glitzerbrudiStefan Behr, Redakteur bei der Frankfurter Rundschau, bezeichnete in einem Kommentar die Gegendemonstration am Montag als beschämend. Eine Replik.

“Keine Jagd auf Menschen”, schreibt Stefan Behr in seinem Kommentar in der Frankfurter Rundschau und findet es “edel, hilfreich und gut”, wenn Menschen gegen Pegida demonstrieren – aber dabei sollen sie sich bitte an bestimmte Regeln halten. Die Gegendemonstration hat das am Montag seiner Meinung nach nicht getan, sondern wie “ein Lynchmob gewütet” und sei deshalb vor allem eines gewesen: “beschämend”.

Sehr geehrter Herr Behr, als eine dieser beschämenden Demonstrantinnen, die sich am Montag dazu entschieden hat, nicht “friedlich”, “bunt” und “familienfreundlich” an der Kundgebung am Römer teilzunehmen, bin ich vor allem über eines beschämt: ihren Kommentar.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich finde es toll, dass so viele Menschen am Römer waren und ein Zeichen gegen Rassismus gesetzt haben. Jeder Mensch sollte sich seinen Möglichkeiten und Überzeugungen nach beteiligen und solidarisch zeigen können. Ob das nun eine Kerze im Fenster ist, eine halbe Stunde Licht aus in der Wohnung, ein Post auf Facebook. Ich glaube nur nicht, dass das ausreicht.

Stellen wir uns mal vor, wir wären am Montag alle zum Römer gegangen. Ohne Eier, ohne Farbbomben und ohne Pfeifkonzert. Mit bunten Schildern, Eintracht-Fahnen, Luftballons und Seifenblasen. Wir hätten gemeinsam am Römer unser buntes Frankfurt gefeiert. Schön. Währenddessen hätten sich die Pegidas unter Polizeischutz an der Hauptwache versammelt. Neben der Organisatorin und christlichen Fundamentalistin Heidi Mund, die in ihren Reden übrigens alles andere als christlich rüberkommt, und ihrem Ehemann, einem Stadtverordneten der „Freien Wähler“ im Frankfurter Römer, waren da auch nur der stellvertretende NPD-Vorsitzende in Hessen, Stefan Jagsch, die German Defence League, die Nationalen Sozialisten Rhein Main, Aktivist_innen der Montagsmahnwache sowie ein rechtsesoterischer “Druide”.

Während wir also an der Hauptwache Reden lauschen und froh sind, in einer so weltoffenen und schönen Stadt wie Frankfurt wohnen zu dürfen, wäre diese nette Ansammlung von Menschen durch die Frankfurter Innenstadt gezogen. Mit menschenverachtenden, hetzenden und ausländerfeindlichen Parolen. Ich weiß nicht, ob Sie sich die Jungs von der German Defence League mal angeschaut haben – aber mit denen ist eher nicht so gut Kirschen essen wie mit einem Großteil der Gegendemonstrant_innen. Das harmloseste aus deren Mund wäre wahrscheinlich noch “Wir sind das Volk” gewesen, aber damit haben Sie ja ohnehin kein Problem, Herr Behr. Und Sie schreiben von einem Lynchmob.

Eier sind keine gefährlichen Waffen. Farbbomben auch nicht. Vereinzelte Pegidas, die sich den Weg durch die Gegendemonstration gesucht haben, wurden weder zusammengeschlagen, noch anderweitig körperlich versehrt (siehe Polizeibericht) – die Polizist_innen, von denen Sie schreiben – “dass dort niemand zusammengeschlagen wurde, lag einzig an der massiven Polizeipräsenz” – standen meterweit entfernt hinter ihren eigenen Absperrungen. Und wenn Sie dann etwas von Lynchmob und gewalttätigen Krawallmacher_innen schreiben, dann sind Sie es, die Heidi und ihren Gefährt_innen damit in die Hände spielen – und nicht wie Sie behaupten: “Der Organisatorin Heidi Mund […] tut man mit der Brüllerei sogar einen Riesengefallen: Manche könnten gar glauben, die Frau habe etwas zu sagen.”

Es sind Antifaschist_innen, die sich in Deutschland am aktivsten an der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit beteiligen. Es sind Antifaschist_innen, die sich Nazis und Rassisten auf der Straße entgegenstellen und jetzt kommen Sie daher und wollen auf einmal sagen, wie in Ihren Augen korrekt demonstriert wird? Sorry.

In einem anderen Text zum Montag schreiben Sie, “sympathischer und bunter” wirke die Demonstration am Römer. Da mögen Sie recht haben, eine Kundgebung ist nun mal keine Gegendemonstration, aber das wissen Sie ja sicher. Und wenn da am Römer “Wir sind das Volk!” gerufen wird, dann wirke das nicht unangebracht, meinen sie.

Sehr geehrter Herr Behr, es geht hier nicht darum, wer das Volk ist!

Sie schreiben: “Die Frage des Abends stellt ein junger Mann, der optisch eher das Morgenland repräsentiert. ‘Pegida, du Hurensohn, wo bist du?’” Wenn Sie sich allerdings auf den Römer stellen und rufen “Wir sind das Volk!” und am selben Abend dann diesen Satz in Ihren Bericht schreiben, dann ist für Sie scheinbar klar, wer zu diesem “Volk” gehören darf und wer nicht.

Sehr geehrter Herr Behr, Rassismus ist keine Meinung!

Sie schreiben in Ihrem Kommentar vom “Niederbrüllen des politischen Gegners”. Das klingt so, als würde das geschehen, weil die Pegidas eine andere “Meinung” haben. Aber Rassismus ist keine Meinung – deshalb darf und muss er auch “niedergebrüllt” werden. Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda!

Sehr geehrter Herr Behr, es heißt “kein Fußbreit”!

Und das ist durchaus wörtlich gemeint. Nicht in Frankfurt und auch in keiner anderen Stadt. Dass der Marsch nicht wie geplant stattfinden konnte ist einzig durch die Blockade der Gegendemo erreicht worden – ziviler Ungehorsam, vor allem Lärm, sind hierbei notwendige und probate Mittel. Da kann es auf dem Römer noch so bunt zugehen.

Sehr geehrter Herr Behr, es ist einfach nur beschämend, wenn sie das wichtige Engagement von Antifaschist_innen als beschämend bezeichnen!

 

Mit Dank an Jonathan Struck @jntns

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