Jubel, Trubel, keine Heiterkeit. (Foto: Kathrin Kaufmann)

Jubel, Trubel, keine Heiterkeit. (Foto: Kathrin Kaufmann)

Beste Orte: Berge, Schiffe, Kneipen, schreibe ich in meinen Steckbrief für diese Seite. Ich zögere kurz. Stimmt das überhaupt noch, mit den Kneipen?

Es gab Zeiten, da war ich beinah jeden Tag in einer, oder in einem Club, auf einer Veranstaltung, einem Konzert. An Orten, an denen man Gespräche und Getränke findet. Das Nachtleben gehörte zu meinem Leben. Jene, die da “rauswachsen” und Ausgehen als etwas sehen, das man in der Jugend macht und dann bleiben lässt, sind mir suspekt. Auch die Pärchen mit ihrer Ersatzfreizeit aus Koch- und Filmabenden waren mir nicht geheuer. Klar schlägt man sich die Nächte mit Kleinkindern anders um die Ohren, und in der Vorlesung einzuschlafen, weil man durchgefeiert hat, ist auch eine ganz andere Nummer, als den Job nicht gut zu machen, weil man verkatert ist. Trotzdem: Irgendwie kriegt man das Feiern schon unter. Die Art und Weise ändert sich vielleicht mit dem Alter, aber es einfach bleiben lassen? Niemals.

Und dann hatte ich plötzlich keine Lust mehr.

Oder immer seltener. Lieber ausgeschlafen sein. Weniger trinken. Weniger Geld ausgeben. Nicht auf den Nachtbus warten müssen. Die Nächte im Club fühlen sich eine an wie die andere. Die Stammkneipe bietet auch nichts Neues. Dieselben Leute. Die gleichen Gespräche. Letztens war ich da, Freitag, Mitternacht, es war voll, die Energie der noch jungen Nacht schwirrte durch den Laden, die gute Laune schwappte in Wellen über mich hinweg, und ich mitten drin, ich dachte: Wie sinnlos. Zuhause, da wartet mein Buch, die Serie, manchmal auch der Mann, ein produktiver Morgen, eine Yogastunde. Und was wartet hier?

Feiern kann man auch Zuhause, mit ausgesuchtem Wein und in ausgesuchter Gesellschaft, oder? Um dann alles abzubrechen, wenn der Nachbar gegen Mitternacht mit dem Besen an die Zimmerdecke klopft. Aber war doch nett. Ist doch auch nett.

Würde es sich nicht wie ein Burnout in der falschen Disziplin anfühlen.

Leute wie ich, die brauchen das Ausgehen. Weg vom Rechner, von der To-do-Liste und den Artikeln im Feedreader, weg von den Serien und Büchern, weg vom Funktionieren. Die Brüche mit der Produktivität, der Vernunft, die hauchen dem ganzen Rest erst Leben ein. All das gesammelte Gedankengut, das Können, es ist wertlos, wenn es nicht ab und an durch den Funken Freiheit einer zerredeten, durchtanzten oder durchzechten Nacht entfacht wird zu etwas Neuem. Klar, ich kann die inspirierenden Menschen auch zu mir einladen. Aber die Zutat Zufall, die gibt es nur da draußen, nicht auf meiner Couch. Genauso die skurrilen Momente. Das Verlieren in der Menge. Diesen erfüllten Rausch. Das Anecken mit dem Andersartigen, das Überschreiten von Grenzen. Wo sonst findet man dieses Gefühl des im Morgengrauens nach Hause tapsen, schwerfüßig aber innerlich schwebend? Woher kommen sonst diese verrückten Ideen?

Es war eine Neuköllner Nacht, in der dieses Blog entstand.

Wir öden uns gerade an, ich und das Nachtleben. Aber so schnell gebe ich nicht auf.

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