Das Recht zum Protest

Hauptsache, man ist frei: "Your outside in is your inside out" von Ursina Tossi (Foto: Anja Winterhalter)
Hauptsache, man ist frei: „Your outside is in and your inside is out“ von Ursina Tossi (Foto: Anja Winterhalter)

Hurra, ein neues Theaterfestival für Hamburg! „Hauptsache frei“ versammelt vom 15. bis 18. April die Freie Szene der Hansestadt – und weil die recht widerspenstig ist, gab es schon im Vorfeld Gegenwind. Wir sprachen mit den Festivalmacherinnen Sarah Theilacker und Anne Schneider.

Inwiefern unterscheidet sich freies Theater heute ästhetisch vom Theater an Staats- und Stadttheatern?

Sarah Theilacker: Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Natürlich finden sich im Programm der Staats- und Stadttheater heute Ästhetiken der Freien Szene wieder, der Austausch von Freier Szene und festen Häusern wird mittlerweile ja durch Programme wie Doppelpass explizit vorangetrieben.

Anne Schneider: Der Impuls neuer Ästhetiken aber, der kommt oft aus der Freien Szene. Sie nimmt, sowohl was die Themen betrifft, als auch was Form, Arbeitsweisen und ästhetische Mittel betrifft, eine Vorreiterfunktion ein, das thematisieren wir auch in unser Podiumsdiskussionen am 18. 4. Bestimmte Spielweisen, beispielsweise das Loslösen von einzelnen Figuren, sight-specific-Performances und auch verschiedene Tanzstile, haben oftmals ihre Wurzeln in der Freien Szene und sind dort viel verbreiteter. Am besten, man schaut sich möglichst viel von unserem Programm an, um sich selbst ein Bild von den Unterschieden und den Parallelen zu machen!

Und strukturell? Gerade Regisseurinnen und Regisseure arbeiten ja praktisch immer frei, an den Staatstheatern angestellt ist kaum noch jemand?

Schneider: Es besteht dennoch ein großer Unterschied! Wenn ich als freie Regisseurin an einem Haus arbeite, steht mir zwar die gesamte Infrastruktur des Hauses zur Verfügung, in gewissen Hinsichten engt sie mich aber auch ein. Wenn ich in der Freien Szene arbeite, muss ich meine Strukturen komplett eigenständig aufbauen und bin zudem von den vorhandenen Förderstrukturen abhängig. Im Gegenzug habe ich die Freiheit, die Strukturen für mich und meine Teams selbst zu gestalten.

Was sind die Besonderheiten der Hamburger freien Szene?

Theilacker: Es gibt in Hamburg eine relativ große professionelle Freie Szene, die sehr heterogen ist. Wir hoffen dies mit unserem Festival deutlich machen zu können. Die Bedeutung der Tanzszene für die Stadt schätzen wir sehr hoch ein.

Schneider: Außerdem finde ich die Bandbreite nennenswert: es gibt Kollektive wie Theater Plan B, Die Azubis und Meyer&Kowski oder Künstlerinnen und Künstler wie Victoria Hauke oder Antje Pfundtner, die seit Jahren die Stadt mit ihren Arbeiten bereichern, ebenso wie die jungen Absolventinnen und Absolventen der Performance Studies, die, am Anfang ihrer Karriere stehend, spannende neue Formate und experimentelle Ansätze zur Disposition stellen. Auch die Studierenden der Theaterakademie haben die Attraktivität der Freie Szene erkannt und erschließen sowohl ästhetisch als auch strukturell neue Horizonte.

Gibt es überhaupt eine Hamburger Szene? Die meisten freien Künstlerinnen und Künstler arbeiten bundesweit, zum Beispiel Monika Gintersdorfer ist mittlerweile in Berlin viel präsenter als in Hamburg, wird aber dennoch zur Hamburger Szene gezählt und ist auch bei „Hauptsache frei“ mit dabei.

Schneider: Ja, es gibt diese Szene. Wir würden aber auch sagen, dass die Stadt sich diesen Schatz bewusster machen sollte, denn nur wenn entsprechende Strukturen, damit meinen wir vor allem Förder- und Raumstrukturen, gegeben sind, sind die Akteurinnen und Akteure der Stadt in der Lage, auch langfristig in Hamburg bleiben zu können. Einige prominentere Vertreterinnen und Vertreter der Szene sahen sich in den letzten Jahren gezwungen, ihrer Stadt den Rücken zu kehren. Ganz einfach, weil die Lebenshaltungskosten in anderen Städten niedriger sind und ihnen an anderer Stelle mehr Wertschätzung entgegen gebracht wurde.

Es gibt und gab in Hamburg schon Festivalformate für die freie Szene – 150% Made in Hamburg, Kaltstart, DanceKiosk, auch das Kampnagel-Sommerfestival repräsentiert freies Theater, wenn auch mit einer anderen Zielrichtung. Inwiefern gibt es da eine Konkurrenz?

Theilacker: Natürlich sind wir als neues Festival dieser Konkurrenz ausgesetzt und müssen uns daran messen lassen. Gleichzeitig sehen wir das entspannt, Hauptsache Frei ist in der spartenübergreifenden und ausschließlichen Ausrichtung auf Hamburger Künstlerinnen und Künstler einzigartig.

Es gab im Vorfeld Protest gegen die angeblich ausbeuterischen Arbeitsbedingungen bei „Hauptsache frei“, weswegen sich renommierte Hamburger Theatermacherinnen und Theatermacher wie Jonas Woltemate und Regina Rossi entschieden haben, nicht am Festival teilzunehmen. Ist dieser Protest berechtigt?

Schneider: Erstmal hat jede und jeder jederzeit das Recht zum Protest. Sich für höhere Honorare in der Freien Szene einzusetzen, ist immer berechtigt und auch Teil unserer Hauptsache-Frei-Mission.

Theilacker: Gleichzeitig traf uns der angesprochene Protest durchaus überraschend. Offensichtlich hat die von uns formulierte Mission zu hohe Erwartungen geschürt, die wir angesichts unserer Finanzierung allerdings nicht erfüllen können.

Es werden Preise verliehen. Schafft so etwas nicht einen Wettstreit unter den Künstlerinnen und Künstlern, wo Solidarität viel wichtiger wäre?

Schneider: Ja, wenn man sich entscheidet Preise zu verleihen, entsteht eine Form der Konkurrenz. Wir gehen aber zum einen davon aus, dass sich alle beteiligten Künstlerinnen und Künstler gegenseitig die Preise gönnen. Und zum anderen erlaubt das Mittel der Preisvergabe auf verschiedenen Seiten die Einbindung von Fachpublikum und Institutionen, die für alle Beteiligten von Nutzen sein können.

Was macht „Hauptsache frei“ anders als andere Festivals?

Theilacker: Unser Fokus ist die Freie Szene Hamburgs. Das zeigt sich bei den Orten, dem Wettbewerbsprogramm und auch bei den Themen des Rahmenprogramms.

Schneider: Außerdem ist die Kombination aus Publikumsprogramm am Abend und Rahmenprogramm für die Akteurinnen und Akteure der Szene davor nennenswert. Aber am besten überzeugt sich jede und jeder selbst davon, was bei uns anders und besonders ist. In jedem Fall kann man sich in kurzer Zeit einen Eindruck von der Vielfalt, den Besonderheiten und der Qualität der Freien Szene Hamburgs machen.

Sarah Theilacker wurde 1979 im Schweizerischen Thalwil geboren. Sie studierte Betriebswirtschaftslehre und Kulturmanagement in Zürich und Berlin und leitete das Hamburger Theaterfestival Kaltstart und das Kulturhaus III&70. Seit September 2014 ist sie für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am Stuttgarter Theater Rampe verantwortlich.

Anne Schneider wurde 1980 in Göttingen geboren. Sie studierte Theater- und Medienwissenschaft in Erlangen und arbeitete als Regieassistentin an der Berliner Schaubühne und am Staatstheater Nürnberg. Seit 2009 ist sie freie Regisseurin unter anderem am Berliner Ballhaus Ost und am Hamburger Lichthof Theater.

Falk Schreiber Verfasst von:

Falk arbeitet als Redakteur und Theaterkritiker in Hamburg.

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