Collaborative Consumption (1): Der geteilte Kleiderschrank

Thekla und Pola vor ihrer Kleiderei. Foto: Urs Preukschat
Thekla und Pola vor ihrer Kleiderei in Hamburg. Foto: Urs Preukschat

Collaborative Consumption ist überall: Per Carsharing sollen wir umweltschonender reisen. Foodsharing will die Großstädter durch Vernetzung mit ihren Nachbarn dazu bringen, weniger Nahrungsmittel wegzuschmeißen. Und Thekla Wilkening (25) und Pola Fendel (24) bieten in Hamburg mit ihrer Kleiderei der Wegwerfgesellschaft die Stirn. Seit November 2012 gibt es ihre kleine Ladenfläche mit rund 600 (Damen-)Teilen in der Hamburger Hochstraße 24, und das mediale Echo auf ihre Idee war für die zwei Studentinnen überwältigend. Aber ist Collaborative Consumption auch in den Köpfen der Menschen angekommen? Wir haben nachgefragt.

Thekla, Pola, wer kommt zu euch in die Kleiderei, um Klamotten zu leihen – gibt’s dieses Publikum nur in der Großstadt oder auch in kleineren Städten?

Pola: Es kommen vor allem Leute zu uns, die großen Spaß an Mode haben.
Thekla: Studenten, die nicht so viel Geld haben und das Konzept gut finden. Oder Leute, die nachhaltiger kaufen wollen. Und die findet man ja nicht nur in Hamburg oder Berlin, sondern bestimmt auch in Bielefeld.
Pola: Die Kleiderei ist auch ein Konzept, das in seiner Größe variabel ist. Man kann eine Kleiderei in einer großen Halle oder auch in einer kleinen aufmachen. Wir sind kein Großstadtphänomen.

Trotzdem ist Collaborative Comsumption – die Idee, zu teilen statt zu kaufen – für viele Menschen sicher noch gewöhnungsbedürftig. Oder nehmt ihr das anders wahr?

Thekla: Collaborative Consumption ist Trend. Würden wir daran nicht glauben, hätten wir die Kleiderei nicht aufgemacht. Trotzdem möchte man daneben auch immer noch ein paar eigene Kleidungsstücke im Schrank haben. Du möchtest die Jeans besitzen, die deinen Hintern perfekt macht, und du willst sie mit niemandem teilen müssen, klar.

Was muss passieren, damit wir Collaborative Consumption ernsthaft betreiben und sich die Idee des Teilens flächendeckend durchsetzt?

Pola: Das hängt vor allem vom Zugang zu Produkten ab. Ob die Stadträder genutzt werden, hängt davon ab, ob es im Stadtgebiet genug Räder und Stationen gibt. Gerade habe ich mich bei der Foodsharing-App angemeldet, aber selbst in einer Großstadt wie Hamburg funktioniert das im Moment überhaupt nicht, weil es sehr wenige aktive Nutzer gibt. Es ist ja auch so: Wenn die Bibliothek nicht auf deinem Weg liegt, dann gehst du nicht hin. Das kriegen wir bei uns auch oft mit: Für viele Bekannte aus der Uni ist dieKleiderei einfach zu weit ab vom Schuss. Andererseits macht Besitz auch deine Individualität aus. Es wäre ganz schlimm, zu jemandem zu kommen und dort keine Bücher, Platten oder Filme zu finden, über die man Rückschlüsse auf die Person ziehen könnte.
Thekla: Ich muss auch einfach meine Lieblingsbücher haben. Die fünf Bücher, die mir die Welt bedeuten, will ich besitzen. Aber generell ist es so, dass ich mich freier fühle, je weniger ich besitze. Und ich glaube, dieses Gefühl wird sich in Zukunft durchsetzen.

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Mark Heywinkel Verfasst von:

Mark Heywinkel arbeitet als Journalist in Berlin.

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