. So gibt es Figuren, die auf Zuschauer zugehen, ihnen Fragen beantworten, aber auch klassische Archive wie die Überwachungssysteme in der Stadt. An einigen Orten werden die Videoaufnahmen dem Zuschauer zugänglich gemacht.

Das Greenhouse in Tempelhof.

In welcher Rolle seht ihr den Zuschauer? Ist er ein aktiver Teil des Spiel, ist er aufgefordert alles zu hinterfragen und hinter die Fassade zu blicken oder nimmt er eher die Rolle des stillen Beobachters ein?

Kirsten: Letztendlich muss das jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden. Die Stadt selbst bietet nicht viele Möglichkeiten, sich komplett passiv zu verhalten. Klar geht es, dass man den gesamten Slot im Diner verbringt und sich danach nur an Kaffee und Kuchen erinnert. Sobald man aber diesen Raum verlässt, wird es sehr schwer sich unserer Welt zu entziehen. Es kommt zur Konfrontation, entweder mit der Thematik der Stadt, den Abgründen dahinter oder mit dir selbst.

Jos: Du kannst zwar passiv sein, aber die Dinge spielen sich direkt vor dir ab. Es werden Fragen aufgeworfen, teilweise erst nach dem Verlassen der Stadt, sodass du dich fragst: Wieso habe ich in der Situation nichts gemacht?

Kirsten: Der Idealfall wäre, dass es nicht nur um das Genießen und Konsumieren von Kunst geht, sondern um aktive Positionierung.

Wie wollt ihr es zustande bringen, dass sich der Zuschauer mit der Rolle der Opfer von Gewalt beschäftigt, sodass er nicht nur Gewalt sieht, sondern sich mit den Hintergründen auseinandersetzt?

Jos: Wie wir Gewalt in dem Stück darstellen, ist etwas, worüber wir lange nachgedacht haben. Wir arbeiten mit Künstlern aus unterschiedlichsten Bereichen zusammen, die alle probieren, einen alternativ-kreativen Zugang dazu zu finden. Alles in der Stadt, seien es die Fassaden oder ein Pole-Dance im Nachtclub, funktioniert narrativ. Die Gewaltthematik soll sich konsequent und subtil durchsetzen.

Kirsten: Es geht im Grunde nicht um das Abbilden oder Ausagieren der Gewalt, sondern um Bilder der Gewalt. Das beste Beispiel ist das Stück Seife im Haus von Leo und Shelley. Es ist viel verstörender, wenn du eben nicht Schreie hörst oder Silhouetten siehst, sondern dieses Stück Seife im Strumpf neben dem Spülbecken und sofort weißt, was damit verbunden ist.

Glaubt ihr, dass jemand der Twin Peaks nicht kennt, das versteht?

Kirsten: Twin Peaks ist die deutlichste Referenz, aber keine Notwendigkeit, um die Performance zu verstehen. Sie ist ein Universalbild von Gegenwartskultur, man muss da nicht durchgehen wie auf einer Schnitzeljagd, das funktioniert auch so.

Im Original spielt das Übernatürliche eine große Rolle. Die Black Lodge und die White Lodge. Werdet ihr diesen Part ebenfalls integrieren?

Jos: Wir haben viel recherchiert und uns von amerikanischer und vor allem deutscher Hexenverfolgung inspirieren lassen. Hexenverfolgung spielt natürlich auch auf den feministischen Diskurs, die Dämonisierung von Frauen an.

Kirsten: Der Spiegelgedanke – wie es ihn in fast jedem Lynch-Universum gibt – hat uns fasziniert. Da ist die gute und die böse Welt und dazwischen verläuft eine gerade Linie. Daher werden viele Tagesorte bei uns von Nachtorten gespiegelt.

Foto: Kaspar Kamu
(Foto: Kaspar Kamu)

Ihr seid mit dem Thema Hexenverfolgung schon ein wenig darauf eingegangen. Gab es einen bestimmten Grund, dass ihr das Projekt in Berlin realisiert und nicht in London, wo viele eurer Crewmitglieder herkommen?

Kirsten: Immersives Theater ist in London weitaus etablierter als in Berlin. Sicherlich wäre es uns leichter gefallen, das Projekt dort zu realisieren. Nun kommen wir aber aus Berlin und haben hier, kurz bevor wir mit der Planung angefangen haben, „Meat“ an der Schaubühne gesehen, was uns bezüglich des Umgangs mit dem Medium definitiv inspiriert hat.

Jos: Vor allem Tempelhof ist uns wichtig, da wir auf die Geschichte des Ortes anspielen. Als er noch zum amerikanischen Sektor gehörte und hier eine Art Amerika-Utopie-Bild weiterlebte. Das ist wahnsinnig spannend an diesem Teil Berlins und es ist ein Ort, der seine Geschichte hat, aber nicht offen zeigt.

Über die Produktion „Meat“ haben wir auch berichtet. Eine intensive Erfahrung. Die ganzen Gerüche, die vielen Sinneswahrnehmung waren überfordernd. Ist dieses Ansprechen aller Sinne ein Grund, warum ihr euch für ein immersives Theaterprojekt entschieden habt?

Jos: Genau. Du trittst beispielsweise in den Raum hinein, es ist zu heiß, du schwitzt, spürst Beklemmung. Das Gefühl legt sich wie eine Art Schicht auf die Haut. In solchen Momenten sind Gerüche und Temperaturen etwas, dass eine nicht-logische, alptraumhafte Welt kreiert.

Wenn wir über diese Wahrnehmungsebenen reden – welche Rolle spielt Musik? Gibt es eine Art Soundtrack zu dieser Installation?

Jos: Wir haben im Nachtclub Live-Performances und Karaoke, es gibt einen Menge Musik, aber auch Soundscapes. Je mehr der Zuschauer sich ins Dunkle bewegt, desto verstörender werden auch die Geräusche. Es wird viel mit Lautstärke gearbeitet. In manchen Räumen ist es unheimlich still, in anderen wird die Musik ein paar Dezibel zu laut gedreht.

So verstörend das klingt, vielleicht möchte der ein oder andere ja doch länger als vier Stunden in dieser Welt bleiben.

Jos: Mittlerweile gibt es sogar zwei Slots, in denen Leute im Motel übernachten. Eines von den Goodies der Crowdfunding-Kampagne ist eine Nacht in unserem Motel. Zwei Leute haben das schon gebucht.

Kirsten: Die Installation ist nicht so angelegt, dass sie 24 Stunden offen ist. Es gibt zwei Blöcke, die repräsentativ für Tag und Nacht sind. Wir setzen vier Stunden pro Slot an, aber wenn die Schauspieler gewillt sind, wenn es sich gut anfühlt, kann es durchaus sein, dass Leute eingeladen werden länger zu bleiben.

Da ihr Fans von „Twin Peaks“ seid: Wie sollte es eurer Meinung nach nun weitergehen oder sollte am besten gar keine neue Staffel produziert werden?

Kirsten: Der prominenteste Grund, wieso wir das überhaupt machen, ist ja das Interesse daran, wie es 25 Jahre später wäre. Wie wäre eine kontemporäre Sichtweise darauf? Wie würde sich das anfühlen?

Wir sind gespannt.

Bis 19. April habt ihr noch Zeit, auf der Kickstarter-Seite für das Projekt zu spenden.

Ein Interview von Katharina Röben und Enrico Seligmann.

Katharina Röben Verfasst von:

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