Der Mensch und die Technik

© Artwork by The Laboratory of Manuel Bürger
Das Transmediale Festival eröffnete gestern im HKW in Berlin © Artwork by The Laboratory of Manuel Bürger

Wir haben den Krieg verloren. So sagt es Peter Sunde, Mitgründer der Filesharing-Plattform „Pirate Bay“, gestern bei der Eröffnung der Transmediale in Berlin. Der Kapitalismus habe gewonnen, daran hätten auch Wikileaks und Snowden nichts ändern können. Sunde, der erst im November letzten Jahres aus dem schwedischen Gefängnis entlassen wurde, betont, dass Freiheit kein selbstverständliches Gut sei. Gerade in einer Gesellschaft in der Moral schleichend durch Kontrolle ersetzt werde, dürften wir uns nicht blind stellen. Sundes Rede zeigt die brennende Aktualität des Festivalthemas „Capture All“. Desillusioniert und mit dunklen Humor trägt er im Haus der Kulturen der Welt (HKW) seine Bedenken gegenüber sozialen Medien und den Monopolen unserer digitalen Gesellschaft vor. Die Debatte über Macht und Überwachung hat noch lange kein Ende gefunden.

If you want to win don’t play the game.

Kristoffer Gansing, Kurator der Transmediale, sieht das Thema des Festivals als einen poetischen Versuch, sich einer bestimmten Denkweise zu nähern. Irgendwo zwischen Orson Welles und Trainspotting. In einer Zeit der ständigen Selbstoptimierung führen wir fortlaufend Bewertungen unserer selbst durch. Wie in einem Rollenspiel versuchen wir ständig, uns zu verbessern und unsere Ressourcen zielführend zu verwalten. „The logic of ‚Capture All’ spreads everywhere“, sagt Gansing. Jeder Teil unserer Welt sei davon durchdrungen, unser Leben ist messbar geworden. Dieser Erkenntnis folgt die Kunst: Das Festival für digitale Kultur und Medienkunst widmet sich in diesem Jahr dem undurchsichtigen Verhältnis von Nutzer und Algorithmen. Das Thema gewinnt an Bedeutung, denn Quantifizierung bedeutet Macht. Gerade die Konferenzen im Rahmen des Festivals versuchen, Gegenstrategien aufzuzeigen und sich zwischen Theorie und Praxis zu verorten.

Track Sleep. Track Steps. Track Habits. Track Life. Tricks of the Mind. 

Künstlerinnen wie Hanne Lippard bereichern die Eröffnungsnacht. Mit ihren assoziativen Wortketten liefert sie ein Mantra für das Festival. Der Data God „Stakhanov“, der auch in der Ausstellung im HKW zu sehen ist, durchsucht das Dickicht der Daten nach wiederkehrenden Mustern. Er enthüllt unsere Angst vor Terror, Veränderung, Kontrollverlust, und sagt nebenbei die Zukunft voraus. Erica Scourti begeistert mit einem live auf der Bühne verfassten Text. Mit Hilfe ihres Iphones und dessen Wortvorschlägen entsteht in wahnsinniger Geschwindigkeit ein Bewusstseinsstrom, voll von Phrasen und Brüchen. Poesie der Technik.

Hello my name is on the way to get a free contact.

Nach der Eröffnungszeremonie strömt die Masse die Treppen des HKW hinunter in die dunkle Halle der Ausstellung. Wabenförmig ziehen sich Bauzäune durch den Raum, begrenzen die Sicht, zeigen den Weg. Die wenigen Audioguides sind nicht zur Orientierung in diesem Labyrinth gedacht, sie beziehen sich auf eine imaginäre Ausstellung des schwedischen Künstlers Jonas Lundh. Nach bestimmten Algorithmen aus den Daten vergangener Transmedialen kreiert er etwas Neues. Den Rest der Ausstellung gilt es, sich selbst zu erschließen. Man rät uns:

Use your imagination.

Vieles bleibt verwirrend, unerschlossen. Der Besucher wankt zwischen Bauzäunen umher, fotografiert mit seinem Smartphone und wird so unweigerlich Teil des Konzepts. Was halten wir fest? Was geben wir preis? Die Aufnahmewut der Menschen hält Dominic Gagnon in seinem Film „Hoax_Canular“ fest. Eine urkomische und zugleich beschämende Aneinanderreihung von pickeligen Teenagern und waffentragenden, bärtigen Männern, die sich zum Weltuntergang äußern. Die Apokalypse im Kleid von YouTube-Videos. Parallel zur Transmediale setzt sich das CTM-Festival unter dem Titel „Un Tune“ mit Sound und Musik auseinander – Flaneur Enrico berichtete bereits hier. Ein Besuch beider Festivals lohnt sich. Und wenn es nach Sunde geht, nutzen wir unsere Chance.

Recapture All.

Die Transmediale findet noch bis zum 1. Februar in Berlin statt.

Share Button
Katharina Röben Verfasst von:

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.