Eierlikörkunst

Ein Disney-Michelangelo aus dem Überraschungsei: Kunst von Hans-Peter Feldmann vor den Hamburger Deichtorhallen. (Foto: Falk Schreiber)
Ein Disney-Michelangelo aus dem Überraschungsei: Kunst von Hans-Peter Feldmann vor den Hamburger Deichtorhallen. (Foto: Falk Schreiber)

Pop also. Kann ich ja eigentlich wenig mit anfangen, mit Pop, der ist mir häufig zu nah an den Mächtigen, zu systembejahend. (Okay, das ist eine Empfindung, mit der man vielleicht noch bei Warhol und Koons durchkommt, aber schon bei Roy Lichtenstein werden solche Aussagen problematisch, bei Kiki Kogelnik gänzlich unmöglich. wir sind lockvögel baby!) Und doch: Ist das erste Kunstwerk, das man von Hans-Peter Feldmanns Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen bekommt, Pop. Das ist sowas von Pop, man möchte sich fast abwenden, so süßlich ist es, so wüst trivialisiert von einer vordergründigen Ironie. Nämlich: eine überlebensgroße Kopie von Michelangelos „David“, schweinchenrosa angemalt, mit blondem Haupt- wie Schamhaar, gestützt auf eine Art Plastikwurzel. Ein Disney-Michelangelo aus dem Überraschungsei. Steht da vor der Halle, auf einem Sockel, ein Etwas, das schreit: Ich bin Kunst! Ich bin ironisch!

Kunst aber ist nicht ironisch. Zumindest nicht für Feldmann, der eigentlich gar kein Ironiker ist, der nur die Kunst trivialisiert und das Triviale zur Kunst erklärt, mit Humor, mit Interesse, mit Liebe, und letztere ist wahrlich kein Mittel der Ironie. „David“, die laut Wikipedia bekannteste Figur der Kunstgeschichte, wird so zur grellen Werbefigur auf einem Sockel. Und in der Ausstellungshalle begegnen einem gleich zu Beginn fünf Ready-mades, die eigentlich die absolute Nicht-Kunst darstellen, gerade weil die Ausstellung sich mit allumfassendem Gestus „Kunstausstellung“ nennt: Frauenhandtaschen, die der Künstler Passantinnen für je 500 Euro abkaufte und deren Inhalt er in Vitrinen ausbreitet. Da steht man dann, vor säuberlich aufgereihten Taxiquittungen, Kinderfotos, Tampons, Visitenkartenund Zigarettenschachteln, man analysiert belustigt, und plötzlich wird man in Geschichten hineingezogen: Was ist das wohl für eine Frau, die sich die Wegbeschreibung zu einem Hotel in Warschau ausgedruckt hat? Wer leistet sich edelste Kosmetika, ist aber augenscheinlich ein Mensch, der nicht den Hauch von Geschmack mitbringt, zumindest wenn man das hässliche Motiv auf der eingepackten Gratispostkarte anschaut? Feldmann ist ein Geschichtenerzähler, aber er seine Geschichten sind solche, die das Leben spielt, und uns macht er augenzwinkernd zu Voyeuern, die interessiert im Intimsten der Unbekannten herumstochern.

Das nämlich auch: Feldmann sucht sich Bezüge hier und dort und überall, und häufig sind es Bezüge, die einen sexuellen Unterton haben. Nackte Brüste. Fetischisierte Kleidung. Pornographie. Er nimmt einen billigen Nachdruck von Gustave Courbets realistischem Skandalbild „L’Origine du monde“ (1866) und verfremdet die Darstellung gespreizter Frauenschenkel mit einem Bikinistreifen, kicherkicher. Ein wenig hat der 1941 geborene Feldmann etwas von dem Onkel, der auf Familienfeiern grundsätzlich zuviel trinkt und schon am frühen Abend anfängt, sexistische Witzchen zu reißen, keine schlimmen Witzchen, nur ein wenig peinliche. Man möchte sich in Grund und Boden schämen, aber irgendwie mag man ihn doch, den dicken, lustigen, älteren Herrn, und man stelle sich nur mal vor, wie langweilig die Feier wäre ohne ihn.

Außerdem stammt Feldmann aus Düsseldorf, wo er heute noch lebt und arbeitet. Und vielleicht tue ich Düsseldorf ja unrecht mit dieser Meinung, aber: Die nordrhein-westfälische Hauptstadt ist für mich der Inbegriff des Wirtschaftswunder-Wohlstands der 1960er-Jahre. Reich. Ein wenig geschmacklos. Lebensfroh. Konservativ genug, dass man mit ein wenig Pornografie noch schocken kann. Eigentlich ist Feldmanns Kunst oder Nicht-Kunst wie Eierlikör, süß und 50 Jahre alt und sehr, sehr westdeutsch. Aber niemand soll sagen, dass Eierlikör nur böse sei.

Die Ausstellung Hans-Peter Feldmann: Kunstausstellung ist noch bis 2. Juni in den Deichtorhallen Hamburg: Halle für aktuelle Kunst zu sehen.

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Falk Schreiber Verfasst von:

Falk arbeitet als Redakteur und Theaterkritiker in Hamburg.

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