Ein Café, das, bitteschön, seinen Kuchen mit Bioeiern macht

Bleibt Wilhelmsburg bunt? Die Coolwerdung einer Nachbarschaft bedeutet auch immer die Vernichtung einer Nachbarschaft. (Alle Fotos: Falk Schreiber)
Bleibt Wilhelmsburg bunt? Die Coolwerdung einer Nachbarschaft bedeutet auch immer die Vernichtung einer Nachbarschaft. (Alle Fotos: Falk Schreiber)

Wohnen. Ja, Wohnen. Ist so ziemlich der zentrale Punkt, wenn wir vom Leben in der Stadt reden. Bezüglich Wohnen gibt es eigentlich nur zwei Alternativen: Die Gründerzeitwohnung im Stadtkern (cool! Womöglich mit Stuck an der Decke? Dielen? Südbalkon?) und das Reihenhaus im Vorort (voll uncool), dazu gibt es noch den Sonderfall der Plattenbauwohnung im möglichst zweistelligen Stockwerk (ziemlich cool, aber alles in allem nur was für die ganz Harten und auch recht unbequem). Sprich: Wir alle wollen die Gründerzeitwohnung. Und wir wissen natürlich auch, dass die Gründerzeitwohnungen nicht für uns alle reichen werden.

Wilhelmsburg ist ein zentraler Stadtteil in Hamburg, eine Insel in der Elbe mit gut 50000 Einwohnern auf rund 35 Quadratkilometern, mit der S-Bahn zehn Minuten vom Hauptbahnhof entfernt. Ein Problemkiez. Mit Gründerzeitvierteln. Und halbwegs bezahlbaren Mieten. Wobei in den reizvollen Jahrhundertwendebauten natürlich schon Menschen wohnen, in der Mehrzahl Migranten, und wenn wir dorthin ziehen würden, würde das bedeuten, dass die raus müssten. Und wohin würden die dann ziehen? An den Stadtrand? Wegen uns? Wird man automatisch zum Gentrifizierer, wenn man Wilhelmsburg klasse findet, cool, lebenswert?

So einfach ist es nicht: Man hört von Jugendlichen, die keine Lehrstelle bekommen, weil sie auf der Elbinsel aufgewachsen sind, die wünschen sich nichts mehr als eine Aufwertung, zumindest eine Durchmischung des Stadtteils, schon alleine, damit das Stigma des Ghettos sich auflöst. Allerdings: Die massiven Mieterhöhungen, unter denen Wilhelmsburg seit einigen Jahren leidet, wollen und können sie nicht bezahlen.

Wiesen, Wasser, Wohnungen. Wilhelmsburg.
Wiesen, Wasser, Wohnungen. Wilhelmsburg.

Mit der Internationalen Bauausstellung (IBA) wird Wilhelmsburg zum Experimentierfeld für das, was wir uns unter einer Stadt vorstellen. Wie wollen wir eigentlich leben? Im urbanen, verdichteten Raum, ökologisch halbwegs vertretbar, mit Zugang zu Kultur und Zerstreuung. Für all das bietet Wilhelmsburg mehr als ausreichend Platz, und das ist nicht nur die Chance, sondern auch das Problem der Elbinsel. Die IBA zeichnet das Bild einer Stadt, in der die Migrantin Tür an Tür neben dem stylischen Hänger lebt, neben der Sozialarbeiterin, neben der freischaffenden Irgendwas-mit-Medien-Nase – und verschweigt dabei, dass das ein Wunschbild ist, das in der Realität keine Entsprechung findet. Die verschiedenen urbanen Modelle, die auf der IBA zu sehen sind (ein Mehrfamilienhaus namens BIQ mit in die Außenfassade eingelassenen Reaktoren, in denen Algen die Energie für das Haus produzieren! Waterhouses auf Pfählen im Wasser! Soft Houses aus Holz und mit integrierter Photovoltaikanlage) sind mehr oder weniger schick, aber wenn man den Investor im BIQ fragt, was eine auch nur halbwegs coole Wohnung denn so kosten solle, murmelt er etwas von einer Monatsmiete in Höhe von 12,50 Euro netto. Die Wohnung ist klein, 60 Quadratmeter, und das wären auch schon 750 Euro, na, danke auch.

Irgendjemand soll rüberkommen. Aber wer? Auf jeden Fall kein Geringverdiener.
Irgendjemand soll rüberkommen. Aber wer? Auf jeden Fall kein Geringverdiener.

Die IBA-Verantwortlichen lügen, wenn sie behaupten, dass alle von den Veränderungen profitieren würden – die Veränderungen sind Veränderungen zu Gunsten derjenigen, die ohnehin schon auf der Sonnenseite der Stadt leben. Aber auch diejenigen, die in der IBA nur das Übel sehen, denken zu kurz. Natürlich muss das Prinzip Stadt neu gedacht werden, natürlich müssen wir uns fragen: Was wollen wir? Wir wollen nicht: an den Stadtrand. Viele wollen nicht: in die Plattenbauten. Ausreichend Altbauten gibt es nicht für alle (ganz davon abgesehen, dass der ökologische Fußabdruck der geschätzten Jahrhundertwendebauten auch eher mäßig toll ist, so mies wie die Dinger isoliert sind). Also brauchen wir neue Ideen, und, mal ehrlich, die Idee, dass Algen in der Fassade einem die Wohnenergie liefern, ist so blöde nicht. (Nebenbei gesagt sieht die Algenfassade schon im gerade fertiggestellten Neubau ein wenig aus wie ein Waschbecken, das dringend mal wieder geschrubbt werden müsste.)

Wir wollen umweltfreundlich leben. Wir wollen sozialverträglich leben. Wir wollen gute Galerien im halbwegs erreichbaren Umfeld unserer Wohnung, wir wollen ein Café, das, bitteschön, seinen Kuchen mit Bioeiern macht. Wir wollen keine Verdrängung, und vor allem wollen wir nicht schuld sein an Verdrängung. Wir ahnen, dass einiges an unseren Wünschen nicht zusammenpasst. Und wir gewöhnen uns langsam an den Gedanken, dass dieses Nicht-Zusammenpassen ein zentrales Element unseres Lebens sein dürfte.

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Falk Schreiber Verfasst von:

Falk arbeitet als Redakteur und Theaterkritiker in Hamburg.

5 Kommentare

  1. Sonja
    6. Mai 2013
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    Hm. Hast Du Dich auch mal außerhalb dieses von Dir so schön beschriebenen Experimentierfelds mit futuristischen „Algenhäusern“ & Co umgesehen? Mitten in der Hochhaussiedlung, die all die „stylishen Hänger“ wohl nie betreten werden, gibts mehrere Schul- und Bildungsprojekte der IBA. Ende Mai eröffnet da z.B. das „Tor zur Welt“ – die größte und teuerste Schule Hamburgs – mit Stadtteilschule, Sprechheilschule, Volkshochschule, Gymnasium und und und. Alle, die mit Sozial- und Bildungsarbeit im Viertel zu tun haben, finden das viel wichtiger als die paar Hightech-Wohnhäuser! Und auch mitten im angeblich so gentrifizierten Reiherstiegviertel gibts jetzt ein „Sprach- und Bewegungszentrum“ für Migranten und ein Seniorenwohnheim mit Wohungen für demenzkranke Türken. Da ist schon arg verwegen, zu behaupten, das wären alles Projekte „für diejenigen die ohnnehin schon auf der Sonnenseite leben“. Schade. Einfach mal Eure Website-Namen beim Wort nehmen und mit offenen Augen durch die Stadt flanieren!

    • Das stimmt – gerade die Bildungsoffensive kann man als Pluspunkt der Bauausstellung sehen, obwohl die in der Präsentation der IBA eher steifmütterlich behandelt wird. Ist vielleicht nicht so spektakulär und massentauglich wie die architektonischen Entwürfe. Bei den Entwicklungen im Reiherstiegviertel hingegen bin ich skeptisch, ich glaube, da ist viel Kosmetik dabei, auch bei den von dir angeprochenen Projekten. Einen hübsch ausgewogenen Artikel zum Thema hat übrigens letzte Woche Gernod Knödler in der taz veröffentlicht.

  2. 17. Mai 2013
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    Gentrifizierung kann man nur sehr schlecht aufhalten.
    Wenn mehr hippe Städter kommen, werden die Mieten eben teurer, aber die Lebensqaulität auch höher, aber auch teurer.
    Teufelkreis eben…
    LG

  3. […] der letzten Woche hatten wir einen Artikel zur Gentrifizierung in Berlin, in dieser Woche denkt Falk Schreiber über den Stadtteil Wilhelmsburg in Hamburg nach. Das ist dort, wo gerade die Internationale Gartenschau stattfindet, die für den Stadtteil […]

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