Wie sie mir mein Augenlicht nahmen

Gestern ging in Berlin das 16. CTM Festival zu Ende. © DISK CTM

Ein wenig Angst habe ich schon. Mit zittriger Hand unterschreibe ich die Haftungsverzichtserklärung. Das Formular weckt in mir mulmige Gefühle, Gott sei Dank bin ich nicht allein, auch die anderen vier Teilnehmer blicken etwas verunsichert drein. Sie stecken uns in Anzüge mit zu engen Klettverschlüssen und blinkenden Sendern. Zuletzt folgt der Helm, sein Visier ist milchig, lässt die Umwelt um mich herum bis zur Unkenntlichkeit verschwimmen. Die Helferin greift nach meiner Hand und ich folge ihr blind. Der Abend im Hebbel am Ufer beginnt mit einem Vertrauensbeweis. Gehorsam folgend, mit zaghaften Schritten tastend, begebe ich mich in die Installation „ILinx“, die Chris Salter zusammen mit TeZ, Panagiotis Tomaras und Ian Hattwick geschaffen hat. Ein letztes Mal die Grenzen von Technik, Sound und Mensch testen, bevor auch diese Installation im Rahmen des CTM Festivals zu Ende geht.

Ilinx bedeutet Wahrnehmungsstörung. Es ist ein Begriff, den der französische Soziologe Roger Caillois im Bezug auf seine Spieltheorie einführte, um einen Zustand des Rausches, der gestörten Sinne zu beschreiben. Ganz im Sinne eines Schwindelanfalls, der uns die Orientierung verlieren und uns verwirrt umherschwanken lässt. Und tatsächlich: Ich werde in einen Raum schwärzester Finsternis geführt – jegliche Orientierung ist verloren. Die Hand führt mich zu einem Stuhl. Dankbar nehme ich Platz und bin nun mir selbst überlassen. Um mich herum nichts als Dunkelheit. Ich höre meinen eigenen schweren Atem und das Geräusch von Schlagen auf Metall. Es vergehen ewige Minuten bis endlich das Signal ertönt und die eigentliche Performance beginnt. Ihre Darsteller sind verschwommene weiße Lichter, lautes Tönen, dumpfes Dröhnen und immer wieder das Geräusch von Schlagen auf Metall.

Ein weiteres Signal ist mein Zeichen aufzustehen. Ich ergreife die Schnur über mir und taste mich vorsichtig geradeaus. Langsam stelle ich mich der unbekannten Dunkelheit, trete ihr mutig entgegen. Es ist ein bisschen so wie in einem Science-Fiction-Film nur mit unklarer Sicht und weniger Außerirdischen. Plötzlich schlagen mir Lichtblitze entgegen. Ich bleibe schlagartig stehen, wie ein verschüchtertes Reh auf einer nächtlichen Landstraße. Die Sender an meinen Armen und Beinen beginnen zu vibrieren. Die Lichter prasseln auf mich ein, das Dröhnen wird lauter. Während ich mich an Stroboskob und Vibration gewöhne, taste ich mich weiter. Immer wieder komme ich zu Abzweigungen und dann passiert es. Die Einsicht: Ich laufe im Kreis. Und in diesem Moment, in dem ich meine Orientierung zurückgewinne, entzaubert sich die Installation Stück für Stück. Ich werde mutiger, doch ehe ich mich traue, die Schnur ganz loszulassen, endet die Performance abrupt mit lautem Getöse. Was bleibt, ist eine intensive Erfahrung, bei der unsere sonst so bildfixierte Wahrnehmung außer Kraft gesetzt wird. Doch es fehlt an narrativer Struktur, an einer wirklichen Steigerung, es gibt kein Ziel auf diesem Weg durch die Dunkelheit. Die Vibrationen bleiben ein leerer Effekt, da sie weder mit Licht noch mit Ton verbunden sind. Meine anfängliche Angst ist verflogen. Die Lichter verschwinden. Am Ausgang warten schon die nächsten fünf Mutigen. Alles dreht sich buchstäblich im Kreis.

Katharina Röben Verfasst von:

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