Im Rausch der Tiefe

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Im Rausch der Musik durch die Nacht.

Die Füße hängen im Wasser, während der Rest des Körpers auf dem grünen Gras ruht. Nur der Kopf dreht sich zu einer Weide, deren dünne Arme durch die Luft wehen und sanft über das Wasser streicheln. Es ist ein schöner Sommertag mitten in Berlin. Die Menschen unterhalten sich oder lesen ein Buch und lachen viel. Das ist schön. Ich atme durch… und halte die Luft an. Lautes Gekreische lässt die Ruhe verschwinden und Beats dröhnen scheppernd über die Wasseroberfläche. Schon wieder eines dieser Boote. Schon wieder diese Musik.

Seit ein paar Jahren wandelt sich die elektronische Musikszene in Berlin. Früher für Mut, Vielfalt und rauschhafte Nächte gelobt, gerne im illegalen Kellerclub und verwinkelten Hinterhöfen, wird sie heute verflacht und verramscht. Nachdem der technische Fortschritt den Zugang ermöglichte, fühlten sich viele Menschen dazu berufen, einem Ur-Instinkt zu folgen: DJ werden. Wir kennen es alle von der letzten WG-Party und dem unausweichlichen Kampf um die Spotify-Playlist. In diesem geschützten Raum geht glücklicherweise alles, da werden auch unironisch die Backstreet Boys abgespielt und am Ende lachen alle. Anderswo werden jedoch öffentliche Plätze bespielt: Die Musik im Blut und auf der Festplatte – was soll da noch schiefgehen? Alles! Denn seitdem wird Berlin mit einem faden Brei aus chilligem House oder Stumpfbeat-Partymucke gefüttert, nix mehr mit Schlaraffenland.

Ein gutes Beispiel: diese Boote. Vor ein paar Jahren konnte ich entspannt am Treptower Ufer liegen und die einzigen Laute kamen von vorbeischnackenden Enten oder leise schwappenden Tretbooten. Doch die Boote wurden größer und motorisiert und bieten nun Platz für eine Menge Alkohol und einen Laptop. Endlich nicht mehr unterhalten oder einfach auf’s Wasser starren – wo kämen wir sonst auch hin? Partystimmung überall, juhu! Die Musik ebenso billig wie der Alkohol. Unter den treibenden Beats von DJ XYZ, gefeatured von R’n’B-Göttin ABC und geremixt von, nennen wir ihn mal: Herbert Mallorca, wird dann herumgespaßt, getrunken und so weiter. Cool. Danach haben alle Hunger und wollen sich irgendwo einen Döner ‚reindrücken. Überraschung – sobald der Laden etwas hipper ist, dröhnt auch da wieder der selbe Scheiß aus den Boxen. Und da dies scheinbar noch nicht genug ist, wird für den Abend ein Clubbesuch geplant – natürlich auch zu „feinstem“ Elektro. Ähnlicher Kram läuft dann auch auf den meisten Open-Air-Partys, egal ob am Görli oder an der Spree. Gerne mit extra Gute-Laune-Anstrich á la Holi-Festival. Ähnlich ergeht es einem in vielen Bars. Dauerbeschallung rund um die Uhr aus mittelmäßigen Boxen. Danke für nichts – weder verstehe ich nun andere Menschen, noch klingt die Musik gut genug. Ist die Musik nicht gut genug oder sind es die Menschen? Angebot und Nachfrage?

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Alec Empire

Es ist zum Kotzen. Dabei mag ich elektronische Musik. Und Boote. Doch um an die mögenswerte Musik zu kommen, muss man erst abtauchen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Mittwochabend, ein Gewitter zieht über Berlin hinweg und lässt es ordentlich schütten. Nass, aber glücklich, erreiche ich das Berghain und sichere mir einen Platz an der Bühne. Vielfalt ist heute angesagt – drei Künstler nacheinander. Um mich herum verdunkelte Gesichter. Ab 22 Uhr geht die Reise los. Klara Lewis, junge Schwedin aus Uppsala, lässt es scheppern. Es klingt, als würde eine Metallsäge arbeiten. Kurz darauf geht es in die Tiefe. Es gluckert und gluckst, Tonfragmente durchziehen die dumpfen Töne. Auf der Leinwand zeigen sich schemenhaft Menschen, Formen, Gebäude. Wo geht es hin? Diese Frage beantwortet Lawrence English, der danach die Rakete startet. Alles vibriert – meine Nasenflügel, meine nassen Hosenbeine, das Haar des Typen vor mir. Oder bin ich das? Selbst mein Magen verkrampft langsam. Diese schockwellenartige Startprozedur ist wohl nichts für Freizeitastronauten, dabei heißt es: Nur Mut! Wir sind fast durch. Ein Knall! Geschafft… wir schweben nun im All, das Schlimmste haben wir also hinter uns. Leider nicht – gerade hatte sich mein Körper wieder beruhigt, da treten Wurmlöcher und andere Anomalien auf. Ich fühle mich, als säße ich in einer Nur-Ton-Aufführung von „Interstellar“. Einen beruhigenden Spruch von Matthew McConaughey könnte ich jetzt vertragen. Glücklicherweise fängt der Pilot an zu jubeln und verlässt das Steuer. Dann betritt der Hauptverantwortliche die Weltraumbühne: Alec Empire. Sonst immer vorne dabei, wenn „Atari Teenage Riot“ Hintern vom Computersessel auf die Barrikade verpflanzt, versteckt er sich heute hinter dem Steuerpult. Auf dem Bildschirm erscheinen blaue, verschwommene Aufnahmen. Ab und zu blitzt ein Fokus durch. Wo sind wir? Vielleicht auf Pandora, alles so schön blau hier. Und es klingt nach Weltraum-Disco – leider nur kurz, dann kommen die Anomalien wieder durch. Vielleicht sollen wir gar nicht hier sein? Nach einer kurzen Begutachtung des Planeten blitzt das Stroboskoplicht und Paukenschläge trommeln herab – Rückreise. Rausch. Planet „Xeno II“ wurde verlassen. Fast halb zwei. Die Nachtluft tut gut.

Heute stehen „Xeno III“ und „Theta I“ auf dem Programm. Nicht für mich – ich brauche wieder etwas Ruhe. Erstmal an die Schwerkraft gewöhnen, das Erlebnis verarbeiten und mich fragen: Wieso wagen nicht mehr Menschen solch eine Reise? Sind deswegen nicht viele extra nach Berlin gekommen – um mehr zu wagen als das Übliche? Um mehr zu hören als das Übliche? Bis Sonntag bieten sich beste Gelegenheiten, das in die Tat umzusetzen. Bis dahin versorgt das CTM-Festival „for Adventurous Music & Art“ die Stadt mit lauter Reiseangeboten in fremde Welten. Also runter vom Boot und der immer selben Wellenlänge – steigt ein in die Rakete!

P.S.: Wer was mit Medien machen und sehen will sollte die Augen offen halten, denn Katharina ist gestern zur Eröffnung der Transmediale flaniert und berichtet euch heute Abend davon. Ausstellungen, Installationen, Performances – es gibt viel zu entdecken!

 

Bildrechte: Alec Empire – CTM – Festival for Adventurous Music & Art // Weekend – flickr.com – Lilian (unter Verwendung der CreativeCommons-Lizenz)

 

 

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Enrico Seligmann Verfasst von:

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