Fuck the pain away. (Foto: Falk Schreiber)

Fuck the pain away. (Foto: Falk Schreiber)

Sie wollen uns erzählen: Wir wären pornofiziert. Also, nicht wir persönlich, aber die Gesellschaft, und ich öffne den Mund, um etwas zu sagen. Sie aber sagen, Falk, sei still, du hast doch keine Ahnung, wie es auf den Schulhöfen zugeht: Gangbangs im Mädchenklo. Fünfjährige rasieren sich die Schamhaare. Kleine Mädchen denken, mit ihnen stimme was nicht, weil sie keine Lust haben, Sperma zu schlucken, kleine Jungs denken, mit ihnen stimme was nicht, weil sie pro Orgasmus nicht mindestens einen halben Liter ejakulieren. Denkt doch einmal an die Kinder!

Und ich denke an die Kinder. Ich denke, dass es doch eigentlich völlig normales Pubertätsverhalten sei, zu denken, dass etwas mit einem nicht stimme. Zu klein, zu dick, zu kurzsichtig, zu schlechte Noten in Mathe. Oder zu wenig Ejakulat. Ich denke, dass die Pubertierenden schon noch merken, dass es im Leben nicht darauf ankommt, wie viel man ohne Brille sieht oder wie viel man an Lusttröpfchen absondert, habe ich ja auch gemerkt, also, das mit der Brille. Sie aber sagen: Falk, du kannst da nicht mitreden, das ist doch was ganz anderes.

Sie sagen: Es findet eine Normierung und Gleichschaltung des Sexualverhaltens statt. Die Jugendlichen nehmen sich gar nicht mehr die Zeit, auszuprobieren, was ihnen gefällt, die spielen einfach nur nach, was sie in Pornos gesehen haben, radikal, ohne Gefühl, wüst. Und irgendwann sieht das Sexualverhalten immer gleich aus, immer penetrativ, immer Petting, Blasen, Vaginal, Anal, Ejakulat ins Gesicht, fertig. Und ich sage nichts mehr, stimmt ja auch, das ist nicht schön. Aber ich frage mich: Ist das denn wirklich so? Gibt es in diesem Internet nur einen einzigen Porno, und den spielen dann alle nach, so mit Petting, Blasen undsoweiter? Liegt die Annahme nicht viel näher, dass sie sich ein paar Pornos anschauen, und einen, der ihnen gefällt, nehmen sie dann vielleicht als Anregung? Ich meine, wir hatten ja nix, damals in der schwäbischen Kleinstadtjugend, wir bekamen in einer Handvoll Biologiestunden gesagt, wie Sexualität auszusehen hat (by the way, Frau Walter: Sie sollten sich heute noch schämen für den Unterricht, den Sie uns erteilt haben!), das war doch eigentlich eine viel stärkere Normierung. Oder verstehe ich da jetzt was falsch?

Ich rede nicht über Sex, ich rede über Musik. Wir hatten ja nix, damals in der schwäbischen Kleinstadt, unser Musikgeschmack war … übersichtlich. Die Vielen hörten Scorpions, und wer ein wenig anders drauf war, hörte Depeche Mode, überspitzt gesagt. Beziehungsweise: Auch die Depeche-Mode-Fans hörten wohl mal bei den Scorpions rein und stellten dann fest, dass das nichts für sie ist, Geschmäcker ändern sich ja auch, entwickeln sich. Heute gibt es ein Überangebot, und wenn man auf den Schulhof schaut, hört die eine Dubstep, der andere Doom, und jemand Drittes betont, sich rein gar nicht für Musik zu interessieren und daddelt lieber auf dem Smartphone rum. Darüber jammert die Kulturindustrie seit Jahren: Es gebe keinen Mainstream mehr, die Geschmäcker seien fragmentiert, man könne keine Produkte mehr zielgruppengerecht anbieten. Aber weswegen soll, was für den Musikgeschmack gilt, das nicht bei der Sexualität ähnlich sein?

Natürlich wird es auch sexuellen Sinne weiterhin diejenigen geben, die begeistert Helene Fischer hören, die Masse, die zufrieden ist mit Petting, Blasen undsoweiter (Corporate music still sucks and so does corporate porn, aber auf mich hört ja mal wieder niemand). Aber eigentlich ist es doch schön, wenn neben ihnen auch Leute stehen, die libanesischen Folk hören, Zwölftonmusik oder obskuren sibirischen Elektro. Oder Leute, die das kein bisschen interessiert. Oder Leute, die, warum nicht?, mal Helene Fischer hören und mal den Libanon-Folk. Ich bin gerne beim Motzen dabei: Früher war alles besser, pipapo, aber wenn die Gesellschaft sich auf mehrere Spielarten Pornografie, Musik, Kultur überhaupt einlässt, dann freu’ ich mich doch.

(Auf dem Foto ist eine Konzertszene von Peaches abgebildet, weil ich a) gestern bei einem wirklich beglückenden Peaches-Konzert auf Kampnagel war und b) Peaches für mich einen funktionierenden Link darstellt zu einer anderen Sexualität einerseits und einer anderen Popmusik andererseits. Davon ab muss man Peaches natürlich nicht mögen, ich mag zum Beispiel nicht: ihr Machotum. Ihre Erlöserposen. Ihr fragwürdiges Faible für modische Achtziger-Scheußlichkeiten. Trotzdem.)

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