Leute, die wie selbstverständlich ihren Glauben nach außen tragen

Am Dienstagabend war die Welt noch in Ordnung: Hamburg vor dem Ansturm der Kirchentagsbesucher. (Foto: Falk Schreiber)
Am Dienstagabend war die Welt noch in Ordnung: Hamburg vor dem Ansturm der Kirchentagsbesucher. (Foto: Falk Schreiber)

Ob Hamburg schon die zwei Millionen voll hat? Seit Mittwoch tobt hier der Evangelische Kirchentag, erwartet werden bis zu 500000 Besucher, 500000 Kurzzeiteinwohner mehr in einer Stadt, deren Infrastruktur ohnehin schon an ihren Grenzen steht. Ich merke auf jeden Fall schon was, obwohl der größte Ansturm wahrscheinlich noch bevor steht, ich merke die überfüllten Nahverkehrsmittel, ich merke, dass überall in der Stadt desorientierte Menschen in blauen Schals rumlaufen, dem Corporate Clothing der Veranstaltung, ich merke, dass in dem netten Park vor meiner Haustür junge Leute singen, glockenhell. Aber sie stören nicht, die Kirchentagsbesucher, sie benehmen sich nicht daneben, sie schüchtern mich auch nicht ein. Wenn man mal von den Pfadfindern absieht, die hier in parmilitärischen Uniformen herumschwirren und wohl Ordnerdienste verrichten, die haben etwas Beunruhigendes an sich, wobei, am beunruhigendsten ist wohl das Wissen, dass ich vor vielen Jahren selbst in diesen Uniformen rumlief, Kluft nannte man die. Aber alles in allem sind die Besucher harmlos. Es ist nur … Es ist so eigenartig, Leute zu sehen, die wie selbstverständlich ihren Glauben nach außen tragen. Das passt nicht in mein Leben, und das passt nicht in diese Stadt, ich fühle mich unangenehm berührt. So ähnlich wie der durchschnittlich rechtsoffene Mitteleuropäer, der auf Urlaub durch Kreuzberg läuft, eine Frau mit Kopftuch sieht und sofort die osmanische Belagerung Wiens vor Augen hat. Mit dem will ich natürlich nichts zu schaffen haben, ich will tolerant sein, und, ja, ich will die Kirchentagschristen klaglos ertragen.

Und tatsächlich ist der Kirchentag kein Frömmlertreffen, der ist grundsätzlich eine gute Sache. Kirchentage sind in der Regel recht progressive Geschichten: Die in der bundesrepublikanischen Schwulenbewegung emminent wichtige Gruppe Homosexualität und Kirche etwa wurde 1977 auf einem Kirchentag gegründet, immer wieder ist die soziale Frage Thema in den Panels, queere, linke, antifaschistische Themen werden über Kirchentage in ein eher weniger linkes weil zutiefst bürgerliches Millieu gespült. Und das auf einem intellektuell durchaus hohen Niveau – meine ehemalige Doktormutter etwa entstammt diesem typischen Kirchentagsumfeld, das sich aus linkem Bewusstsein, weltoffenem Glauben und typisch norddeutschem Protestantismus speist (und zu dem ich als katholisch sozialisierter Süddeutscher naturgemäß keinen Zugang habe). Da sind alles Sachen, gegen die ich überhaupt nichts habe, im Gegenteil, die ich fordern möchte.

Und dann grätscht mir eben wieder die Ästhetik dazwischen. Das blaustrümpfig Handgestrickte, das von den Besuchern auszugehen scheint. Die Fahrt über den Rathausmarkt gestern abend, und auf dem Rathausmarkt singt der Gifhorner Pastor und Liedermacher Fritz Baltruweit solch entsetzlichsten Schmocksoftpop, dass ich beinahe vom Fahrrad falle. Folgende Zeilen singt er: „In deiner Nähe/habe ich den Himmel erblickt/Du bist ein Engel, ein Engel/mir von Gott geschickt.“ Es ist so schlimm, textlich, musikalisch, optisch, würde mir jemand erzählen, dass solche Leute auf dem Kirchentag auftreten, ich würde lachen: „Ezähl‘ doch nix, das ist ein Klischee, das nichts mit der Realität zu tun hat! Kirchentagsgänger hören doch heutzutage alle James Blake. Oder so. Auf jeden Fall was Cooles.“ Nein, die Kirchentagsgänger hören Fritz Baltruweit, die sind fest im Glauben, die machen sich keine Gedanken über Coolness.

Die schöne, kluge Frau weiß natürlich mehr als ich. Die weiß zum Beispiel, dass die Kirchentagsgänger überhaupt nicht fest im Glauben sein müssen, das sind Jugendliche, und die wollen einfach mal was erleben. Leuchtet ein: Die kommen vom Land, und da gibt’s ja nicht wirklich was zu erleben, bis auf Veranstaltungen der Kirche. Und wenn diese Kirche einmal alle zwei Jahre eine gemeinsame Fahrt in die Großstadt zum Kirchentag anbietet, dann bekommen die Jugendlichen natürlich glänzende Augen: Großstadt! Knutschen! Nachtleben! Natürlich fahren sie dann mit, Glauben hin oder her. Am Ende übernachten sie dann in einer stinkigen Turnhalle irgendwo im Umland, sie kennen sich nicht aus, und das Nachtleben, das ihnen von den Organisatoren angeboten wird, ist Fritz Baltruweit. Also gehen sie auf eigene Faust los, wissen nicht wohin und werden nach und nach aggro.

Am Kirchentagswochenende wird der Hamburger Kiez also voll sein mit Provinzjugendlichen, die voll übel drauf sind. Mit anderen Worten: wie jedes Wochenende.

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Falk Schreiber Verfasst von:

Falk arbeitet als Redakteur und Theaterkritiker in Hamburg.

5 Comments

  1. 4. Mai 2013
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    Mir ist es auch suspekt, einen Glauben dermaßen groß zu feiern. Einfach, weil ich wirklich niemanden kenne, der so religiös ist, dass er für mehrere Tage in eine andere Stadt fahren würde, um Gottesdienste zu erleben.
    Das mit den Jugendlichen vom Dorf teile ich 🙂
    Aber man muss wirklich sagen: Die Leute sind hektisch und teils etwas verwirrt und überfordert, aber durchweg freundlich. Das ist doch schonmal was.

  2. ARA
    5. Mai 2013
    Reply

    Eine Freundin hat erlebt, wie eine Dame mit blauem Schal sagte: „Schminken ist Kritik am Werke Gottes.“ Ihre Meinung.
    Ich denke es gibt wie in jeder Gruppe Menschen solche und solche, extreme und durchschnittliche, nette und Arschlöcher. Und dafür, dass es keinen deutschen Moscheen-, Hindu- oder Satanistentag gibt, können die meisten eher nichts. (Ich bezweifle aber auch, dass sie das gut finden würden.) Und diese Einseitugkeit ist es, die mich am meisten stört.

    • 5. Mai 2013
      Reply

      Ja, ARA, die Einseitigkeit ist das Hauptproblem, weniger die „Schminken ist Kritik am Werke Gottes“-Fraktion, das sind Sektierer, die sich selbst entlarven.. Andererseits, ein Moscheen-, Hindu- und Satantistentag, bitte nicht! Die Stadt platzt ja jetzt schon aus allen Nähten.

      • ARA
        5. Mai 2013
        Reply

        naja, es bleiben dann ja noch die anderen probleme die religionen so mit sich bringen. weites feld, das alles.

        • 5. Mai 2013
          Reply

          Ja. Aber ich bezweifle, dass man über diese Probleme mit Kirchentagsbesuchern diskutieren könnte.

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